interview
Ludwigsburg | 10. März 2017

„Wir haben hier die DEL verdient“

Eishockey-Zweitligist SC Bietigheim-Bissingen peilt nach den Meisterschaften 2009, 2013 und 2015 den vierten Titel an. Trainer Kevin Gaudet hat den Traum vom DEL-Aufstieg noch nicht aufgegeben.

Vor dem Start in die Play-offs am kommenden Dienstag taxiert Gaudet im LKZ-Interview die Chancen, die Erfolgsgeschichte der Steelers fortzuschreiben und äußert sich auch zu seiner eigenen Zukunft.

Die Steelers sind zum dritten Mal in Folge Hauptrundensieger und behaupteten fast die gesamte Saison über Platz eins. Ist diese Leistung nach 52 Spielen aus Trainersicht nicht fast höher zu bewerten als eine Meisterschaft, für die man unter Umständen nur etwa 15 Play-off-Partien benötigt?

Kevin Gaudet: Ja, denn die Saison über sechs Monate ist viel härter als die über sechs Wochen. Ein unglaublicher Erfolg für die Mannschaft. Wir waren ja in den vergangenen fünf Jahren sogar viermal Erster.

Neben Bietigheim gilt Frankfurt als heißer Kandidat auf den Titel. Als kürzlich mehrere Leistungsträger ausfielen, war Ihr Team beim 1:6 chancenlos. Viel passieren darf also in den Play-offs nicht.

Frankfurt ist der Favorit, das Team hat den größten Etat. Ihr Ziel ist nicht Platz zwei, sie haben 13 neuen Spieler geholt, bessere Spieler. Wenn wir geschwächt sind, haben wir ein Problem. Wir sind auch zum Play-off-Start nicht komplett, es gibt viele kleinere Verletzungen bei uns. Unsere Ausländer David Wrigley, Justin Kelly und Shawn Weller sind nicht bei 100 Prozent. Ein Frederik Cabana ist jetzt wieder verletzt. Marcus Sommerfeld, der beste deutsche Scorer der Liga und der beste Überzahlspieler, fällt länger aus. Und das sind Schlüsselspieler. Ich denke jetzt also nur an die erste Play-off-Runde und an das erste Match.

Wie ärgerlich ist es da, dass die beiden Iserlohner Förderlizenzspieler Marcel Kahle und Denis Shevyrin nicht zur Verfügung stehen, da sie in der Hauptrunde nicht auf die nötigen 20 Einsätze für die Steelers gekommen sind?

Ja, das tut weh. Sie sind jung, ehrgeizig, schnell. Man braucht diese Energie, um ins Finale zu kommen. Und wir haben personell nicht nachgelegt, weil es unser Etat nicht hergibt. Ich denke, sogar Heilbronn hat am Ende mehr Geld ausgegeben. Sie haben zehn, elf neue Spieler geholt.

Dennoch stimmt bei den Steelers die Mischung offenbar wieder: viele erfahrene Spieler, die schon länger das Gerüst bilden, dazu junge Neuzugänge wie Benjamin Zientek oder Max Lukes, die sich schnell etabliert haben. War das überraschend für Sie?

Ja, denn man weiß nie, wie sich die Jungs entwickeln. Ich habe immer gesagt, gebt mir einen Jungen mit Talent und ich kann aus ihm einen besseren Spieler machen. Zientek und Lukes sind gut und sie sind viel besser geworden. Sie sind auch ein Grund dafür, dass wir wieder oben sind.

Matt McKnight ist Topscorer der DEL 2 und zum besten Stürmer der Liga gewählt worden. Er hat quasi die Produktion des lange nicht einsatzfähigen Justin Kelly übernommen. War das so zu erwarten?

Nein, das war nicht zu erwarten, denn Matt hatte davor ein ganz schweres Jahr. Er hat nur Verletzungen gehabt, schlimme Verletzungen. Er hat manchmal gesagt: Vielleicht ist es Zeit aufzuhören bei so viel Pech. In den Play-offs war er nur bei 50 Prozent. Aber daraus ist er schließlich stärker und fitter als jemals zuvor hervorgekommen. Und man sieht, er war der beste Spieler der Liga. Das war sicher eine Überraschung.

Die Steelers haben diesmal eine Bürgschaft gestellt, um für einen eventuellen Seiteneinstieg in die DEL bereit zu sein. Auch Frankfurt ist mit von der Partie. Um das erste Zugriffsrecht zu haben, muss man in den Play-offs vor den Hessen landen. Erhöht das den sportlichen Reiz?

Das macht die Play-offs ohne Frage noch spannender. Es ist Zeit, nach oben zu gehen, wir haben hier die DEL verdient. Wir haben zwar ein Minus, aber ich bin mir sicher, was das heißt, wenn wir in der DEL sind. Ich kenne das aus Hannover und der Wedemark, wo ich war. Wir haben hier in der Region so ein starkes wirtschaftliches Umfeld, da bin ich mir sicher, dass wir das finanzieren können.

Bremerhaven hat gezeigt, dass man auch als Seiteneinsteiger und Neuling in der DEL für Furore sorgen kann. Eine Art Vorbild für die Steelers?

Ja natürlich. Bremerhaven ist ein gutes Beispiel. Man hört, dass es in der DEL einige Teams mit Problemen gibt. Das ist eine große Hoffnung für uns. Es würde ein großer Spaß sein, gegen Berlin, Köln oder München zu spielen. Wir haben so eine schöne Arena, die besser ist als bei vielen DEL-Clubs. Wir haben hier alle verdient, so etwas zu sehen. Das ist der Traum.

Sie sind seit fünfeinhalb Jahren Trainer in Bietigheim mit zwei Meisterschaften, zwei Vizemeisterschaften und zwei Pokalsiegen. Wie entwickelt man sich eigentlich weiter als Coach, was kann man noch dazulernen?

Das ist eine Kunst. Ich versuche immer mich zu verbessern. Der schwerste Job für einen Trainer ist die Motivation, seine Mannschaft zu motivieren. Vor allem, wenn man über einen längeren Zeitraum mit den gleichen Spielern zusammenarbeitet. Das ist gut, mir macht das noch Spaß. Ob ich das hier noch mache, wenn es keinen Aufstieg geben sollte, wer weiß. Ich hoffe, wir schaffen das. Denn das ist der Schlüssel, ob ich bleibe oder nicht.

fragen von karl-heinz ullrich
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