Interview
Ludwigsburg | 11. November 2017

VfB als Heimat vieler Sportarten

Erich Hägele ist seit 24 Jahren Präsident des Sportkreises Rems/Murr und glühender Fan des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Bei der Mitgliederversammlung am 3. Dezember will der Ludwigsburger für den Vereinsbeirat kandidieren. Sollten ihm die Mitglieder das Vertrauen schenken, hat er einige Ideen: Mitgliederaktien, Frauenfußball oder ein Vereinsmuseum.

Erich Hägele bekennt Farbe. Foto: Holm Wolschendorf
Erich Hägele bekennt Farbe. Foto: Holm Wolschendorf

Sie haben in Ihrem Leben ehrenamtlich viel auf die Wege gebracht. Im Januar werden Sie 74 Jahre alt. Haben Sie nicht das Bedürfnis, mal einfach die Füße hochzulegen?

Erich Hägele: Ich werde mich in anderen Bereichen langsam zurückziehen, aber beim VfB geht es mir darum, einmal noch Verantwortung zu übernehmen – wenn mich die Mitglieder wählen. Denn das sind jetzt die entscheidenden Jahre, nach dem Auf und Ab vielleicht wirklich mal mit an die Spitze des Fußballs zu kommen. Da gehören wir meiner Ansicht nach hin. Zudem sollten wir mit den anderen Sportarten ein breiteres Bild abgeben und den VfB zu einer Heimat des Sports als Ganzes machen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage beim VfB Stuttgart?

Ich bin zufrieden mit dem Präsidenten Wolfgang Dietrich und dem, was sich im Verein entwickelt. Da sieht man, dass es vorwärtsgeht. Sportlich hat man gewusst, dass es schwer wird. Da hoffe ich auf einen Platz zwischen zehn und zwölf.

Als Mitglied im Vereinsbeirat haben Sie jedoch keinen direkten Einfluss auf die Profifußballabteilung. Wo sehen Sie dann den Anreiz in diesem Amt?

Zunächst einmal ist der Vereinsbeirat da, um Personen-Vorschläge für das Präsidium zu unterbreiten. Der Präsident muss eigentlich nach der Pfeife der Mitglieder tanzen. Der andere Reiz sind die beratenden Tätigkeiten. Da geht es auch darum, dass der VfB Stuttgart nicht nur Fußball spielt, sondern andere Sportarten im Verein ausbaut und mit anderen kooperiert.

Wobei in der Wahrnehmung der Fußball beim VfB über allem steht.

Aber wenn Sie mal zwei Vereine anschauen: Bayern München – Basketball – sieht man sehr stark in der Zeitung. Da gibt es Frauenhandball bei Borussia Dortmund. Wenn die in Bietigheim spielen, trifft sich die BVB-Fangemeinde aus dem Umkreis dort – nicht nur Handball-Freunde. Das sind große Vereine, die sagen: Wir müssen in unserer Stadt gesellschaftlich etwas tun und auch andere Sportarten voranbringen. Langfristig muss der VfB aus meiner Sicht auch eine Frauenfußballabteilung aufbauen.

Wo sehen Sie beim VfB Potenzial, so etwas zu schaffen?

Das ist schwierig, weil ich da bestehende Namen mit einbinden muss. Aber zunächst einmal sind wir in der Leichtathletik nicht schlecht. Da haben wir eine gewisse Verpflichtung, nachdem wir aus dem Stadion eine Fußball-Arena gemacht haben. Zudem spielt der MTV Stuttgart in der Volleyball-Bundesliga und der TVB Stuttgart in der Handball-Bundesliga. Ich will nicht davon sprechen, neue Abteilungen zu gründen. Aber man kann mit den Vereinen etwas Gemeinsames machen, dass der VfB eine Heimat ist, auch für andere Sportarten. Warum sollte man nicht mit anderen Vereinen kooperieren. Für die Region wäre das gut.

