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Kühle weiße Nächte

145 Teilnehmer auf der Flusskreuzfahrtvon Moskau nach Sankt Petersburg

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Moskau - St. Petersburg. Wenn um Mitternacht das Abendrot die Morgenröte küsst, dann ist in Russland die Zeit der Weißen Nächte. Doch als die Ludwigsburger die Metropole Moskau im Dauerregen erleben, ist davon nichts zu spüren. Erst auf der Fahrt Richtung Norden erleben sie Nacht für Nacht, dass es um diese Jahreszeit tatsächlich nie richtig dunkel wird.

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Leserreisen - Moskau - St. Petersburg

Sie sehen zwar nur einen kleinen Teil des größten Landes der Erde, dafür aber einen wunderschönen, auf Flüssen, die bereits die Wikinger befuhren. Diese zogen ihre Langboote an flachen Wasserscheiden über Land und gelangten so von der Ostsee bis ins Schwarze Meer und weiter an den Bosporus.

Macht und Pracht der Zaren – das Wort Zar leitet sich übrigens ab von Caesar – manifestiert sich zunächst im Moskauer Kreml, ab dem 18. Jahrhundert dann vor allem in Sankt Petersburg. Zeitgleich mit Ludwigsburg entstand hier 1703 Russlands neue Residenz. Peter der Große öffnete mit dieser ersten russischen Hafenstadt, die auch lange Hauptstadt sein sollte, sein Tor zur Welt.

Welchen Prunk Peter I. für sich und seine Familie hier entfaltete, stellt sein Vorbild Versailles glatt in den Schatten. Selbst gegenüber den in der Nähe von Sankt Petersburg liegenden Sommerresidenzen Peterhof und Katharinenpalast mit ihren goldenen Kuppeln, den verzierten Fassaden, zahlreichen Springbrunnen und weitläufigen Parks wirkt das Residenzschloss Ludwigsburg geradezu anständig behäbig, fast provinziell.

Im krassen Gegensatz zum Reichtum der Zaren sieht man auf der Museumsinsel Kishi, wie das einfache Volk lebte. Die Freilichtmuseen mit Häusern aus dem 19. und Anfang 20. Jh. wirken auf westliche Besucher wesentlich älter, archaischer, mittelalterlicher. Kaum zu glauben, dass sie bis vor wenigen Jahren an anderer Stelle noch bewohnt waren.Es grenzt fast an ein Wunder, dass es zweihundert Jahre dauerte, bis sich Widerstand regte und es schließlich, gerade hier in Sankt Petersburg, zur Revolution kommt.

Nicht weniger als die Zarenzeit prägte dann siebzig Jahre lang der sowjetische Sozialismus das Land. In Stein gemeißelt stalinistische Großbauten:  Acht der im Zuckerbäckerstil erbauten Hochhäuser mit Spitztürmen liegen in Moskau, eines in Warschau. Auch heute noch begehrt sind stalinistische Wohnbauten, oft an Flussufern oder breiten Boulevards gelegen, auf Russisch Prospekt genannt, wegen ihrer geradlinigen Perspektive.

MS Ivan Bunun durchquert indes Europas größte Seen, zunächst den Onegasee, dann den riesigen Ladogasee, in den der Bodensee 35 Mal hineinpassen würde. Wegen der Erdkrümmung wähnt man sich auf einem Meer und erinnert sich: auch am Bodensee kann man von Bregenz aus das westliche Ufer nicht mehr sehen!

Ältere Russen kulturell in der Vergangenheit verhaftet; Geltung verschaffen sich nur klassische Komponisten wie Tschaikowski und vorrevolutionäre Schriftsteller und Dichter des 19. Jh. wie Tolstoi, Dostojewski oder Puschkin. Volkslieder in Moll haben stets einen Klang an Traurigkeit. Schließlich hatten die Russen über Jahrhunderte auch nichts zu lachen.

Doch die Zeiten ändern sich. Sogar Kritik an Putin wird laut: Unlängst setzte er ein späteres Renteneintrittsalter fest und erhöhte die Preise von Grundnahrungsmitteln. Doch wenn am Sonntag in Russland gewählt werden würde, könnte er trotz dieser unpopulären Maßnahmen wohl mit einer absoluten Mehrheit rechnen. Denn den Russen geht es immer besser, ungeachtet westlicher Sanktionen.

Was den Ludwigsburgern vor allem auffällt ist die Tatsache, dass sich ein Vorurteil in keinster Weise bestätigt: Das Land wirkt blitzsauber. Vor allem in den Städten finden sich keine Papierschnipsel auf dem Bürgersteig und wenig Graffitis im öffentlichen Raum. Eine Teilnehmerin spricht es offen aus: Wenn ich das mit dem Bahnhof Ludwigsburg vergleiche – wenn es nur nicht so frisch wäre, zwanzig Grad, daheim hat’s fünfunddreißig!

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