15. Mai 2012

Chelseas alte Garde vor Spiel des Lebens

London (dpa) - Die Altstars des FC Chelsea waren genervt. Knapp 20 TV-Stationen und mehr als 100 Journalisten löcherten Didier Drogba und Co. am Medientag der Blues immer wieder mit den gleichen Fragen zum «Alte Garde-Thema».

Vorspiel
Im Regen absolviert der FC Chelsea mit Didier Drogba (r) eine lockere Einheit. Foto: Kerim Okten
dpa

Ist das Champions-League-Finale beim FC Bayern die letzte Chance für die müden Krieger? «Finals sind dazu, um gewonnen zu werden», antwortete Drogba lapidar. «Keiner weiß, ob er jemals wieder so ein Finale erreicht, auch die Youngster nicht», sagte Chelseas Interimscoach Roberto di Matteo. Der Italo-Schweizer nippte an einer Blues-Kaffeetasse und versuchte Zuversicht auszustrahlen. Die Chancen auf ein Happy End am Samstag stünden 50:50, das Heimfinale für die Münchner sei nicht unbedingt ein Vorteil und sein Team für ein mögliches Elfmeterschießen bestens vorbereitet. Die ganze Woche üben die Chelsea-Profis schon Elfmeter.

Groß gefordert wurde di Matteos «Rentnerband» (The Sun) bei der Trainingseinheit in Cobham bei London nicht. Bei Regenschauern vertrieben sich die Akteure in relaxter Atmosphäre mit Kleinfeldspielchen die Zeit. Fernando Torres trug dabei die meiste Zeit keines der orangenen Leibchen, was auf eine Jokerrolle des spanischen Welt- und Europameisters am Samstag schließen lässt. Das zuletzt angeschlagene Innenverteidiger-Duo David Luiz und Gary Cahill stieg wieder ins Mannschaftstraining ein - zur Erleichterung von di Matteo, der in der Isar-Metropole ohnehin auf vier suspendierte Profis verzichten muss.

Der fürs Finale gesperrte Kapitän John Terry probte unterdessen schon am Dienstag seine Nebenrolle, trainierte mit einer separaten Gruppe und schlich frühzeitig und wortlos vom Platz. «Man hat uns als zu alt, über unseren Zenit und ohne Zusammenhalt gegeißelt. Aber als Team vereinen wir uns, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen», hatte der Abwehrchef schon vorher erklärt.

In München kommt es vor allem auf die «Old Boys» an. Der 34 Jahre alte Drogba und der ein Jahr jüngere Antreiber Frank Lampard sind zusammen fast 70 Jahre alt. Und vor den Routiniers fürchtet sich Bayern-Trainer Jupp Heynckes am meisten. Spieler, die «praktisch in ihrer Spätphase der Karriere noch mal die ganz große Chance haben, die Champions League zu gewinnen. Das schweißt zusammen», analysierte der Münchner Coach.

Sein Kollege di Matteo hat den vermeintlich abgehalfterten Helden der Blues wieder Leben eingehaucht. Unter seinem Vorgänger André Villas-Boas zählte Chelsea-Dauerbrenner Lampard nicht immer zur ersten Wahl. Dabei kommt allein der Mittelfeldmotor auf bislang 521 Einsätze im Dress der Londoner. Bei der Finalpleite vor vier Jahren gegen Manchester United hatte er den einzigen Treffer aus dem Spiel heraus erzielt. Chelsea verlor am Ende im Elfmeterschießen, weil Terry den entscheidenden Strafstoß versemmelte. Drogba war zuvor mit der Roten Karte vom Platz geflogen - für alle drei geht es um Wiedergutmachung. Terry, Clubikone mit 526 Spielen für die Blues, will zumindest als Einpeitscher und Motivator seinen Teil zum ersten Champions League-Titel der Vereinsgeschichte beitragen.

Neun aktuelle Spieler des FC Chelsea hatten 2008 die bitteren Momente in der Nacht von Moskau hautnah miterlebt. Neben Drogba, Terry und Lampard waren auch Torwart Petr Cech, Ashley Cole, Michael Essien, Florent Malouda, Salomon Kalou und John Obi Mikel dabei. Bis auf Mikel kamen damals auch alle zum Einsatz. «Diese Erfahrung ist unschätzbar. Ohne die kannst du nicht gewinnen», so Lampard.

Den Beweis dafür hat der FC Chelsea längst geliefert. Unter di Matteo gewann das Team den FA-Cup und schaltete im Halbfinale von Europas Glamourliga sensationell den FC Barcelona aus. «Wir sprechen ja nicht von alten Jungs, die ihre Karriere auslaufen lassen wollen. Wir sprechen von Spielern, die gewinnen wollen», meinte Lampard. Erst recht am Samstag, in ihrem 13. Spiel in der Champions-League-Saison 2011/2012.

Die Wende zum Guten ist auch Heynckes nicht entgangen. Nach dem Trainerwechsel seien plötzlich Mechanismen in Gang gesetzt worden, dass die Mannschaft sich wieder gefunden und man wieder ein Team auf dem Spielfeld gesehen habe, bemerkte der Bayern-Coach. «Wo der eine für den anderen da ist, wo die Veteranen auch wieder gemerkt haben, es geht eigentlich nur gemeinsam, und das macht Chelsea aus meiner Sicht so gefährlich.»

Jung und alt würden für dasselbe Ziel kämpfen, bekräftigte di Matteo unterdessen. «Sie hatten eine schwierige Saison und scheinen bei Bedarf immer in der Lage zu sein, eine ganz besondere Leistung zu zeigen», lobte di Matteo seine gesamte Mannschaft: «Das scheint ein Teil der DNA meiner Spieler zu sein.» Zusammen mit der Erfahrung der nun wieder tonangebenden Rentnerband könnte es zum Siegergen werden.

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