Thema Investoren: Im Wahlkampf wurde von „Regionalen Partnern“ gesprochen. Zuletzt sprach Wolfgang Dietrich von Fonds. Wie sehen Sie das?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das seine Zielsetzung ist. Das würde gegen das sprechen, was er auf der Mitgliederversammlung gesagt hat, als die Ausgliederung beschlossen wurde. Es würde auch gegen den Mitgliederwillen sprechen. Ich denke, es sind Firmen da, die das machen können. Von einem Fond würde ich abraten.

Wenn es zur Frage nach neuen Investoren kommt, muss der Vereinsbeirat nicht zustimmen.

Nein, aber so wie ich Wolfgang Dietrich kenne, wird er sich umfassende Ratschläge geben lassen. Entscheiden wird es letztendlich er. Er hat eine klare Linie, aber er ist ein Teamplayer. Deswegen wird er den Vereinsbeirat einbeziehen.

Sie kämpfen mit fünf Konkurrenten um drei Plätze. Was spricht für Sie als Vereinsbeirat?

Ich hatte in den vergangenen Jahren immer mein Ohr an der Basis. Ich komme auf Sportplätzen und bei Stammtischen mit vielen Mitgliedern zusammen und bin bestens orientiert. Ich habe ein gewisses Netzwerk und kann mir einen europäischen Fanclub in Brüssel vorstellen. Als langjähriger Sportkreispräsident Rems/Murr kenne ich 48 verschiedene Sportarten ziemlich gut. Als Vorsitzender des Instituts für Sportgeschichte würde ich beim Thema Vereinsmuseum kräftig mithelfen.

Bevor Wolfgang Dietrich Präsident wurde, warnten einige Kritiker, dass Dietrich den Verein mit Vertrauensleuten besetzen wolle. Sind Sie nun Teil der „Dietrichisierung“ des VfB?

Jeder Präsident schaut, dass er gute Leute in den Verein bekommt. Ich kann nicht erkennen, dass er irgendeine Position besetzt hat, deren Kompetenz strittig ist. Ich bin ganz objektiv zu Wolfgang Dietrich. Bisher hat er das umgesetzt, was er versprochen hat. Deshalb kann ich aus gutem Herzen zu ihm stehen. Aber ich will weitere Schritte. Ich will in meinem Leben noch einmal Deutscher Meister werden. Das haben die Mitglieder verdient.

Sie haben den Fanclub VfB 1893 Vision Zukunft gegründet und für mehr Mitspracherecht der Mitglieder gekämpft. In Bezug auf den Profifußball ist die Mitgliederversammlung aber ein stumpferes Schwert als je zuvor. Ist Ihr Anliegen gescheitert?

Mein Ziel wäre weiterhin, dass es in der zweiten Tranche ein Aktienpaket für Mitglieder gibt. Dann habe ich die Möglichkeit, als Mitglied bei der Aktionärsversammlung aufzutreten. Aber der Vereinsbeirat kann hier nur beraten.

Nächstes Jahr sind Sie 25 Jahre Vorsitzender des Sportkreises Rems/Murr, Sie wohnen in Ludwigsburg. Verfolgen Sie auch das Sportgeschehen hier im Kreis?

Das verfolge ich, vor allem in der LKZ. Ich gehe auch zu einigen Veranstaltungen. Mir tut es aber weh, was im Fußball in Ludwigsburg passiert ist. Ich habe mal ein halbes Jahr versucht, mit neuen Ideen etwas zu entwickeln. Das war nicht machbar.

Sie sprechen von der SpVgg 07 Ludwigsburg, die früher zweit- und drittklassig spielte und nun in der Landesliga ums Überleben kämpft.

Ja, wir haben da draußen so ein wunderbares Stadion, da blutet mein Herz. Es müsste eine Gemeinschaftsleistung entstehen. Wenn gute Leute mithelfen und andere gute Leute dazugewinnen, dann könnte man aus 07 wieder was machen und das beißt sich mit Basketball überhaupt nicht. Da ist die Wirtschaft gefordert, die Stadt und der Verein selbst. Die Kräfte, die immer noch vorhanden sind, müssen gebündelt werden.

Fragen von Marco Jaisle und Philipp Böhl
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Fußball-Tabellen
Sporttabellen Fußball