Play-off-Viertelfinalspiel
Ludwigsburg | 09. Mai 2017

Schönheitsfehler diktieren Nervenduell

Kleinigkeiten entscheiden das erste Play-off-Viertelfinalderby in Ulm zugunsten der MHP-Riesen

Matchwinner Rocky Trice (l.), Riesen-Trainer John Patrick. Foto: Baumann
Matchwinner Rocky Trice (l.), Riesen-Trainer John Patrick. Foto: Baumann

Denkbar knapp mit 96:93 haben die MHP-Riesen Ludwigsburg das erste Play-off-Viertelfinalspiel der Basketball-Bundesliga gegen ratiopharm Ulm für sich entschieden. In der Verlängerung war es ausgerechnet der Ex-Ulmer Roderick Trice, der den Ludwigsburger Erfolg mit seinem siebten Dreier 0,6 Sekunden vor Spielschluss besiegelte und so dem Erzrivalen den „eminent wichtigen Heimvorteil, den wir verteidigen wollen“, wie Ulms Trainer Thorsten Leibenath im Vorfeld formuliert hatte, entriss.

Dabei bot die inzwischen vierte Pflichtpartie der laufenden Saison (Stand 2:1 für Ludwigsburg) alles, was es zu einem packenden Basketball-Derby bedarf. Aufgepusht durch einen Ehrungsmarathon, der sowohl dem besten Trainer (Leibenath) als auch dem wertvollsten BBL-Spieler (Raymar Morgan) und nicht zuletzt den „besten Fans der Liga“ geschuldet war, ging Ulm vor ausverkauftem Haus von der ersten Minute an in die Vollen.

Der geballten Offensivkraft des Hauptrundenersten setzten die Riesen ihre bekannt bissige Defensive entgegen, doch zu Beginn des zweiten Viertels riss der Faden. Ulm zog mit einem 14:0-Lauf auf 33:19 davon. Dann aber bliesen die Riesen zu einer Aufholjagd, die nicht nur Leibenath in Staunen versetzte. Ein nervenstarker Jack Cooley war von der Freiwurflinie (7 von 7) ebenso treffsicher wie DJ Kennedy (9 von 12), der mit seiner eleganten, aber oft ungestümen Spielweise wieder seine zwei Gesichter zeigte.

Der nach seiner Erkältung wieder genesene Cliff Hammonds wurde seinem Ruf als „Maschine“ (Trainer John Patrick) gerecht. Der Spielmacher leitete beim Stand von 37:31 ein Dreier-Feuerwerk ein, dem sich Rocky Trice mit seinem ersten gelungenen Distanzwurf (37:36) und auch Rückkehrer Chad Toppert zur 39:38-Halbzeitführung gerne anschlossen,

Nach der Pause wurde die Partie zu einer Nervenschlacht, in dem viele Kleinigkeiten entscheidend wurden – zunächst mit dem Momentum auf Ludwigsburger Seite. Rocky Trice war fortan weder von Morgan noch von Karsten Tadda zu halten. Seine Dreiersalve entnervte die Gastgeber, die plötzlich mit 57:69 ins Hintertreffen gerieten. Doch auch Ulm hatte neben Morgan (21 Punkte) einen Dreier-Garanten, der Trice die Stirn bot: Braydon Hobbs führte aus schier unglaublichen Lagen sein Team, das sich zunehmend Schrittfehler und Fehlwürfe leistete, wieder heran.

Riesen-Trainer John Patrick war an der Seitenlinie kaum mehr zu bändigen, aber dank einer starken Freiwurfserie von Kennedy blieb Ludwigsburg bis zum 83:80 zwölf Sekunden vor Schluss vorn.

Doch dann passierte das, was Patrick hinterher einen „fatalen Irrtum“ nannte. Statt wie besprochen zu foulen, ließen seine Spieler zunächst Morgan zum Wurf kommen, der vergab. Der Offensivrebound von Tadda landete bei Hobbs, der mit der Schlusssirene zum 83:83 traumhaft sicher einlochte und den Weg für die Verlängerung freischoss. „Das darf uns nicht passieren“, schimpfte Patrick hinterher und machte den „fehlenden Sauerstoff im Kopf“ für diesen „mentalen Fehler“ verantwortlich.

Dass bis zum dramatischen Ende die Riesen doch noch die Nase vorn hatten, erklärte Kapitän David McCray so: „Wir sind eine wahre Mannschaft, die weiß, worauf es ankommt. Wir haben uns gegenseitig vertraut und das Richtige gemacht.“ Ulms Trainer Leibenath war überzeugt davon, „dass die Dreierquote diesmal den Unterschied zwischen den Teams ausgemacht hat“.

Bereits am Mittwoch geht es in der Ludwigsburger MHP-Arena weiter. Darauf angesprochen, dass Ludwigsburg nun ja sicher ein zweites Spiel vor eigenem Publikum ausrichten darf, fand Patrick zu seinem Humor zurück: „Warum das...?“, fragte der Coach „...wenn wir nun die nächsten beiden Spiele gewinnen?“

von andreas steimann
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