18. April 2012

Boulahrouz: «Ich will natürlich Europameister werden»

Stuttgart (dpa) - Khalid Boulahrouz hat in seiner Karriere mehr erreicht und erlebt als die meisten anderen Bundesliga-Profis.

Erfahrung
Khalid Boulahrouz braucht eine klare Philosophie um gut zu spielen. Foto: Bernd Weißbrod
dpa

Er stand mit den Niederlanden im WM-Finale, wurde von José Mourinho einst vom Hamburger SV zum FC Chelsea geholt, hat beim VfB Stuttgart aber auch sehr schwere Zeiten hinter sich gebracht. Im dpa-Interview spricht der 30 Jahre alte Verteidiger über seine bewegte Laufbahn - und über das bevorstehende EM-Duell mit der deutschen Mannschaft.

Sie haben im November mit 0:3 gegen die deutsche Mannschaft und in den Jahren davor auch alle entscheidenden Spiele gegen Portugal verloren. Haben Sie nach der Auslosung schon mal gedacht: Diese EM könnte auch schnell wieder vorbei sein für die Niederlande?

Khalid Boulahrouz: «Über diese Gruppe kann man wirklich bis zum Geht-nicht-mehr diskutieren. Die ganze Welt hat eine Meinung dazu. Für mich ist die Sache aber ganz einfach: Was auf dem Papier steht, das zählt nicht. 2008 ist Italien als Weltmeister zur EM gefahren. Und dann haben wir sie auf dem Platz ganz klar geschlagen.»

Dann noch einmal etwas ernsthafter gefragt: Was ist drin für die Niederlande bei dieser EM? Hat sich Ihre Mannschaft noch einmal weiterentwickelt, seit sie bei der WM 2010 im Endspiel stand?

Boulahrouz: «Unsere Entwicklung hat schon 2008 begonnen, da haben wir unter Marco van Basten einen überragenden Fußball gespielt. Als dann Bert van Marwijk kam, stand bereits ein sehr gutes Fundament. Bis dahin waren wir dafür bekannt, sehr schön zu spielen und wenig zu erreichen. Aber jetzt wissen wir ganz genau, was wir tun müssen, um auch die Spiele zu gewinnen, in denen wir nicht so gut sind. Wir sind stark, sind noch erfahrener und reifer geworden seit 2010, aber ich sehe bei uns trotzdem noch Möglichkeiten, uns zu steigern.»

Was bedeutet das konkret für die EM?

Boulahrouz: «Ich will natürlich Europameister werden. Wir haben alle Bausteine beisammen, um ein gutes Turnier zu spielen.»

Sie persönlich sind 2004 zum ersten Mal in die Bundesliga zum HSV gewechselt. Damals schaute der deutsche Fußball noch neidisch nach Holland, mittlerweile kommen auch hier große Talente wie Mario Götze oder Mesut Özil heraus. Wie haben Sie diese Entwicklung verfolgt?

Boulahrouz: «Als ich hierherkam, war das Spiel noch richtig deutsch. Das ist gar nicht negativ gemeint, jedes Land hat seine Identität. Aber ich weiß noch, dass ich hier mit 75 Kilo ankam und auf einmal gegen Jan Koller spielen musste. Damals gab es noch keinen Götze und keinen Reus. Der Wandel kam mit der WM 2006. Das sieht man allein daran, wie die Nationalelf jetzt spielt. Sie hat junge und kreative Spieler, die nicht mehr nur über das Kämpferische kommen. Und wenn es mal nicht so gut läuft, haben sie immer noch ihre Mentalität und ihre Zweikampfstärke. Das ist eine gute Mischung. Das gefällt mir sehr.»

Nach drei enttäuschenden Jahren in Stuttgart läuft es ja auch für Sie in dieser Saison wieder gut. Was hat sich für Sie verändert beim VfB? Ist es nur das Vertrauen, das Bruno Labbadia Ihnen entgegenbringt?

Boulahrouz: «Ich könnte es mir einfach machen und sagen: Wir haben jetzt einen Trainer, der Ahnung vom Fußball hat. Vorher hatten wir einen Trainer (Christian Gross), dessen Philosophie mir nicht gefiel. Aber man muss die ganze Geschichte sehen. Und es ist mir wichtig, dass unsere Fans auch meine Version davon kennen.»

Nur zu.

Boulahrouz: «Mein Anfang in Stuttgart war sehr schwer. Man hat mir gesagt: Du kriegst viel Zeit. Aber wahrscheinlich haben einige meine Situation unterschätzt, denn diese Zeit wurde mir nicht gegeben (Boulahrouz' zu früh geborene Tochter starb 2008 einen Monat vor seinem Wechsel/Anm.). Ich habe einen Vertrag unterschrieben, der Verein hat viel Geld für mich bezahlt - da erwartet jeder, dass man seine Leistung bringt. Aber ich hatte in dieser Phase andere Sachen im Kopf. Ich hatte meine Tochter verloren, ich hatte eine Familie, der es sehr schlecht ging, und ich hatte keine Zeit für mich selbst, um das zu verarbeiten. Diesem Start bin ich immer hinterhergelaufen.»

Sie standen von Beginn an in der Kritik, hatten bei den Fans wegen ihres Millionen-Gehalts einen schweren Stand und spielten wenn überhaupt meist auf der ungeliebten Position des Rechtsverteidigers.

Boulahrouz: «Einige Dinge möchte ich gerne aus der Welt schaffen. Es wurde über mich geschrieben, dass ich niemals rechter Verteidiger spielen wollte und dass ich nur hierhergekommen bin, um Geld zu kassieren. Aber Fakt ist: Stuttgart hat mich angerufen. Ich habe den Vertrag unterschrieben, den der VfB mir angeboten hatte. In der Zeit unter Gross wollte ich sogar für viel weniger Geld zurück nach Holland gehen - das hat nie jemand geschrieben. Aber ich habe Geduld bewahrt, nie etwas Schlechtes über den VfB gesagt und immer versucht, mich korrekt zu verhalten. Jetzt fühle ich mich hier sehr wohl.»

Welchen Anteil hat Bruno Labbadia daran?

Boulahrouz: «Als er kam, hat für mich wieder die Sonne gestrahlt. Er hat eine klare Philosophie. Für mich ist jemand ein Trainer, wenn er einer Mannschaft eine Philosophie geben und einige Spieler besser machen kann. Labbadia kann das. Seine Übungen und seine Gedanken erinnern mich sogar ein bisschen an die holländische Schule.»

Wie ist die Arbeit mit José Mourinho? Er hat Sie zu Chelsea geholt.

Boulahrouz: «Sie müssen sich Mourinho wie einen Vater vorstellen. Er schützt jeden seiner Spieler. Sein Geheimnis ist: Die Spieler würden für ihn durchs Feuer gehen. Das ist schwer zu erklären, aber ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn ein Spieler eine Rote Karte gekriegt hat und länger gesperrt wurde, dann hat er ihm gesagt: <Nimm deine Familie und flieg' vier Tage weg. Flieg' nach Dubai oder Mallorca, aber wenn du zurück bist, gibst du nicht 100 sondern 1000 Prozent.> Alles, was Mourinho in der Öffentlichkeit sagt, hat nur einen Zweck: Er zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Die Spieler werden so in Ruhe gelassen.»

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