Interview
Ludwigsburg | 13. Oktober 2017

„Das sind Momente, die bleiben für immer“

Kunstturnerin Tabea Alt hat ihre ersten Weltmeisterschaften mit einer Bronzemedaille am Schwebebalken und Platz zehn im Mehrkampf abgeschlossen. Zurück aus Montreal berichtet die 17-jährige Ludwigsburgerin über ihre Erfahrungen – und zwei neue Turnelemente, die sie selbst kreiert hat und die künftig ihren Namen tragen werden.

Tabea Alt am Schwebebalken in Montreal. Foto: Paul Chiasson/dpa
Tabea Alt am Schwebebalken in Montreal. Foto: Paul Chiasson/dpa

Tabea, jetzt sind Sie wieder zurück in Deutschland. Können Sie schon realisieren, was da in Kanada passiert ist?

Tabea Alt: Nein überhaupt nicht. Das ist alles so unglaublich, was in Montreal passiert ist, damit hätte ich nie gerechnet oder mir das nur erträumt. Ich bin am Dienstagmorgen zurückgekommen, aber glauben kann ich das alles noch nicht so wirklich.

Was ist Ihnen im Balkenfinale vor der Übung durch den Kopf geschossen?

Genau kann ich das nicht mehr sagen. Ich war da in meinem Tunnel und bin meine Übung noch einmal mental durchgegangen. Ich habe auf die Stellen geachtet, die beim Einturnen oder im Training davor noch ein bisschen problematisch waren.

Bis auf einen Wackler lief die Übung super durch, wie war das Gefühl direkt nach dem Abgang?

Ich war ziemlich erleichtert, dass ich so eine erfolgreiche WM hinter mir habe. Ob es zu einer Medaille gereicht hat, wusste ich in dem Moment ja noch nicht. Deshalb war ich einfach so zufrieden mit mir selbst, dass ich es geschafft habe, insgesamt dreimal meine Balkenübung ohne Sturz zu zeigen. Gerade bei einer WM und dann noch am Balken ist das extrem selten und schwierig, darum war ich einfach nur glücklich und erleichtert.

Wie haben Sie es geschafft, dreimal auf den Punkt die Leistung am Balken abzurufen?

Ich war bei jedem einzelnen Wettkampf bei der WM sehr konzentriert, fokussiert und natürlich motiviert. Ich war in meinem Tunnel und habe mich von nichts aus der Konzentration bringen lassen. So konnte ich meine Leistung bringen und mich teilweise auch noch steigern.

Die spätere Weltmeisterin Pauline Schäfer ist im Finale als Erste geturnt, Sie waren die letzte Turnerin. Hätten Sie gerne mit ihr getauscht?

Nein, ich denke egal ob als Erste oder als Letzte, es sind beides nicht wirklich die Wunschstartpositionen, die man gerne zugelost bekommt. Der Vorteil als Erste zu starten ist natürlich, dass man es rumhat, sich zurücklehnen kann und den anderen Turnerinnen zuschauen kann. Als Letzte darf man sich da nicht durch irgendwelche Ergebnisse und sauber geturnte Übungen durcheinanderbringen lassen. Aber ansonsten sind beide Positionen nicht gerade perfekt.

Das heißt, Sie wussten nicht, dass Pauline Schäfer in Führung lag, bevor Sie ans Gerät gingen?

Doch klar, man bekommt jede Übung und jedes Ergebnis mit. Paulines Übung habe ich zwar nicht gesehen, weil ich noch in der Aufwärmhalle war, aber über die vielen Bildschirme und die große Leinwand habe ich das Geschehen schon verfolgt.

Wie fühlt es sich an, auf dem Podest zu stehen und dann die deutsche Nationalhymne zu hören?

Das ist ein unglaubliches Gefühl mit dem riesengroßen Publikum, der tollen Atmosphäre und dann bekommt man die Medaille. So ein Gefühl hatte ich noch nie und werde ich nie wieder vergessen. Das sind Momente, die bleiben für immer und das nimmt mir keiner mehr.

Pauline Schäfer hat bei der WM vor zwei Jahren in Glasgow auch Bronze am Balken gewonnen, jetzt wurde sie Weltmeisterin. Die WM in zwei Jahren findet in Stuttgart statt, das wäre doch eine klasse Geschichte?

