Bietigheim Steelers
Garmisch-Partenkirchen | 24. April 2018

Wie „Krieger“ auf die Zähne beißen

Auf dem Weg zur vierten Zweitliga-Meisterschaft setzen Eishockey-Cracks ungeahnte Kräfte frei – Als Lohn nach Mallorca

Starker Saisonstart: Steelers-Keeper Ilya Sharipov wusste zu überzeugen.Foto: Baumann
Starker Saisonstart: Steelers-Keeper Ilya Sharipov wusste zu überzeugen.Foto: Baumann

Mit einer Ritterrüstung ließ sich ein sichtlich erleichterter Bietigheim-Trainer Kevin Gaudet vor den Fans der Steelers ablichten und feierte mit den rund 700 mitgereisten Zuschauern aus dem Ellental. Sein Team hatte kurz zuvor mit einem 2:0 beim SC Riessersee die Meisterschaft in der Deutschen Eishockeyliga 2 perfekt gemacht, Kapitän Adam Borzecki den riesigen Meisterpokal überreicht bekommen.

„Das sind Krieger“, sagte Gaudet danach über seine Spieler – passend zur Ritterrüstung, die er kurz zuvor abgelegt hatte und verriet, womit sich seine Spieler durch die Play-offs der DEL 2 quälten. So spielte Norman Hauner mit einer gebrochenen Rippe, Alexander Preibisch mit einer gebrochenen Hand. Max Prommersberger unterzog sich vor den Finalspielen einer Operation an der gebrochenen Nase und Freddy Cabana droht eine Schulter-OP. Dennoch bissen die „Krieger“ auf die Zähne und machten ihren Trainer stolz.

Für den Kanadier Gaudet ist es die dritte Meisterschaft mit den Bietigheimern. Zum Saisonende, das ist seit geraumer Zeit klar, wird der Trainer aus Kostengründen den Verein verlassen. „Das macht den Sieg noch schöner. Es ist mein letztes Mal“, wurde Gaudet nach dem Spiel wehmütig. Doch schon beim Rückblick auf das, was er in seiner sechseinhalbjährigen Amtszeit geleistet hat, wirkte er sehr zufrieden: „Wenn eine Mannschaft dreimal in sechs Jahren die Meisterschaft gewinnt, ist das in Kanada eine Dynastie“, sagte der 54-jährige Erfolgscoach.

Für die Steelers begann am Sonntag, das versprach auch Shawn Weller, ein Party-Marathon. „Die nächsten Tage wird Feierzeit für die Jungs“, sagte der Torschütze zum 2:0. Auch der gelöst wirkende Geschäftsführer Volker Schoch steckte nur wenige Minuten nach der Meisterschaft mitten in der Feierplanung: „Ich schaue, dass ich noch Flüge nach Mallorca buchen kann. Ich habe eben schon im Reisebüro angerufen, Dienstag oder Mittwoch sollen die Spieler weg.“ Das Einverständnis von Weller hätte er auf jeden Fall. „Mallorca klingt nach einem guten Reiseziel“, sagte der bärtige Publikumsliebling mit einem Augenzwinkern.

Weller, Schoch und Gaudet – alle drei fühlten am Sonntagabend auch mit dem Verlierer, dem SC Riessersee, mit. „Die letzten Jahre war ich auf der anderen Seite der Linie und weiß, wie sich das anfühlt“, sagte Weller. Und Schoch hob hervor, bei der Finalniederlage vor einem Jahr bei den Löwen Frankfurt einen Entschluss gefasst zu haben. „Kevin und ich haben letztes Jahr, als wir in Frankfurt an der Blauen Linie standen, gesagt: Das machen wir nicht noch einmal.“

Dass die diesjährige Finalserie mit 4:1 für die Bietigheimer am Ende so deutlich ausfallen würde, war kaum abzusehen. „Es war eine höllische Serie“, sagte Steelers-Angreifer Tyler McNeely, „wir hatten auch ein bisschen Glück.“ Nebensächlich für den Kanadier McNeely war dabei, dass die Steelers auch ihre vierte Meisterschaft nicht in der heimischen Arena bejubeln konnten. „Es ist immer schön, zu Hause zu gewinnen. Aber: Greif zu, wenn du die Chance dazu hast“, sagte McNeely und fügte hinzu: „Auch die Fans hier sind unglaublich, das ist ja fast wie zu Hause“, zeigte er auf die grüne Wand in der Olympia-Eissporthalle in Garmisch-Partenkirchen, die auch noch über eine Stunde nach Abpfiff mit ihren Spielern feierte.

Diese besang besonders Rene Schoofs, der bereits seine vierte Zweitliga-Meisterschaft mit den Steelers holte und die Gänsehautmomente als „einfach nur geil“ bezeichnete, sowie Torhüter Ilya Sharipov, der im letzten Finalspiel über sich hinauswuchs, ohne Gegentor blieb und somit einen Shutout feiern durfte. „Ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe mich selbst belohnt“, sagte der junge Keeper über das Finale. „Im Endeffekt ist es egal, ob zu null oder nicht. Ich hoffe, ich habe meine Eltern stolz gemacht“, sagte Sharipov.

Wenn es nun für die Bietigheimer auf die spanische Ferieninsel geht, wird trotz aller Euphorie ein Mann zu Hause bleiben: Kevin Gaudet – zusammen mit seiner Frau Robin Niderost. „Ich bleibe hier, weil wir Bietigheim so lieben. Es ist unsere letzte Woche hier. Unser Herz liegt hier“, sagte der Trainer und zog ein emotionales Fazit: „Das war das beste Amt in meinem Leben.“

Philipp Böhl
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