Ludwigsburg | 31. Juli 2017

Korbleger von Simon Linder

Jedes Jahr verlassen Hunderte amerikanische College-Spieler ihre Heimat, um in Europa professionell Basketball zu spielen. Alle eint ein Ziel: Sie wollen sich dort für die NBA empfehlen. Das gelingt jedoch nur wenigen. Die meisten müssen sich damit begnügen, einige Zeit durch Europa zu tingeln, um dort möglichst eine solide finanzielle Grundlage für die ersten Jahre nach der Karriere zu legen. Die größte Liga der Welt bleibt für sie nur ein großer Traum.

ur sehr wenige Spieler, die in Europa aktiv waren, erhalten einen guten NBA-Vertrag. „Gut“ bedeutet: Der Vertrag ist „garantiert“, der Spieler kann also nicht kurz vor Saisonstart wieder entlassen werden, um dann doch wieder – meist zu deutlich geringeren Bezügen – nach Europa wechseln zu müssen. Einem ehemaligen Ludwigsburger ist nun der Sprung in einen NBA-Kader gelungen: Royce O’Neale (Baumann-Foto), der in der Spielzeit 2015/16 für die Riesen auflief, unterschrieb nach einem Jahr in Gran Canaria einen „guten“ Vertrag bei den Utah Jazz.

O’Neales Start in Europa war jedoch alles andere als leicht: Bei den Riesen war er zu Beginn der Saison oft nicht einmal im Kader, weil in der BBL pro Spiel maximal sechs ausländische Akteure auf dem Spielberichtsbogen stehen dürfen. O’Neales Potenzial war aber trotz seiner Probleme am Anfang der Spielzeit schon in Ludwigsburg zu sehen: Seine überragende Athletik, die ihm offensiv wie defensiv viele Möglichkeiten gibt, gepaart mit einer Größe von knapp zwei Metern und einem mehr als soliden Distanzwurf – solche Spieler suchen Trainer auf der ganzen Welt. Dass O’Neale dazu nicht unbedingt auf Pässe seiner Mitspieler angewiesen ist, sondern für sich und seine Kollegen gute Situationen kreieren kann, macht ihn noch wertvoller. Deshalb setzte sich O’Neale auch durch: Mit starken Leistungen im EuroCup und der BBL und in den Play-offs gegen den FC Bayern erspielte er sich einen Vertrag bei Gran Canaria in der spanischen ACB, die als stärkste Liga Europas gilt. Und diese Spielzeit wurde für ihn zum Sprungbrett in die NBA.

inen weniger „guten“ Vertrag hat Jack Cooley, der in der letzten Saison für die Riesen auflief, unterschrieben: einen „two-way contract“ bei den Sacramento Kings. Cooley wird den größten Teil der Saison in der unterklassigen G-League verbringen, denn maximal 45 Tage darf er laut Statuten im NBA-Kader der Kings stehen. Auch finanziell lohnt sich dieser Vertrag nicht unbedingt: Maximal 280 000 Dollar brutto wird Cooley in diesem Jahr verdienen – in Europa hätte er nach seinen famosen Auftritten in der Basketball Champions League wohl mindestens das Doppelte erhalten können. Doch der Traum von einer Rückkehr in die NBA, in der er bereits 2015 einige Spiele für die Utah Jazz absolvierte, war wohl größer als die Lust auf ein weiteres Jahr in Europa.

b es einem der Riesen-Neuzugänge in der kommenden Saison gelingen wird, sich für die NBA zu empfehlen, bleibt abzuwarten. Mit Michael Frazier kommt allerdings ein Akteur, dem schon zu College-Zeiten der Sprung in die stärkste Liga der Welt zugetraut wurde. Nach einem Jahr in der zweiten italienischen Liga könnte der starke Verteidiger und sichere Dreipunkteschütze bei den Riesen den nächsten Schritt machen. Dass es sich zumindest finanziell lohnt, für die Perspektive NBA ein paar Sonderschichten zu schieben, zeigt wiederum das Beispiel Royce O’Neale: Er wird im kommenden Jahr bei den Utah Jazz mindestens 815 615 Dollar, sogar wohl eher etwas über eine Million Dollar verdienen – und damit mehr als der komplette Kader eines durchschnittlichen Bundesligisten zusammen.

Info: Simon Linder war in der vergangenen Saison Hallensprecher bei den MHP-Riesen Ludwigsburg, Der Basketball-Experte und studierte Theologe wird künftig in dieser Kolumne seine Sichtweise zum nationalen und internationalen Basketballgeschehen schildern.

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