20. Juni 2014

England nach historischem WM-Aus «am Tiefpunkt»

Rio de Janeiro (dpa) - Die einst so stolze Fußball-Nation England wütet über das historische WM-Desaster.

Einsam
Steven Gerrard wird gegen Uruguay zur Symbolfigur der englischen Misere. Foto: Tolga Bozoglu
dpa

«Moderner Fußball-Skandal», «in die Fresse getreten» - nur vier Jahre nach der Achtelfinal-Blamage gegen Deutschland sind die Three Lions endgültig in die große Bedeutungslosigkeit abgestürzt.

Erstmals seit 1958 setzte es das Aus beim Weltturnier in Brasilien schon nach der Vorrunde - den Schuldigen für den schlechten Start der englischen WM-Geschichte hatten die Zeitungen schnell gefunden. «Netter Kerl, falscher Trainer: Hodgson muss nach irrem neuen Tiefpunkt entlassen werden», schrieb die «Daily Mail» nach der neuerlichen Enttäuschung.

Das 1:2 gegen Uruguay durch zwei Tore von England-Legionär Luis Suarez riss die hochgelobten Stars um Wayne Rooney aus allen Träumen, das endgültige Scheitern besiegelte Costa Rica mit dem 1:0 über Italien. «Kopf hoch, Jungs. Es sind nur 721 Tage bis zur Euro 2016», spottete «The Sun». Selbst das Fiebern mit dem europäischen Rivalen half dabei nichts: Die BBC startete ihre Übertragung mit den Worten «Forza Italia», Gary Lineker moderierte im Azzurri-Trikot. «Die ganzen niedrigen Erwartungen haben nichts geholfen. Rauszufliegen fühlt sich scheiße an!», erklärte die Stürmerlegende.

Mit leerem Blick und Händen in den Hosentaschen hatte Steven Gerrard schon am Vorabend ausgesprochen, was alle im englischen Lager dachten: «Das ist so frustrierend», sagte der 34-Jährige. «Wir sind in diesem Turnier an einem Punkt angekommen, an dem wir nie stehen wollten.» Ob er dem Team über die WM hinaus zur Verfügung steht, ließ der Kapitän offen. «Ich denke, dass ich den Schmerz und das Gefühl wegschieben muss und schaue, was die nächsten vier oder fünf Tage passiert», sagte der Mittelfeldspieler vom FC Liverpool.

Noch nie hatte eine Mannschaft nach einem Start mit zwei Niederlagen noch die nächste Runde erreicht. Die vage Hoffnung auf «ein Wunder» («Daily Star») zerschlug sich bereits vor dem nun für England bedeutungslosem WM-Abschluss gegen das Überraschungsteam von Costa Rica. «Danke für nichts, Italien!», titelte der «Independent». Schon 1950 war die WM in Brasilien für England nach der ersten Runde zu Ende gewesen. Der «Daily Mirror» analysierte erbarmungslos: «Grausam in der Abwehr, jämmerlich im Mittelfeld. Sorry Roy, das ist Müll.»

Spieler und Trainer hatten mit hängenden Köpfen schon selbst nicht mehr an das Achtelfinale geglaubt. «Unsere Chancen sind sehr gering», meinte Hodgson. Wenige Minuten vor Anpfiff der Italien-Partie beeilte sich Verbandschef Greg Dyke zu einer Klarstellung in der Trainerfrage: «Wir unterstützen Roy Hodgson und haben ihn gebeten, als Englands Coach zu bleiben».

Die beiden Symbolfiguren für den bitteren K.o. hießen Gerrard und Wayne Rooney. Der Stürmerstar von Manchester United schoss nach all der Kritik in den vorangegangenen Tagen endlich das erste WM-Tor seiner Karriere (75.). Doch sein Pech war, dass Uruguays Torjäger Luis Suárez vom großen Rivalen FC Liverpool wie schon so oft in der abgelaufenen Premier-League-Saison noch ein wenig erfolgreicher war: Suarez traf gleich zweimal - in der 39. und 85. Minute. Und Rooney war danach so enttäuscht, dass er kommentarlos von der Kabine in den Mannschaftsbus schlich. «No, sorry», sagte er den Journalisten nur.

Gerrard hatte zum entscheidenden zweiten Tor von Suárez die unfreiwillige Vorarbeit geleistet. Er lenkte den Ball mit dem Hinterkopf unglücklich weiter. Dafür konnte der Routinier zwar wenig, aber nach der schon schwachen Vorstellung beim WM-Auftakt gegen Italien (1:2) weckte auch dieser Abend traurige Erinnerungen an die vergangene Club-Saison.

Es war ein Fehler von Gerrard, der dem FC Liverpool im Spiel gegen Chelsea die entscheidende Niederlage im Meisterschaftsrennen einbrachte. «Auf diesem Level darfst du einem Weltklasse-Spieler wie Suárez nicht eine einzige Chance ermöglichen», sagte er geknickt. «Wir können die Rolle von Gerrard nicht ignorieren», schrieb der «Telegraph» über den sonst sakrosankten Kapitän. «Zeit für eine neue Generation.»

Gerrard und Rooney haben nun in zwei verschiedenen Epochen englische Fußballer zu einer WM geführt. Sie liefen dem Titel schon im Verbund mit John Terry, Paul Scholes oder Rio Ferdinand vergeblich hinterher und sind nun auch an der Seite der neuen Jungstars wie Raheem Sterling und Daniel Sturridge gescheitert. Diese Altersklasse weckt in England wieder große Hoffnungen, aber Hodgson sagte nur: «Niemand kann die Einstellung der Spieler ernsthaft infrage stellen, aber wir waren nicht gut genug, um diese beiden Spiele zu gewinnen. Im Fußball zählt nicht, wie häufig du den Ball in den Strafraum bringst, sondern ins Netz.»

Nach dem missglückten Engagement beim FC Liverpool mehren sich die Stimmen, dass der 66-Jährige womöglich auch für den Job des Nationaltrainers zu altbacken und innovationslos sein könnte. Freiwillig gehen will Hodgson aber nicht. «Natürlich bin ich bitter enttäuscht, aber ich sehe keine Notwendigkeit, zurückzutreten. Sollte der Verband allerdings denken, dass ich nicht der richtige Mann bin, ist das seine Entscheidung, nicht meine», erklärte er. Gerrard lobte den Coach und betonte, die Mannschaft sei für das Ausscheide verantwortlich.

Telegraph-Bericht

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