Interview
Ludwigsburg | 24. Juni 2017

Grimberg fühlt sich ausgebootet

Jede Medaille hat zwei Seiten. Das weiß auch Vanessa Grimberg. Obwohl die 24-jährige Oßweilerin mit ihrer scharfen Kritik an Schwimm-Bundestrainer Hennig Lambertz ihre internationale Karriere aufs Spiel setzt, lässt sie sich keinen Maulkorb verpassen. Gemeinsam mit ihrem Heimtrainer erläutert sie beim LKZ-Redaktionsbesuch ihre ganz persönlichen Beweggründe.

Vanessa Grimberg fühlt sich ausgebootet und vom Bundestrainer unfair behandelt.Foto: dpa
Vanessa Grimberg fühlt sich ausgebootet und vom Bundestrainer unfair behandelt.Foto: dpa

Ludwigsburg. Die Olympiateilnehmerin vom SB Schwaben Stuttgart, die seit 13 Jahren unter den Fittichen ihres Heimtrainers Jan König steht, verteidigte bei den deutschen Meisterschaften in Berlin ihren Titel über 100 Meter Brust in neuer persönlicher Bestzeit von 1:07,80 Minuten. Für eine Nominierung für die Weltmeisterschaft in Budapest reichte es aufgrund der harten Normzeit (1:06,73) allerdings bei weitem nicht.

Frau Grimberg, nach allem, was vorgefallen ist, erfüllt Sie die Leistung von Berlin nicht auch mit Stolz?

Vanessa Grimberg: Natürlich. Ich konnte zeigen, dass die Entscheidung für mich richtig war. Ich bin in den letzten Tagen Gott sei Dank sehr gut mit dem Druck umgegangen, der von außen kam und den ich auch in mir hatte. Es war ein klares Statement für mich und meinen Trainer.

Spüren Sie so etwas wie Genugtuung?

Grimberg: Ja, auf alle Fälle.

Inwiefern? Weil Sie die Turbulenzen mit dem Bundestrainer schon im Vorfeld der DM belastet haben?

Jan König: Ja, auch im Training hat man das gemerkt und man fragt sich, ob man sich wirklich nochmals motivieren und an die internationalen Leistungen anknüpfen kann, die verlangt werden. Wir hatten dieses Jahr aufgrund der Ausbildung bei der Bundeswehr eine sehr kurze Saison. Deshalb können wir eigentlich mit dem Abschneiden zufrieden sein. Doch durch den Druck, der da aufgebaut worden ist, war uns Trainern klar, dass der erste Tag erst mal nicht so funktioniert. Es musste viel geredet werden mit befreundeten Kollegen, die Vanessa zugesprochen haben.

Konsequenz des Streits ist der Entzug Ihrer Stelle als Sportsoldatin innerhalb des Sportförderprogramms. Warum fällt es Ihnen so schwer, Ihren Trainingsschwerpunkt nach Heidelberg zu verlegen?

Grimberg: Das steht für mich eigentlich überhaupt nicht zur Debatte. Ich habe hier meine Freunde und meinen Trainer, mit dem ich seit 13 Jahren sehr gut zusammen arbeite. Ich hab mir mein Umfeld so zusammengelegt, dass es für mich genau passt, wie ich es brauche. Ich habe hier Physio, ich habe den Kraftraum mit meinem Krafttrainer und ich habe meinen Sportpsychologen. Warum soll ich in Stuttgart etwas aufgeben für etwas Ungewisses, was mich in Heidelberg erwartet und ein Experiment starten?

Sie haben auch kritisiert, dass es gar kein richtiges Gespräch gegeben hat.

