Handball-WM
Bietigheim | 13. Dezember 2017

Pionierin besucht Weltmeisterschaft

Frauenhandball im Landkreis Ludwigsburg hätte ohne Gretel Kohls Wirken eine weniger rasante Entwicklung genommen

Gretel Kohl zu Gast bei der Frauen-Weltmeisterschaft in der Bietigheimer EgeTrans-Arena. Foto: Baumann
Gretel Kohl zu Gast bei der Frauen-Weltmeisterschaft in der Bietigheimer EgeTrans-Arena. Foto: Baumann

Die WM in Bietigheim war der Höhepunkt in der Geschichte des Frauenhandballs im Kreis Ludwigsburg. Dessen Aufschwung begann vor 61 Jahren. Dank Gretel Kohl. Die heute 91-Jährige schuf ab 1956 die Basis für die erfolgreiche Entfaltung. Bei der WM saß die Möglingerin als Ehrengast auf der Tribüne. Für die LKZ, deren treue Leserin sie seit mehr als sechs Jahrzehnten ist, blickte die Wegbereiterin auf vergangene Zeiten zurück.

Vor über 60 Jahren kam Gretel Kohl mit ihrem Mann nach Ludwigsburg. Vertrieben aus dem Sudetenland und infiziert mit dem Handball-Bazillus suchte sie vergebens einen Verein. „Frauenhandball war hier noch kein Thema. Da habe ich bei den Hohenecker Männern mittrainiert.“ Parallel dazu rührte die Mutter von zwei Töchtern die Reklametrommel. In Oßweil, Pflugfelden und Kornwestheim entstanden Frauenmannschaften. Bei der DJK Ludwigsburg rief Gretel Kohl ein Team ins Leben, und als der TSV Bönnigheim dazukam, wurden 1956 die ersten Kreismeisterschaften ausgetragen. „Alles auf dem Großfeld“, sagt sie, „Hallenhandball spielte da noch keine Rolle.“

Kohl war Spielerin und Trainerin. Ihre kreativen Ideen fanden bundesweit Verbreitung. Die Deutsche Handballwoche veröffentlichte in den 60ern auf einer Doppelseite den Artikel „Mit Sportkreisel und Fahrradschlauch“ mit den revolutionär anmutenden Übungen der Sportlerin. Viele davon sind bis heute topaktuell. Auf Funktionärsebene leitete sie den ersten Enz/Murr-Frauenausschuss. Als die Vordenkerin das Amt Mitte der 70er an Hanspeter Kurz übergab, hatte der Frauenhandball seinen festen Platz im Spielbetrieb. Nebenbei erstürmte Kohl eine weitere Männer-Bastion. 1963 legte sie als erste Frau in Deutschland die Schiedsrichterprüfung ab. „Bei 45 Fragen hatte ich nur zwei Fehler“, erzählt die Pionierin in einem Youtube-Video für die Frauen-WM. Auch als Schiedsrichterin stand Kohl „ihren Mann“, pfiff Spiele in den höchsten Ligen sowie ein deutsches Frauen-Finale. Und sorgte für Schlagzeilen: Als weltweit erste Frau nahm sie an einem Schiedsrichter-Lehrgang der IHF in Jugoslawien teil.

Den schönsten Moment ihrer Sportkarriere erlebte sie am Rande des Spielfeldes. „Bei einem Länderspiel in Prag traf ich Emil Zatopek“, erzählt Gretel Kohl. Der Treff mit dem Wunderläufer lässt bis heute ihre Augen funkeln. „Zatopek war mein Idol. Und so einen Star lernte ich kennen.“ Der vierfache Olympiasieger, weltberühmt als „tschechische Lokomotive“, begrüßte sie mit Handkuss und „Gnädige Frau“.

Mit 91 Jahren meistert Kohl ihr Leben fast allein: „Ich bin froh, dass ich gesund bin.“ Zwei Dinge lässt sie sich nicht nehmen: „Ich mache jeden Tag einen größeren Spaziergang, und wenn die Möglinger Frauen in der 3. Liga ein Heimspiel haben, laufe ich in die Halle.“ Dort stärkt sich die Seniorin mit einem Gläschen Sekt und freut sich auf den Kontakt mit der Mannschaft. Ihr Credo: „Du musst unter die Jugend gehen, um jung zu bleiben!“

Paul Herbinger
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