Zeitung in der Schule
Ludwigsburg | 31. Juli 2015

Von der Synagoge zum Badehaus

Kinder führen Interessierte zu geschichtsträchtigen jüdischen Orten in Freudental

Das Pädagogisch-Kulturelle Centrum (PKC) ist weit über Freudentals Grenzen bekannt. Dass dort auch die Jugendgruppe „Junges PKC“ existiert, wissen die wenigsten. Am Sonntagnachmittag boten die Schüler eine Führung durch Freudental an. 26 Jungen und Mädchen im Alter zwischen acht und 14 Jahren gehören zu der Gruppe. In Workshops haben sie sich mit der Geschichte Freudentals auseinandergesetzt. Dieses Wissen gaben die Kinder nun als Jugend-Guides durch den Ort an die Interessenten weiter.

Junge Fachleute

Barbara Schüßler, Leiterin für Pädagogik und Kultur am PKC, teilte die vielen Besucher in fünf Laufgruppen ein, die von jeweils einem Jugend-Guide betreut wurde. Die Schülerin Paula vom Jungen PKC brachte die Besucher zu verschiedenen Stationen, wo wiederum junge Fachleute Rede und Antwort standen. In der ersten Station, der ehemaligen Synagoge, warteten bereits Frederieke und Yasa.

Die beiden Kinder zeigten eine in Tuch eingewickelte Thorarolle. Diese wurde in der Synagoge gefunden, die Herkunft ist jedoch unklar. Weil sie deutliche Brandspuren aufweist, darf die heilige Rolle angefasst werden. Yasa sagte, dass der Schreiber ein Jahr gebraucht hat, um die 27 Meter lange Rolle zu beschriften. „Alles ist von Hand auf Eselshaut geschrieben. Wenn man einen Fehler macht, muss man von vorne anfangen“, ergänzte Frederieke.

Die Kinder übersetzten die Inschrift über der Synagogentür und zeigten den Hochzeitsstein, der außen angebracht ist. Bei Hochzeiten warf man Gegenstände aus Glas gegen den Stein. Das sollte Glück bringen und das Judentum verbreiten.

Paula führte die Gäste in den oberen Raum der Synagoge. Sie zeigte Windeln, die von Müttern mit Thorarollen und anderen Motiven bestickt wurden. Im Glaskasten ist auch ein Schnipsel mit hebräischer Schrift ausgestellt: „Das konnte keiner lesen. Erst später erfuhr man, dass es Werbung für Malzkaffee ist“, lachte Paula.

Weiter ging es zum Judenschlössle, wo Lea und Viktoria warteten und verrieten, dass das Gebäude 400 Jahre alt sei und dass früher der König darin lebte. Barbara Schüßler ergänzte, dass Juden in Württemberg im Jahr 1499 Handwerk und Landwirtschaft verboten wurde und ihnen nur der Handel blieb. Außerdem wurde ihnen untersagt, sich frei in Württemberg anzusiedeln. Das „kleine Königreich in Freudental“ aber hatte eigene Gesetze und so durften sich hier Juden niederlassen.

Jan, Julius und Joel standen am Wohnhaus von Margot Stein, die 1923 geboren wurde und als 15-jähriges Mädchen alleine in die USA gehen musste. Die Jungen hatten sogar alte Schwarz-Weiß-Fotos von dem Mädchen und seiner Familie, die sie den Besuchern zeigten.

Dreimal untertauchen

Isabelle und Clara waren Fachleute für das jüdische Frauenbad. Dort badeten Frauen 40 Tage nach der Geburt eines Jungen, 80 Tage nach der Niederkunft eines Mädchens, vor und nach der Hochzeit sowie sieben Tage nach der Menstruation. Dabei mussten sie im kalten Bachwasser dreimal untertauchen.

Den letzten Ort der Führung erklärte Paula selbst. Sie zeigte eine sogenannte Mesusa in einem Privathaus. In dieser Kerbe, die sich rechts neben der Haustüre befindet, waren einst kleine Texte aus der Thora verborgen. Die Mesusa ist ein Schutzsymbol. Man legte die Hand darauf und sprach ein Gebet, bevor man das Haus betrat.

Angelika Tiefenbacher
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