Grimberg: Ja, der Ablauf war so: Ich habe ein Rundschreiben vom Bundestrainer bekommen, in dem stand, ob wir in der Bundeswehr bleiben wollen oder nicht, er bräuchte das für die Bundeswehr. Dann habe ich geschrieben, ich würde sehr gerne in Stuttgart verweilen und in der Bundeswehr bleiben. Daraufhin hat er geschrieben: Du weißt ganz genau, wie die Lage ist. Nur ein schnellstmöglicher Wechsel an einen Bundesstützpunkt würde deine Kündigung verhindern. Ich gebe dir bis Donnerstagabend Bedenkfrist. Allerdings hatte ich schon am Donnerstagvormittag eine E-Mail in meinem Postfach, in der stand, dass er mir gekündigt hat. Er hat nicht einmal die Frist eingehalten oder mir ein anderes Angebot gemacht. Das ist sehr traurig.

War das eine befristete Maßnahme, die jetzt gekündigt wurde?

Grimberg: Ja, elf Monate, und normalerweise verlängert sich das automatisch. Aber dank Henning Lambertz, der auch klar gesagt hat, leistungssportmäßig sieht es wohl nicht so dolle mit dir aus, habe ich die Kündigung gekriegt. Und er hat auch kein weiteres Angebot gemacht.

Herr König, das neue Konzept des Bundestrainers ist umstritten. Wie stehen Sie zu den einzelnen Punkten?

König: Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg ist, am Kraftkonzept festzuhalten, ebenso wenig an einer so strengen Zentralisierung. Die Normzeiten sind teilweise so enorm, dass sie nicht einmal unser Weltmeister Marco Koch geschafft hat. Auch hat uns noch niemand erklärt, wie das Kraftkonzept umgesetzt werden soll und wie man es ins Wasser bringen soll. Ich habe mich gestern erst mit einer Trainerin unterhalten, die aus Amerika kommt. Die hat mir erzählt, dass dort viel Krafttraining im Wasser gemacht wird und nicht an Land. Diese Methode favorisiere ich auch. Durch die hohen Normen wird zusätzlich die Motivation bei vielen Sportlern genommen. Deswegen bin ich stolz auf Sportlerinnen wie Vanessa, die sagen, jetzt erst recht.

Lambertz ist seit 2013 Bundestrainer, viele setzen große Hoffnungen in ihn. Sind Sie nun enttäuscht?

Grimberg: Ja.

König: Ja, weil er ja auch nicht mit uns spricht. Und weil er, sobald man eine Meinungsverschiedenheit mit ihm hat, jeglichen Kontakt abbricht. Er geht ja nicht nur über Vanessa hinweg, er geht auch über andere Trainer und Sportler hinweg. Meiner Meinung nach hat er die Pflichtzeiten nicht nur deswegen erhöht, damit es bessere Leistungen gibt, das wäre ja auch Quatsch, sondern dass er die alleinige Gewalt hat, wen er mitnimmt und wen er nicht mitnimmt.

Grimberg: Viele bangen auch um ihren Arbeitsplatz. Wenn sie ihren Mund öffnen, dass dann das Gleiche wie mir passiert und sie auch gekündigt werden.

Was ist denn Ihr eigentliches Ziel? Wollen Sie nun am Stuhl von Henning Lambertz sägen?

Grimberg (lacht): Es geht um Klarstellung.

König: Es geht um Gerechtigkeit und Fairness, die ich vermisse. Wie sollen junge Menschen im Sport Fairness lernen, wenn es der Chef nicht vorlebt? Ich hoffe, dass der DSV nicht die Augen davor verschließt, denn wenn das passiert, dann werden die Machenschaften so weiter gehen. Das hat nichts mit am Stuhl sägen zu tun. Der Bundestrainer kann durchaus das letzte Wort haben, aber er muss auch Meinungen zulassen, und das tut er nicht. Er diktiert und ignoriert.

Haben Sie das von Anfang an beobachtet?

Grimberg: Nein.

Was hat sich verändert? Liegt es auch am neuen Sportförderprogramm?

