10. Dezember 2012

ThyssenKrupp mit tiefroten Zahlen: Fünf Milliarden Euro Miese

Essen (dpa) - Der krisengeschüttelte Stahlkonzern ThyssenKrupp hat im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Verlust von fünf Milliarden Euro verbucht. Auf das Stahlgeschäft in Übersee schrieb das Unternehmen weitere 3,6 Milliarden Euro ab, wie es am Montagabend in Essen nach einer Aufsichtsratssitzung mitteilte.

ThyssenKrupp
Bei ThyssenKrupp drohen Milliarden-Abschreibungen wegen des Desasters mit Stahlwerken in Übersee. Foto: Roland Weihrauch
dpa

Bereits im vorangegangenen Geschäftsjahr 2010/2011 (Ende September) hatte das Unternehmen wegen Fehlplanungen in Brasilien und den USA 2,1 Milliarden Euro abgeschrieben. Damals hatte ThyssenKrupp einen Verlust von 1,8 Milliarden Euro ausgewiesen.

Compliance-Vorstand Jürgen Claassen, Technologie-Vorstand Olaf Berlien und Stahl-Vorstand Edwin Eichler sollen zum Jahresende ihre Posten räumen. Die Entscheidung stehe im Zusammenhang mit der Gesamtverantwortung des Vorstands für die Führung der Geschäfte und die Führungskultur des Konzerns, hieß es.

Konzernchef Heinrich Hiesinger wies auf einen «immensen finanziellen Schaden» hin, der durch das fehlgeschlagene Stahlwerks-Projekt in Übersee und durch unsaubere Geschäfte dem Konzern entstanden sei. «Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren.» Der Aufsichtsrat habe mit den Veränderungen im Vorstand auch ein klares Zeichen für den Neuanfang gesetzt. Eine neue Führungskultur in dem Unternehmen solle auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basieren. Zu möglichen Neubesetzungen im Vorstand wollte ein Sprecher zunächst keine Stellung nehmen.

Das Stahlgeschäft in Übersee wird künftig als nicht-fortgeführte Aktivität in der Bilanz geführt. Der erst seit 2011 amtierende Konzernchef hatte die Anlagen in Brasilien und den USA im Mai zum Verkauf gestellt. Der Verkaufsprozesses sei fortgeschritten, erklärte das Unternehmen. Einen Käufer konnte es jedoch noch nicht präsentieren. Zu einem Zeitplan für den Verkauf wollte ein Sprecher keine Stellung nehmen. Die zum Verkauf stehenden Werke standen zuletzt noch mit rund sieben Milliarden Euro in den Büchern. Jüngst war über einen Verkaufspreis von drei bis vier Milliarden Euro spekuliert worden.

ThyssenKrupp hatte nach früheren Angaben rund zwölf Milliarden Euro in die Werke gesteckt - hinzu kam ein weiterer operativer Verlust von rund einer Milliarde Euro im vergangenen Geschäftsjahr. Wegen Planungsfehlern und veränderter Rahmenbedingungen wie der Aufwertung der brasilianischen Währung haben sie sich zu einem Milliardengrab entwickelt.

Die Arbeitnehmervertreter in dem Konzern kündigten an, den weiteren Umbau des Konzerns unterstützen zu wollen. «Das Unternehmen braucht einen echten Neuanfang», sagte das IG Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler. Eichler ist auch stellvertretender Vorsitzender des ThyssenKrupp-Aufsichtsrats.

Der Mega-Verlust führt zu einem Novum in der Geschichte von ThyssenKrupp - die Dividende fällt aus. Der Einzelabschluss weise kein ausschüttungsfähiges Ergebnis aus, erklärte das Unternehmen. Diese Entscheidung gilt als Überraschung. Der Konzern sah sich bislang einer Kontinuität bei seiner Dividendenpolitik verpflichtet. Vor allem der größte Aktionär, die Krupp-Stiftung, drängte auch in schlechten Zeiten immer auf einer Ausschüttung. Mit dem Geld finanziert sie ihre wohltätigen Förderprojekte.

Unterdessen gab die Krupp-Stiftung das Ausscheiden von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück aus dem Aufsichtsrat des Stahlkonzerns bekannt. Steinbrück werde das Kontrollgremium zum Jahresende verlassen, hieß es. Die Stiftung kann über ein sogenanntes Entsenderecht bis zu drei Vertreter ohne Beschluss der Hauptversammlung in den Aufsichtsrat schicken. Neu einziehen soll Ralf Nentwig.

Inzwischen läuft im Konzern die Suche nach den Schuldigen. Bei der Aufarbeitung eines Schienenkartells hatte das Unternehmen zuvor angekündigt, Schadenersatzansprüche gegen die Kartellbeteiligten geltend machen zu wollen. Man habe bei der Aufarbeitung des Kartells im Sinne von «Null Toleranz» bereits hart durchgegriffen und personelle Konsequenzen gezogen, hieß es.

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