Basketball
Ludwigsburg | 26. Mai 2018

Mit Leidenschaft statt Egoismus

Nach der ernüchternden 74:100-Heimniederlage im zweiten Halbfinal-Spiel der Best-of-five-Serie gegen Alba Berlin steht der Basketball-Bundesligist MHP-Riesen Ludwigsburg mit dem Rücken zur Wand. Trainer John Patrick holt derweil zum Rundumschlag aus.

Ratlose Gesichter bei den Ludwigsburgern Adika Peter-McNeilly, Johannes Thiemann, David McCray und John Patrick (von links). Foto: Baumann
Ratlose Gesichter bei den Ludwigsburgern Adika Peter-McNeilly, Johannes Thiemann, David McCray und John Patrick (von links). Foto: Baumann

Im zweiten Viertel zeigten die Ludwigsburger, zu was sie in der Lage sind – im positiven Sinn. Sie vereinten Disziplin, Spielfreude und vor allem Leidenschaft. Das wurde deutlich, als Elgin Cook nach 16 gespielten Minuten einen Fehlwurf von Thomas Walkup mit einem krachenden Dunk in den Ring beförderte. Und das zeigte sich auch vier Minuten später, als Kapitän David McCray nach einem Offensivfoul gegen seinen Teamkollegen Dwayne Evans voller Energie in Richtung der eigenen Fans stürmte und die ganze Entschlossenheit der Gelb-Schwarzen wild gestikulierend herausschrie.

Doch das war – zum Leid der Ludwigsburger Fans, die in dieser Phase die MHP-Arena in einen echten Hexenkessel verwandelten – nur eine Momentaufnahme. Denn das andere Gesicht, das die Riesen zeigten, war das, das die Zuschauer in den übrigen drei Vierteln des Spiels ertragen mussten. „Wir haben nur im zweiten Viertel gemacht, was wir machen wollten“, sagte Coach John Patrick, der zum Rundumschlag gegen seine Mannschaft ausholte. „Die Fans haben nie aufgegeben“, sprach er lobende Worte für die 4023 Zuschauer aus, fügte aber an: „Aber ich hatte das Gefühl, dass wir aufgegeben haben.“

Wie enttäuscht der 50-Jährige von seinen Spielern war, offenbarte sich bei der harschen Kritik, die dann folgte. „Wir haben fehlende Führungsqualitäten besonders von den Spielern der ersten Fünf gesehen“, monierte er. „Wir hatten als Mannschaft eine schlechte Einstellung, weil ein paar Spieler von Anfang an sehr eigensinnig waren.“ Auch deshalb kündigte er Änderungen in der Starting Five bis zum Spiel am Sonntag (15 Uhr) in Berlin an.

Immerhin: Aufbauen könne man durchaus auf dem zweiten Viertel gegen Berlin am Donnerstagabend. „Da haben wir keinen fehlerfreien Basketball gespielt, aber wir haben mit Herz gespielt“, sagte Patrick, relativierte das dann aber schon wieder und hob vier seiner Spieler besonders hervor. „Es ist ansteckend, wenn ein Spieler so auf der Bank sitzt“, sagte der US-Amerikaner und legte demonstrativ den Kopf auf die Handfläche, „wie es Johnson, Geske, Koch oder Senglin gemacht haben.“

Sportlich bereitet Patrick zudem die Aufbauspieler-Position Sorgen. „Es fängt an mit den Guards. Der Job des Point Guards ist es, zu organisieren, nicht zu zeigen, dass er der größte oder beste Spieler auf dem Feld ist“, kritisierte Patrick. Auch Kapitän McCray ging mit der Leistung des Teams an diesem Tag hart ins Gericht, jedoch ohne auf einzelne Spieler hinzuweisen: „Ich wünschte, wir hätten heute die Leidenschaft gehabt, die die Zuschauer gehabt haben, dann hätten wir das Spiel wahrscheinlich gewonnen.“ Umso wichtiger wird nun die Partie am Sonntag. Nicht nur, um das endgültige Halbfinal-Aus zu verhindern, sondern auch, um noch einmal in dieser Saison in die MHP-Arena zurückkehren zu können. „Das haben die Leute nicht verdient, dass wir uns so verabschieden, und das haben wir auch nicht verdient, weil wir eigentlich eine gute Saison gespielt haben“, gab sich McCray etwas wehmütig.

Nun gilt für die Riesen: Schwächeln verboten. Denn schon in Spiel eins reichte Alba eine Ludwigsburger Schwächephase von vier Minuten, um auf 102:87 davonzuziehen. Am Donnerstag nutzten sie drei schwache Viertel der Riesen aus. Damit das Team um den besten Spieler der Saison, Luke Sikma, morgen nicht die Bundesliga-Träume der Riesen beendet, müssen sich die Barockstädter ihrer bewährten Tugenden besinnen. Das weiß auch McCray. „Wir sind nicht die talentierteste Mannschaft der Liga, wahrscheinlich nicht mal unter den Top 4. Aber wir sind die Mannschaft, die am härtesten spielt und am meisten kämpft. Das hat uns das ganze Jahr ausgemacht und das haben wir heute nicht gezeigt“, so der angriffslustige Guard.

Im schlimmsten Fall müssten sich die Ludwigsburger nach nur drei Halbfinalspielen aus den Play-offs verabschieden. Ein Szenario, das besonders wegen der Art und Weise des letzten Spiels an Coach Patrick nagt. „Es ist nicht fair für Fans und Mannschaft, dass einige schon im Sommerurlaub sind. Dafür haben wir zu viel investiert“, polterte Patrick.

Philipp Böhl
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