Ja klar, aber ehrlich gesagt denke ich jetzt noch nicht an die WM in Stuttgart und auch nicht, was nächstes oder übernächstes Jahr passieren kann. Ich genieß jetzt erst mal den Moment, das ist schon eine Sensation, was wir als Team erreicht haben und ich persönlich bei meiner ersten WM. Klar will ich in Stuttgart eine tolle Leistung abrufen, aber bis dahin sind es noch so viele Zwischenschritte und ein weiter Weg. Ich schaue, dass ich eins nach dem anderen mache. Natürlich muss ich auch gesund bleiben, deshalb genieße ich erst mal den Moment.

Sie haben sicherlich viele Glückwünsche bekommen, war jemand dabei, von dem Sie besonders überrascht waren?

Da fällt mir jetzt spontan niemand ein, es freut mich allgemein, wie viele an mich gedacht haben und mir gesagt haben, dass sie die WM verfolgt haben. Die Familie hat sich daheim den Wecker gestellt, um die Wettkämpfe zu verfolgen, und es wurde ein Public Viewing veranstaltet, das ist das, was mich am meisten berührt.

Neben dem 3. Platz am Balken haben Sie auch an den anderen Geräten für Furore gesorgt. Am Stufenbarren haben Sie zwei selbst kreierte Teile gezeigt, die in Zukunft Ihren Namen tragen. Wie kam es dazu?

Das erste Element war das einzig geplante. Meine Trainer haben gemeint, wir sollten die Übung umstellen und die Schwierigkeit erhöhen. Sie haben mir dann das Element erklärt und ich habe es dann ausprobiert. Das war ein wirklich langer und schwieriger Weg, bis ich das Element so draufhatte, dass es auch wettkampfbereit war. Das waren sehr sehr viele Trainingseinheiten und -stunden, die für das Teil draufgingen. Das zweite Element war eher eine Notlösung. Erst zwei Tage vor dem Wettkampf habe ich erfahren, dass es ein neues Teil ist. Bei meinem alten Abgang hatte ich ein paar technische Probleme, die Trainer wollten mir dann den Druck nehmen, damit ich entspannter an das Gerät konnte. So war das eher Zufall.

Können Sie die beiden Elemente für Nicht-Turner erklären?

Das ist ziemlich schwierig, weil selbst Turner die Stirn runzeln, wenn ich es erkläre. Aber der „Alt 1“ ist ein Flug vom oberen zum unteren Holmen. Davor schwinge ich in gebückter Position mit meinen Beinen durch meine Arme und mache dann in der Luft eine halbe Drehung, damit ich am unteren Holmen im hohen Stütz bin, so dass ich direkt weiter turnen kann. Das Element „Alt 2“ ist ein Abgang, und zwar ein Salto mit halber Schraube, allerdings aus einer gegrätschten Unterschwungbewegung, der sogenannten Stalder-Bewegung.

Wie geht es in den nächsten Tagen außerhalb des Sports weiter?

Erst mal liegt der Fokus auf der Schule, das ist enorm wichtig. Ich hatte so viele Fehlzeiten, da brauche ich einen kühlen Kopf, um das alles selbstständig nachzuarbeiten. Dann habe ich viele Interviews und Auftritte im Fernsehen, unter anderem im Aktuellen Sportstudio am Samstag und Sport im Dritten am Sonntag. Das ist auch alles Neuland für mich.

Nach den Olympischen Spielen haben Sie eine Wettkampfpause eingelegt und auf die Bundesliga verzichtet. Gehen Sie im Herbst beim Ligafinale am 2. Dezember in Ludwigsburg für den MTV Stuttgart an die Geräte?

Ja es geht schon diesen Samstag in der Bundesliga in Heidenheim weiter. Mitte November folgt der zweite Wettkampf und dann noch das Ligafinale in Ludwigsburg. Darauf liegt jetzt der Fokus, aber ich hoffe, ich kann mit der Belastung etwas runterfahren, einfach für den Körper und den Kopf. Im Training möchte ich weiter an neuen Elementen feilen und in der Bundesliga natürlich den Titel in Ludwigsburg verteidigen.

Was sind die nächsten größeren Events, auf die jetzt das Training ausgelegt wird?

Das wird jetzt erst einmal mit den Trainern besprochen, aber im nächsten Jahr geht es wieder weiter mit Weltcups, der EM und später dann der WM.

Fragen von patrick nägele
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