Eistanz
Gemmrigheim/Pyeongchang | 22. Februar 2018

Polizoakis lebt seinen Traum auf Eis

Wintersportler aus dem Kreis Ludwigsburg sind selten, aber es gibt sie: Joti Polizoakis hat bis zu seinem zehnten Lebensjahr in Gemmrigheim gewohnt. Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang belegte er mit seiner Partnerin Kavita Lorenz den 16. Platz im Eistanzen.

Vertrauensvolles Verhältnis: Kavita Lorenz und Joti Polizoakis.Foto: Chiasson/dpa
Vertrauensvolles Verhältnis: Kavita Lorenz und Joti Polizoakis.Foto: Chiasson/dpa

Im Jahr 2000 sitzt ein vierjähriger Junge in Gemmrigheim vor dem Fernseher und verfolgt gebannt die Eiskunstlauflauf-Weltmeisterschaft in Nizza. „Laut Erzählung meiner Eltern war ich damals nicht vom TV wegzubekommen und habe anschließend darauf bestanden, diesen Sport auch zu machen“, berichtet Joti Polizoakis gestern aus dem olympischen Dorf in Pyeongchang. Seit jenem prägenden TV-Nachmittag sind mittlerweile 18 Jahre vergangen. Polizoakis hat hart für seinem Traum gearbeitet, erlebte Höhen und Tiefen und wechselte sogar die Disziplin. In der Nacht zu Mittwoch schafft er mit dem 16. Platz im olympischen Finale im Eistanz mit seiner Partnerin Kavita Lorenz seinen bisherigen Höhepunkt – bei den nächsten Spielen, 2022 in Peking, soll eine Medaille in Reichweite sein.

Die kleine Gemeinde Gemmrigheim hat Polizoakis dafür längst verlassen. Nach Anfängen beim REV Heilbronn zieht er nach der Grundschule mit seiner Familie nach Stuttgart, um dort zu trainieren. Die Unterstützung seiner Familie hat er sicher. Mit 15 Jahren folgt der nächste Schritt: Es geht nach Oberstdorf. Training im Leistungszentrum, Wohnen bei einer Gastfamilie. Dort lernt er auch die Berlinerin Lorenz kennen, seine spätere Eistanzpartnerin.

Die Erfolge lassen nicht lange auf sich warten. Bei den Junioren gewinnt er mehrfach die deutsche Meisterschaft und ist auch international erfolgreich. „Weil ich künstlerisch besser bin als technisch, überlegte ich schon früh, vom Eiskunstlauf in den Eistanz zu wechseln. Aber wenn man Erfolge hat, macht man das nicht“, blickt Polizoakis zurück. Auch sein damaliger Trainer ist dagegen.

Dann kommt das erste Jahr bei den Erwachsenen. Der mittlerweile 19-Jährige kämpft mit Verletzungen und Schmerzen, schafft es nicht, Fuß zu fassen. Der gebürtige Bietigheimer denkt ans Aufhören. „Ich war an einem Tiefpunkt. Ich habe gedacht, ich mache da etwas, das ich überhaupt nicht machen will.“ Er greift zum Telefon und ruft Kavita Lorenz an. Sie hatte dieselben Probleme und entschied sich über ein Jahr zuvor, zum Eistanz zu wechseln und in die USA zu gehen – dort trainiert die Weltelite in der Nähe von Detroit. Ein passender Partner fehlt ihr allerdings.

Also wagt Polizoakis den Schritt in die Staaten, tanzt beim angesehenen Trainer Igor Shpilband gemeinsam mit Lorenz vor und überzeugt. Finanziell werden die beiden anfangs von ihren Familien unterstützt. Als sich die ersten Erfolge einstellen, hilft auch der Verband. „Ohne Eltern wäre das nicht gegangen. Vor allem Familie Lorenz hat uns finanziell sehr unterstützt“, sagt Polizoakis. Mittlerweile ist er als Sportsoldat bei der Bundeswehr angestellt. Nach Olympia wollen die beiden zudem eine Sportmanagement-Agentur bei der Sponsorensuche um Hilfe bitten.

Begeistert von der Atmosphäre

Denn es sollen nicht die letzten Spiele gewesen sein – zu schön ist das Erlebnis. „Man trainiert sein ganzes Leben für diesen Moment. Die Atmosphäre ist unglaublich. Hier treffen sich so viele tolle Sportler, überall sind die Ringe“, schwärmt Polizoakis, der bei der Eröffnungsfeier in den vorderen Reihen laufen durfte. So richtig genießen kann er die Stimmung aber erst, als die Spannung nach dem Wettkampf abfällt. „Gestern bin ich durch das Dorf gelaufen und dachte: Wow, du hast es geschafft, du bist wirklich hier.“

Ein weiterer Höhepunkt war für ihn die Goldmedaille der mit ihm befreundeten Eiskunstläufer Aljona Savchenko und Bruno Massot. „Ich war in der Halle und habe noch nie so eine Energie gespürt. Das war ein richtiger olympischer Moment.“

Obwohl Polizoakis in den USA trainiert, ist er regelmäßig in Deutschland. „Nach Wettkämpfen in Europa komme ich meistens noch zwei, drei Tage nach Hause.“ Seine Eltern und die beiden Geschwister wohnen zwar in Stuttgart, haben aber noch viele Freunde in Gemmrigheim und Kirchheim.

Seine Mutter kommt aus Tschechien, sein Vater ist Grieche. Und wo wird Polizoakis nach seiner Karriere leben? „Eigentlich sehe ich mein Leben eher in den USA, aber man weiß ja nie.“

Marco Jaisle
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