Trainerdebatte
Ludwigsburg | 14. Dezember 2017

„Wir brauchen mehr Dribbler in Deutschland“

Mehmet Scholl polarisiert mit seinen Aussagen zu Trends im deutschen Fußball. Seine Trainerkollegen aus dem Landkreis reagieren unterschiedlich auf seine Aussagen.

Jürgen Kramny.Archivfoto: LKZ
Jürgen Kramny.Archivfoto: LKZ
Dirk Mack.Foto: Baumann
Dirk Mack.Foto: Baumann
Jürgen Kramny.Archivfoto: LKZ
Jürgen Kramny.Archivfoto: LKZ

Vor wenigen Tagen äußerte der ehemalige Fußballnationalspieler und frühere ARD-Experte Mehmet Scholl in seiner Radiosendung „Mehmets Schollplatten“ im Bayerischen Rundfunk deutliche Kritik an der Trainerausbildung in Deutschland sowie dem aktuellen Trend, auf junge Trainer zurückzugreifen. „Die Tedescos, die Wolfs, sie sprießen aus dem Boden, und der deutsche Fußball wird sein blaues Wunder erleben“, sagte Scholl, der die Trainerausbildung des DFB als „elfmonatige Gehirnwäsche“ bezeichnete.

Außerdem würden, so Scholl, die Straßenfußballer aussterben und „Kinder dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Sie bekommen auch nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass oder ein Dribbling nicht gelingt. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärts laufen und furzen.“ Unsere Zeitung hat Trainer aus dem Landkreis zu Scholls Aussagen befragt.

Dirk Mack, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums der TSG Hoffenheim, Fußballlehrer aus Löchgau: „Ich würde Trainer nicht kategorisieren. Es geht darum, Spieler besser zu machen. Die angesprochenen, guten Trainer sind zwar jung, aber sie haben schon jahrelange Berufserfahrung auf höchstem Niveau. In einer U 19- oder einer U 23-Mannschaft ist der Unterschied zum Profibereich, was den Trainingsalltag angeht, nicht mehr so groß wie früher. Die Trainer wissen also, mit welchen Möglichkeiten man arbeiten kann. Zudem beschäftigt sich die Trainingslehre mit allen Techniken also auch mit dem Dribbling. Es ist gut, dass es verschiedene Meinungen gibt, aber ich bin anderer Meinung als Scholl.“

Ramon Gehrmann, Trainer des Oberligisten SGV Freiberg, Fußballlehrer: „So über andere Trainer zu reden, gehört sich nicht. Die Ergebnisse von Wolf und Tedesco sprechen für deren Arbeit. Da ist es egal, ob sie Profis waren, oder nicht. Als ich vor einigen Jahren in der Jugendabteilung des VfB Stuttgart gearbeitet habe, waren dort auch keine ehemaligen Profis Trainer. Dennoch haben wir Persönlichkeiten wie Sami Khedira ausgebildet. Die Entwicklung mit weniger Dribblingaktionen sehe ich allerdings auch. Die Räume sind heutzutage auch besser besetzt. Ein Spieler geht oft schnell in ein Zwei-gegen-Eins, wenn er ins Dribbling geht. Das fängt aber schon im Jugendbereich an, weil zu viel Wert auf das Ergebnis gelegt wird. Dadurch trauen sich die Kinder zu wenig ins Eins-gegen-Eins zu gehen, weil das Risiko eines Ballverlustes groß ist.“

Daniel Teufel, Stadtverbandstrainer Ludwigsburg, Mitglied im WFV-Trainerlehrstab und A-Lizenz-Inhaber: „Mehmet Scholls Kritik ist bedingt nachvollziehbar. Zunächst einmal geht der Trend ganz klar zu jungen Trainern mit sportwissenschaftlichem Hintergrund. Man muss da aber auch mit der Zeit gehen und kann nicht mehr trainieren wie vor 20 Jahren. Daher ist es gut, dass es junge Trainer gibt, die über den Tellerrand hinaus blicken. Aber in einem Punkt gebe ich Scholl recht: Wir brauchen mehr Dribbler in Deutschland. Bei vielen Spielern zeigt sich der fehlende Mut, auch mal ins Eins-gegen-Eins zu gehen. Letztlich haben aber dennoch alle Bereiche, in denen Spieler geschult werden, ihre Sinnhaftigkeit.“

Jürgen Kramny, Fußballlehrer und ehemaliger Trainer der Profis des VfB Stuttgart und von Arminia Bielefeld: „Der Trainerlehrgang ist sicherlich keine Gehirnwäsche. Er animiert eher junge Trainer und gibt einen Leitfaden vor. Dennoch gibt es viele elementare Dinge, die früher wichtiger erschienen. Heute ist es schon so, dass Dribbling und das Passspiel wegen des hohen Wertes der Taktik auf der Strecke bleiben. Da muss man ansetzen.“

Marco Jaisle und Philipp Böhl
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