21. Oktober 2013

Kritik an Kießling - «Chance für Fairplay vertan»

Frankfurt/Main (dpa) - Hätte Stefan Kießling die Anerkennung seines Phantomtors verhindern können, sollen - oder gar müssen? Das diskutieren jetzt Fans und Experten der Fußball-Bundesliga.

Kießling und Völler
Rudi Völler (r) redete kurz nach dem Abpfiff mit Stefan Kießling. Foto: Uwe Anspach
dpa

Über die Unterredung des Torjägers mit Schiedsrichter Felix Brych nach der Szene sprach am Montagabend Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler. «Er hat ihm nicht gesagt, dass es ein klares Tor ist», berichtete Völler der Nachrichtenagentur dpa: «Er hat ihm gesagt: 'Ich weiß es nicht.'» Der Stürmer des Fußball-Bundesligisten habe dem Referee unmittelbar nach der umstrittenen Szene erklärt, «dass er sich nicht sicher ist».

Unmittelbar nach dem Skandalspiel vom Freitagabend hatten nicht einmal die Hoffenheimer Kießling zum Sündenbock gemacht. Aber jetzt werden auch kritische Stimmen laut. Der langjährige Bundesliga-Trainer Ralf Rangnick bemängelte als einer der wenigen offen das Verhalten Kießlings. «Alles, was direkt nach dem Kopfball passiert ist - die ganze Körpersprache, die ganze Gestik, die Mimik - deuten darauf hin, dass er klar gesehen hat, dass der Ball vorbei gegangen ist. Und ich denke, er hat eine große Chance vertan, wirklich auch was für Fairplay zu tun», sagte der Sportdirektor von RB Leipzig und RB Salzburg am Sonntagabend in der SWR-Sendung «Sport im Dritten».

Im Internet konnte Kießling wüste Beleidigungen lesen und wehrte sich auf seiner Facebook-Seite gegen den Shitstorm: «Ich würde mir wünschen, dass einige, mit ein wenig Abstand, noch mal auf ihren Kommentar schauen, ob diese Art der Beschimpfung und Pöbelei hier angebracht ist.»

Völler verteidigte Kießling. «Im ersten Moment, wenn man das im Fernsehen sieht, dann ist man als Außenstehender sicher bereit zu sagen: 'Hätte er nicht zugeben können, wie es gewesen ist.'», sagte Leverkusens Sportdirektor. «Aber wir haben direkt nach dem Spiel mit Stefan geredet, und er hat zuerst die Wahrnehmung gehabt, dass es kein Tor war. Aber danach hatte er das Gefühl, dass der Ball doch drin war - und er war ja auch irgendwie im Netz.» Auch in der «Bild»-Zeitung verteidigte Völler seinen Profi vehement: «All die Schlaumeier, die auf Kießling rumhacken, sollen in den Spiegel schauen und mal auf dem eigenen Hof kehren. Stefan hat noch nie eine Schwalbe gemacht. Ich kenne keinen anständigeren Spieler als ihn.»

Auch Thomas Helmer, der 1994 mit einem Phantomtor für den FC Bayern München für Aufsehen gesorgt hatte, sprang Kießling bei: «Er ist ja ein richtiger Sportsmann ohne Nickeligkeit, so wie ich es auch war.» Kießling hatte bei Bayers 2:1-Sieg Leverkusens einen Treffer zum 2:0 zugesprochen bekommen. Dabei war sein Kopfball am Pfosten vorbei gegangen und durch ein Loch im Netz im Tor gelandet. Dies zeigten die Fernsehbilder. Schiedsrichter Felix Brych hatte Kießling nach der Szene kurz befragt, das Tor aber gegeben. Der Spieler selbst sagte, er habe «nicht genau gesehen», was mit dem Ball passiert ist. An das Gespräch mit Brych konnte oder wollte er sich in der Öffentlichkeit nicht genau erinnern. Genau darauf und auf die Tatsache, dass fast zwei Minuten bis zum Anstoß vergangen waren, verwies jetzt der frühere Hoffenheimer Chefcoach Rangnick. «Und spätestens da wird es dann ein bischen komisch. Ich denke, Stefan wusste ganz genau, dass der Ball vorbeigegangen ist. Aber nicht jeder entscheidet dann wie Miro Klose in Italien, der dann zugegeben hat, dass der Ball nicht drin war. Aber das muss man auch verstehen.»

Hoffenheims aktueller Trainer Markus Gisdol hatte nach dem Abpfiff erklärt: «Wir machen ihm überhaupt kein Vorwurf.» Kießling hatte sich nach seinem Kopfball abgewendet und verärgert an den Kopf gefasst. Es gab allerdings noch andere Bayer-Akteure, die gesehen haben könnten dass der Ball zunächst am Außenpfosten vorbeigegangen war - zum Beispiel Stefan Reinartz und Sidney Sam.

Reinartz sagte im «Kölner Stadtanzeiger, auf die Frage, ob man von einem Profi verlangen kann, ein Tor zurückzunehmen, wenn er weiß, dass es regelwidrig war: «Nein, das kann man nicht verlangen. Auch da ist wieder das Problem, wo man anfängt. Dann müsste ich bei jedem Einwurf, der vielleicht nicht richtig war, zum Schiedsrichter gehen und sagen, dass das eine Fehlentscheidung war.»

Auch der frühere Nationalmannschaft-Kapitän Michael Ballack geht davon aus, dass einige Leverkusener die Szene mitbekommen haben. «Als Spieler nimmt man so was mit, wenn man nicht deutlich darauf angesprochen wird. Das ist wie bei einem Elfmeter, der keiner war», sagte er dem TV-Sender Sky Sport News HD.

Der ehemalige Bundesliga-Referee Hans-Joachim Osmers, der damals das Helmer-Tor gegeben hatte, sieht es hingegen ähnlich kritisch wie Rangnick. «Es gibt große Kampagnen, auch vom DFB, in denen alle über Fairplay reden. Aber dann ist da kein einziger Leverkusener Spieler, der sagt: Bitte, das muss man jetzt schon zugeben: das war kein Tor», erklärte er in der «Süddeutschen Zeitung».

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