Fußball
Ludwigsburg | 27. Juli 2018

Rassismus bleibt weiter ein Problem

Die Debatte um die Vorwürfe des Ex-Nationalspielers Mesut Özil deckt auf, was bereits im Amateurfußball schiefläuft. Nach Reinhard Grindels Reaktion auf die Kritik sprechen Trainer und Spieler aus dem Landkreis die Probleme an der Basis an.

Münchingens Trainer Ahmet Yenisen weiß um die Bedeutung der aktuellen Debatte.Foto: Baumann
Münchingens Trainer Ahmet Yenisen weiß um die Bedeutung der aktuellen Debatte.Foto: Baumann

Dass Reinhard Grindel von der „Basis“ spricht, ist nichts Neues. In etlichen Interviews formuliert der DFB-Präsident, wie wichtig der Amateurbereich im deutschen Fußball ist – so auch in seiner aktuellen Stellungnahme in der Debatte um Mesut Özil und dessen Rassismus-Vorwürfe. Im Amateurfußball gehört Rassismus zwar bei weitem nicht zum Alltag, komplett von deutschen Fußballplätzen verschwunden ist er aber nicht. Die Folgen von einzelnen Fällen können verheerend sein und sorgen für eine Spaltung – gerade an der „Basis“, wie sie Grindel nennt.

„Es gibt immer wieder Menschen, die einfach nicht die Klappe halten können“, weiß Ahmet Yenisen, Trainer des A-Ligisten TSV Münchingen, über Anfeindungen vom Spielfeldrand. Ein dickes Fell hilft da, sollte aber eigentlich gar nicht nötig sein. „Mit solchen Leuten muss man umgehen können“, fügt der Ex-Oberliga-Spieler an.

Auch Markus Fendyk, Trainer des A-Ligisten TSV Grünbühl und schon seit Jahren im Fußballkreis als Übungsleiter tätig, berichtet von „Ausnahmen“, die er erlebt hat. „Als ich noch Kornwestheim trainiert habe, hatten wir einen dunkelhäutigen Spieler, der schon mal angegangen wurde“, erzählt Fendyk, merkt aber zugleich an, dass die Integration in Deutschland – gerade im Fußball – sonst sehr gut funktioniert. „Wir haben auch Albaner, Italiener, Türken in der Mannschaft. Die fügen sich absolut ein, so soll es sein. Und da hat Rassismus nichts zu suchen.“

Ramon Gehrmann, Oberliga-Trainer beim SGV Freiberg, berichtet ebenfalls von positiven Erlebnissen. „Wir haben einen gambischen Fanclub bestehend aus vier oder fünf Gambiern. Die helfen im Verein, wenn Arbeit erledigt werden muss“, schwärmt der 44-Jährige: „Das ist ein gutes Beispiel, dass der Fußball das Gegenteil von dem ist, was mit Rassismus zu tun hat.“ Und trotzdem zeigt die Debatte um Mesut Özil eines auf: Jeder einzelne Fall von Diskriminierung bremst die eigentlich positive Entwicklung weiter aus.

Grundsätzlich, da sind sich die Trainer Gehrmann und Fendyk einig, war die Kritik an Özil nicht unberechtigt. Nur der Ton war häufig unangebracht. „Er ist nicht angegriffen worden, weil er türkischer Abstammung ist“, sagt Fendyk. „Wenn Kritik kommt, muss man damit umgehen können, ohne danach schmutzige Wäsche zu waschen“, meint auch Gehrmann.

Dennoch: Die Art, auf die Özil angegangen wird, ist die falsche. In seiner Rücktrittserklärung aus der Nationalmannschaft sprach der Spielmacher davon, „Türkensau“ genannt worden zu sein und dass er aufgefordert wurde, sich „zurück nach Anatolien zu verpissen“. Gerade diese Aussetzer lassen die Debatten in eine Schiene gleiten, die Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten ist. „Wenn man weiß, dass tief im Keller noch so eine Wut ist, muss man das angehen. Das ist vielleicht das Positive an der Geschichte, dass man daraus Erkenntnisse zieht“, sagt Yenisen.

Wesentlich offensichtlicher ist dabei das Problem, dass sich die Gesellschaft weiter spaltet. „Man bekommt auch eine gewisse Distanz zu Deutschland“, spielt Yenisen auf einzelne Vorkommnisse auf Amateurplätzen an, in denen doch fremdenfeindliche Äußerungen getroffen werden. Da ist es ganz egal, ob ein 92-facher Nationalspieler wie Mesut Özil oder ein 18-jähriger Hobby-Fußballer angegriffen wird. „Man hat das Gefühl, man wird doch angegangen und fragt sich, wieso man sich damit identifizieren soll, und bekommt das Gefühl, dass man sich seinen Wurzeln verbundener fühlt als dem Land, in dem man lebt.“

Umso wichtiger sei es nun, schnell zu handeln. „Wenn man nicht eingreift“, warnt Yenisen, „wird die Wut noch größer. Wenn man sieht, dass ein Bild dafür sorgt, dass die ganze Mannschaft so auseinanderdriftet, ist das unglaublich. Da müssen jetzt alle an einem Strang ziehen“, so Yenisen über das Foto Özils mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Auch Muammer Dülger, Spieler des Landesligisten TV Pflugfelden, warnt vor der Entwicklung der letzten Monate. „Man sieht es ja auch an den Wahlen und der AfD. Man muss jetzt schauen, dass man in die richtige Bahn findet.“

Davon, dass das klappt, ist auch Freibergs Coach Gehrmann überzeugt. „Immer wenn man inkonsequent handelt, kann es zum Bumerang werden. Ansonsten glaube ich an die Zukunft der Nationalmannschaft, auch an den multikulturellen Fußball und die bunte Nationalelf. Da im Moment Flüchtlinge und fremde Kulturen auf der Agenda stehen und Parteien wie die AfD das ausnutzen, ist es nur eine Momentaufnahme“, ist sich Gehrmann sicher. „Ich denke, alles wird wieder seinen Gang nehmen – erst recht, wenn wir 2020 mit einer Multikulti-Truppe Europameister werden“, lächelt der Trainer. Und auch Yenisen hofft auf eine positive Entwicklung. „Wir müssen einen Mittelweg finden. Denn man kommt nicht ohne Migranten aus und Migranten können nicht ohne Deutschland.“

Philipp Böhl
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