LUDWIGSBURG | 31. Dezember 2011

„Man muss auch etwas aushalten können“

Es war nie die Rede davon, dass meine Mutter ins Altenheim zieht“, sagt Inge Metzger. Die 60-Jährige betreute ihre Eltern alleine, bevor ihre Mutter bettlägerig wurde. Im Jahr 2005 hatte diese einen kleinen Schlaganfall gehabt und war nach einigen Monaten an den Rollstuhl gebunden. „Ich habe damals gesagt: Jetzt kündige ich. Doch meine Mutter meinte immer: Du musst noch arbeiten.“

Bild: Holm Wolschendorf

Es war nie die Rede davon, dass meine Mutter ins Altenheim zieht“, sagt Inge Metzger. Die 60-Jährige betreute ihre Eltern alleine, bevor ihre Mutter bettlägerig wurde. Im Jahr 2005 hatte diese einen kleinen Schlaganfall gehabt und war nach einigen Monaten an den Rollstuhl gebunden. „Ich habe damals gesagt: Jetzt kündige ich. Doch meine Mutter meinte immer: Du musst noch arbeiten.“
Drei Jahre hätte Inge Metzgers Arbeitgeber, die Kreissparkasse Ludwigsburg, ihr für die Pflegezeit freigegeben. Von 2006 bis 2007 nahm sie das Angebot abgeschwächt in Anspruch: Sie arbeitete nur freitags, um ihrer Mutter an den restlichen Tagen bei den Dingen zu helfen, die sie nicht mehr selbst tun konnte. Ihr Mann habe Verständnis dafür gehabt, dass sie durch die Pflege so eingespannt war.
„So wie es damals war, hätte ich das jahrelang ausgehalten“, sagt Inge Metzger. Ihre Mutter konnte noch viele Dinge selbstständig erledigen. Eine Schwester im Krankenhaus habe ihre gezeigt, wie sie ihre Mutter hochheben konnte, einige Dinge habe sie sich von der Diakonie zeigen lassen. Sogar die Intimpflege, vor der andere zurückschrecken, übernahm Inge Metzger. Die Beziehung zu ihrer Mutter habe sich dadurch nicht verändert. „Es kommt auf die Beziehung zwischen Eltern und Kind an und man muss auch etwas sehen und aushalten können“, sagt sie rückblickend. „Mich hat beruhigt, dass ich es selber machen konnte.“
Nach ihrem zweiten Schlaganfall 2007 konnte die Mutter nicht mehr sprechen, hatte eine Magensonde und war bettlägerig. „Meine Mutter rund um die Uhr zu pflegen, das ging für mich nicht. Sie war sofort damit einverstanden, eine Vollzeitpflegekraft zu holen“, erzählt die Tochter. „Sie war eine sehr gute Mutter und hat immer an mich gedacht.“ Auch damals stand für Inge Metzger nicht zur Debatte, die Mutter in ein Pflegeheim zu geben. „Wenn sie weg gewesen wäre, was hätte dann mein Vater machen sollen. So wären zwei Herzen gebrochen gewesen.“
Über einen Arbeitskollegen stieß Inge Metzger auf die Agentur, die ihr Vollzeitbetreuerinnen vermittelte. „Ich habe schnell jemanden bekommen.“ Ihren Beruf kann die Tochter seither uneingeschränkt ausüben.
Die zwei Frauen stammen aus Polen und wechseln sich alle zwei Monate ab. Auch nach dem Tod der Mutter blieben sie bei dem Vater, der unter Demenz leidet. Einmal im Monat kommt die Diakonie, um ihn zu untersuchen. „Ich bin beruhigt, dass die Frauen nach ihm sehen. Er ist zufrieden, wenn ich zu ihm komme“, so Inge Metzger. Über die finanzielle Seite macht sie sich ebenfalls keine Sorgen: Die Eltern hätten gespart.
Abends nach der Arbeit besucht Inge Metzger ihren Vater. Manchmal bringt sie ihm etwas Schwäbisches zum Essen mit. Manchmal drehen sie sonntags eine Runde mit dem Auto. Ansonsten seien aber die Pflegerinnen Chef im elterlichen Haushalt. Die verstehen sich gut mit den Nachbarn und haben gegenüber dem Vater viel Einfühlungsvermögen. „Es ist überhaupt kein Thema, in den Urlaub zu fahren“, erzählt Inge Metzger. Dann ist nämlich ihr Neffe Ansprechpartner für die Frauen, der gleich nebenan wohnt.
Dass sie einen Teil der Verantwortung abgegeben hat, macht Inge Metzger kein schlechtes Gewissen. „Ich bin der Typ Mensch, der sich sagt: Erst ich. Denn wenn es mir schlechtgeht, kann ich auch nicht gut für andere sorgen.“

Greta Gramberg
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