Grimberg: Natürlich werden immer mehr Gelder gestrichen, der Druck steigt auch von der Politik aus. Sie wollen mehr Medaillen mit weniger Geld. Das funktioniert leider nicht.

König: Dabei ist gar kein Sparkurs zu sehen. Wenn der Bundestrainer mit 14 Schwimmern und elf Betreuern zur WM fährt, dann ist das für mich kein Sparkurs. Die 4 x 100 m Lagenstaffel Frauen hätte von der Zeit eher eine Berechtigung gehabt, zur WM zu fahren als die 4 x 200 m Freistilstaffel Männer, die er aus fadenscheinigen Gründen mitnimmt.

Grimberg: Wir waren näher an der Norm dran und hätten auch Finalchancen. Natürlich kann man das ziemlich persönlich nehmen, weil ich den Mund geöffnet habe, und er möchte mich jetzt nicht im Team haben.

Sie haben einige Fürsprecher, die diese Kritik auch klar aussprechen wie etwa Paul Biedermann.

Grimberg: Marco di Calli hat sich jetzt dazu geäußert und viel Zuspruch bekommen. Er hat das sehr schön aufgedröselt und aufgezeigt, dass die Nominierungsrichtlinien nur von Henning sind und er die eigentliche Macht hat und be- stimmt, wer mitkommt und wer nicht. Das ist Willkür und hat nichts mit Fairness zu tun.

Abgesehen von den internen Querelen. Es bleibt die Tatsache, dass die deutschen Schwimmer der Weltspitze hinterherschwimmen. Sehen Sie trotzdem einen Sinn darin, junge Talente bei großen Wettkämpfen ins kalte Wasser zu werfen, anstatt einen rigorosen Schnitt zu machen?

Grimberg: Ja, auf jeden Fall gleich den Nachwuchs hinschicken. Sie sollen von klein auf lernen, wie es abläuft, wie dort der ganze Flair ist und wie sie mit den verschiedenen Situationen umgehen. Nur wer lernt, kann daraus besser werden. Es gibt immer wieder Rückschläge, aber gerade in jungen Jahren sollte man aus Fehlern lernen und immer wieder aufstehen.

Herr König, welche Perspektiven sehen Sie für Ihren Schützling?

König: Wir haben noch Reserven nach oben. Gerade bei der Wende und im taktischen Bereich ist noch einiges zu tun. Da ist noch Luft nach oben, andernfalls würde ich ihr sicher einen anderen Weg vorschlagen und sagen, Mensch du bist jetzt 24, kümmere dich um deine Zukunft. Im Schwimmen hast du die nicht. Aber Vanessa ist heiß, sie brennt und sie weiß selber, dass sie noch Potenzial hat.

Welche Lösung sehen Sie denn?

König: Wir haben überhaupt kein Problem mit Heidelberg. Aber Vanessa möchte sich nicht von ihrem persönlichen Umfeld wegbegeben. Und das ist noch verständlicher nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters. Das ist noch nicht so lange her und das hat sie noch mehr an ihre vertraute Umgebung gebunden und an das Umfeld, das sie hier unterstützt hat.

Grimberg: Das gibt mir die Kraft für alle Aufgaben, die bevorstehen. Mein Ziel ist Tokio 2020, bis dahin werde ich versuchen, alles, was geht, mitzunehmen. Aber wenn die Zeiten weiterhin so utopisch bleiben, wird es schwer. International werden die Normzeiten durch das Doping immer mehr gepusht, da ist das Kontrollsystem viel zu nachlässig.

Kommen Sie finanziell über die Runden?

Grimberg: Ich habe mich als Werkstudentin beworben und hoffe, dass ich diese Anstellung bekomme. Zusätzlich werde ich in Stuttgart arbeiten, da der Bundestrainer mir ja meine Zukunft in der Bundeswehr versperrt hat. Letztlich hat er mir damit meine Existenzgrundlage genommen.

Fragen von andreas steimann
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige