Interview
Ludwigsburg | 21. August 2018

„Riesengroße Erwartung bereitet Sorgen“

Die MHP-Riesen Ludwigsburg haben die erfolgreichste Basketballsaison ihrer Vereinsgeschichte hinter sich. Auch für die Saison 2018/2019 hat Trainer John Patrick ein Bundesligateam zusammengestellt, das Grund zu Optimismus gibt. Doch gerade diese „riesengroße Erwartungshaltung“ bereitetet Alexander Reil Sorgen. „Wer davon ausgeht, dass wir jetzt jede Saison Dritter werden, schätzt die Realität völlig falsch ein“, mahnt der Vorsitzende der MHP-Riesen und BBL-Präsident.

Dämpft die Erwartungen: Alexander Reil, Chef der MHP-Riesen Ludwigsburg.
Dämpft die Erwartungen: Alexander Reil, Chef der MHP-Riesen Ludwigsburg.

Herr Reil, die Basketball-Bundesliga fordert ab der Saison 2019/20 einen neuen Mindestetat von drei Millionen Euro. Muss man befürchten, dass die Erhöhung auf Kosten der kleinen Clubs geht?

Alexander Reil: Ich glaube, dass die Anpassung des Mindestetats eine Konsequenz aus der Entwicklung der Liga über die letzten Jahre ist. Wir waren vor sieben Jahren bei ligaweit ungefähr 65 Millionen Euro Umsatz, wir sind heute bei ungefähr 125 Millionen Euro. Es ist keine Floskel, wenn ich sage: Ich bin als Liga-Präsident genauso der Vertreter vom Ersten wie vom Achtzehnten. Aber im Rahmen der Möglichkeiten muss jeder Club zum gemeinsamen Ziel – nämlich Wachstum der Liga – seinen Beitrag leisten.

Warum gerade diese drei Millionen?

Wir haben uns in einer Arbeitsgruppe genau überlegt, welche Kriterien wir festlegen: Was brauchst du, wenn du alle Standards erfüllen und dann noch ein einigermaßen wettbewerbsfähiges Team haben willst. So ist diese Zahl entstanden und ich glaube, sie wird auch den Clubs, die bisher noch nicht soweit sind, helfen, dorthin zu kommen. Du musst an einem Standort irgendwann sagen können: Sind wir auf lange Sicht erstligatauglich? Will das auch die Region? Wenn das in dieser Dimension nicht gewollt wird, dann ist es vielleicht ein sehr guter Zweitligastandort. Aber wir reden über die höchste deutsche Spielklasse. Da gibt es Mindestanforderungen an Professionalität. Dafür brauche ich das notwendige Geld. Deswegen ist das eine völlig richtige Entscheidung.

Einige Zweitligaclubs beklagen, dass der neue Mindestetat den Zugang zum Oberhaus künftig erschweren wird...

An der neuen Hürde wird kein jetziger Erstligaclub scheitern. Da bin ich mir sicher. Wir hatten vor 12, 13 Jahren die Diskussion über die Pflicht einer 3000er-Halle. Ein Schrei ging damals durch die Liga. Zum Schluss hat es aber jeder irgendwie geschafft. Es war ein richtiger und wichtiger Schritt. Jetzt kommt das Thema 2. Liga. Wir wollen ambitionierte Aufsteiger und keine Zufallsaufsteiger. Und ambitionierte Klubs gibt es in der 2. Liga sehr wohl. Außerdem bietet die BBL auch für die Aufsteiger eine Menge an Finanzpotenzialen.

Sie sprechen seit einigen Jahren über die Zukunftsfähigkeit der BBL und wollen die stärkste Liga in Europa werden. Wie weit sind Sie heute fortgeschritten?

Es gibt unterschiedliche Kriterien: Wir haben einen enormen Umsatzsprung gemacht. Wir haben eine Infrastruktur, die keine andere Liga in Europa zu bieten hat, was Hallen und Standards angeht. Zudem haben wir sportlich enorme Schritte gemacht. Deutsche Clubs sind international deutlich erfolgreicher als vor fünf Jahren. Wir haben inzwischen in der BBL europäische Spitzenspieler. Das wäre vor fünf, sechs Jahren unvorstellbar gewesen und auch die Nationalmannschaften befinden sich klar im Aufschwung. Das größte Thema, womit ich nicht zufrieden bin, ist die Frage, wie viele Personen in Deutschland sich für uns interessieren. Offengestanden ist mir diese Entwicklung zu gering ausgefallen.

Die Zuschauerzahlen waren in Ludwigsburg in der abgelaufenen Saison trotz großer Erfolge tatsächlich nicht befriedigend. Wo sind da Hebel, an denen man ansetzen kann?

Es gibt nicht den einen Knopf, den du drücken kannst. Wir müssen uns ganz intensiv damit beschäftigen, in welchem Wettbewerb wir stehen. Der Wettbewerb um Besucher in der Arena besteht aus allen anderen Veranstaltungen, die es in der Region gibt. Wir haben aber noch andere Konkurrenz. Mit einem überschaubaren finanziellen Einsatz kann der Sportinteressierte zu Hause alles anschauen – alles! Das ist auch gut so, weil wir nur durch mediale Präsenz eine Sportart weiterentwickeln können. Aber die Herausforderung wird es sein, zukünftig noch interessantere Angebote zu schnüren, Erlebnisse zu schaffen, um die Interessenten auch in die MHP-Arena zu bringen.

Gibt es dafür schon Lösungsansätze?

Es gibt natürlich Überlegungen. Es fängt bei Kleinigkeiten an. Wenn Sie bereit sind, eine Menge Geld zu bezahlen und den zeitlichen Aufwand auf sich zu nehmen, in die Arena zu kommen und dann sind beispielsweise die Securitys unfreundlich – das ist nicht gut. Wenn Sie sich ein Bier kaufen wollen, aber es dauert 20 Minuten – das ist nicht gut. Das sind Faktoren, die Sie davon abhalten zu sagen: Ich schau es mir nicht zu Hause an. Wir müssen herausfinden, was die Leute in die Halle bringt. Ich denke, dass das Gruppenerlebnis eine entscheidende Rolle spielen wird. Am Ende wird es nicht am Preis liegen. Auch der Erlebnis- und Komfortfaktor muss stimmen.

In der Regel steht am Saisonanfang eine komplett neue Mannschaft auf dem Parkett. Vielen Fans fehlt die Identifikation. Ist das nicht auch ein Problem, besonders in der Anfangsphase einer Spielzeit?

Nein. Das könnte man denken, vielleicht auch zu Recht. Alle Studien, die wir und die Liga gemacht haben, sagen aber aus, dass die Identifikation einer der schwächsten Faktoren in dieser Hinsicht ist. Die Leute wollen Unterhaltung und sie wollen vor allem eines: Erfolg. Allerdings sage ich auch eines: Letztes Jahr haben wir die erfolgreichste Saison gespielt. Unfassbar wie viele Siege wir hatten. Und trotzdem hatten wir weniger Zuschauer. Das hat auch etwas mit Übersättigung zu tun. Die Anzahl der Heimspiele ist zu hoch. Selbst, wenn man sich das finanziell leisten kann. Viele suchen sich aus 30 Spielen die besten aus.

Also wäre eine Verkleinerung der Liga ein Ansatz?

Ja, aber ich wehre mich dagegen, zu sagen, nur weil es mehr internationale Spiele gibt, muss die BBL bluten. Diesen Zusammenhang darf es nicht geben. Die Größe unserer Liga muss abhängig davon sein, wie viele Standorte professionell und mit einem gewissen Anspruch daran teilnehmen können. Wenn das 18 sind, ist da okay, wenn es nur 16 sind, sind es eben nur 16. Aber grundsätzlich zu sagen, wir reduzieren, nur weil die Spitzenclubs eine hohe Spielbelastung haben, das werde ich nicht akzeptieren. Damit wäre die Liga ja abhängig von jeglichen Entscheidungen der internationalen Organisationen.

Wie akut ist das Thema Verkleinerung der Liga? Gibt es konkrete Pläne?

Nein. Es gibt von Ligaseite aus keine Ambitionen und konkrete Maßnahmen, die Liga in absehbarer Zeit zu verkleinern., sofern 18 Klubs die Vorgaben erfüllen.

Es gibt mit Euro League, Euro Cup, Champions League und EuropeCup vier europäische Wettbewerbe. Spielen zu viele Mannschaften international?

Ja, das glaube ich schon. Wir sind in einem System, in dem weit, weit weniger Geld steckt als im Fußball. Aber wir haben mehr Spiele. Ich verstehe gar nicht warum. Das passt nicht zusammen. International haben wir zu viele Spiele. Für viele Euro League-Klubs in anderen Ländern spielt der nationale Spielbetrieb aber keine Rolle.

Zu den MHP-Riesen. Auf dem Papier sieht der Kader stark aus. Was kann man von diesem Team erwarten?

Eins ist mir klar und das macht mir auch ein wenig Sorgen: Die Erwartungshaltung ist riesengroß. Es ist immer schwierig zu sagen. Aber wir kennen die Situation mit unserem Trainer John Patrick seit sechs Jahren. Irgendwie ist es immer gelungen, eine für unsere Verhältnisse sehr wettbewerbsfähige Mannschaft zusammenzustellen. Da vertraue ich auch in diesem Jahr darauf. Wenn man sich anschaut, wie viel wir in den Kader investieren, haben wir keine Position, mit der wir sicher in die Play-offs einziehen müssten. Da würde ich tippen, dass wir irgendwo zwischen Platz acht und zehn stehen, mit eklatanten Unterschieden zur Spitze.

War der dritte Platz eine Ausnahme?

Ja, und ich sage ganz klar: Wer davon ausgeht, dass wir jetzt jede Saison Dritter werden, schätzt die Realität völlig falsch ein.

Die vergangene Saison war die beste der Vereinsgeschichte. Es fiel der Satz: „Wir spielen Basketball, weil wir Titel gewinnen wollen.“ Welcher Titel wäre besonders erstrebenswert?

Jeder ist erstrebenswert, aber realistisch ist gar keiner. Ich habe vorher unsere Rahmenbedingungen genannt. Da sind wir weit davon entfernt zu sagen, wir sind Titelanwärter.

Sie sind seit 2002 hauptamtlicher Geschäftsführer der MHP-Riesen. Wie lange werden Sie diesen Job noch machen?

Ich habe einmal gesagt: Wenn ich irgendwann samstagabends in der Halle stehe und da kribbelt nichts mehr. Dann höre ich auf. Bisher ist das nicht der Fall. Da gibt es keinen Plan, aber bis 65 werde ich diesen Job nicht machen.

Das Mindestziel der Riesen für die kommende Saison?

Wir wollen versuchen, wieder unter die ersten acht zu kommen. International ist das erste Ziel, die Gruppenphase der Champions League zu überstehen. Du brauchst auch immer eine Portion Glück.

Fragen von Marco Jaisle und Andreas Steimann
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