03. Oktober 2012

Privatier Ballack lässt Zukunft offen

Berlin (dpa) - Kein Feuerwerk und nicht mal Blumen - zum Ende seiner außergewöhnlichen Karriere bekam Michael Ballack von einstigen Kollegen und Gefährten nur noch ein paar freundlich klingende Worte mit auf den Weg ins Privatleben.

Abgang
Michael Ballack lässt seine berufliche Zukunft offen - nur mit dem aktiven Fußball ist es vorbei. Foto: Achim Scheidemann
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Auf Wiedersehen
Michael Ballack beendet seine Fußball-Karriere. Foto: Federico Gambarini
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Meister
Vor seinem Wechsel ins Ausland holte Ballack 2005 mit Bayern die Meisterschaft. Foto: Arne Dedert
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Gipfelstürmer
Mit Bundestrainer Joachim Löw (l) unternahm Ballack 2008 den letzten Angriff auf einen Titel mit dem DFB. Foto: Markus Gilliar
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Trost
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel bekam das Finaltrauma von Ballack 2008 beim EM-Endspiel hautnah mit. Foto: Peter Kneffel
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Spröde per Anwaltsschreiben hatte der 98-malige Nationalspieler seinen Rücktritt vom Profisport verkündet. Über seine Zukunft ließ der einstige «Capitano» Fußball-Deutschland aber komplett im Dunkeln. 150 Tage nach seinem letzten Bundesliga-Spiel machte Ballack Schluss und beendete damit auch alle Spekulationen um ein mögliches Engagement in Übersee.

«Mit 36 Jahren blicke ich auf eine lange und wunderbare Zeit im Profifußball zurück, von der ich als Kind nie zu träumen gewagt hätte», erklärte der langjährige Nationalmannschafts-Kapitän. Viel Zeit für wohlwollende Abschiedsbekundungen brauchte die Branche nicht. Das schleichende Ende der Ballack-Laufbahn hatte eigentlich schon mit seiner Fußverletzung und dem bitteren WM-Aus 2010 begonnen.

«Auf dem Platz strahlte er immer eine große Dominanz aus, für den Erfolg hat er alles getan», würdigte Bundestrainer Joachim Löw seinen Ex-Kapitän und zeigte sich somit erneut versöhnlich. Das Verhältnis der beiden galt mit dem unwürdigen Auswahl-Ende Ballacks als zerrüttet.

Der «Capitano» ist nun endgültig Geschichte. Der 4:1-Sieg gegen den 1. FC Nürnberg am 5. Mai dieses Jahres mit Bayer Leverkusen war das letzte seiner 267 Bundesliga-Spiele. Still hat sich der einstige Chef verabschiedet. «Es war ein Privileg, mit erstklassigen Trainern und fantastischen Mitspielern zusammenzuarbeiten. Sicher wird es mir fehlen, nicht mehr vor 80 000 Fans zu spielen oder ein Tor zu schießen», schrieb der Sachse in der gerade einmal acht Zeilen langen Erklärung zum Ende seiner 17 turbulenten Profi-Jahre. Zu einem fürstlich honorierten Rückzug in die Zweitklassigkeit in den USA, Katar oder China kommt es nicht mehr.

In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Gerüchte über die Fortsetzung seiner illustren Karriere im Ausland gegeben. Zuletzt war ein Wechsel nach Australien im Gespräch. «Die letzten Monate ohne aktiven Fußball haben mir aber gezeigt, dass die Zeit reif ist aufzuhören», sagte Ballack. «Ich freue mich jetzt auf ein neues Kapitel in meinem Leben und danke meiner Familie und all den großartigen Menschen, die mich gefördert, gefordert, begleitet und unterstützt haben. Sie alle haben großen Anteil an meinem Erfolg.»

Viele wünschen sich einen Verbleib des oft als unbequem und eigensinnig eingestuften Ballacks im Fußball-Business. Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach hofft auf ein Comeback auf anderer Ebene: «Es wäre schön, wenn Michael mit seiner großen Erfahrung dem Fußball erhalten bleibt, in welcher Funktion auch immer», sagte er. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, mit dem Ballack noch zusammen in der DFB-Elf gespielt hatte, sieht für den ehrgeizigen Fußballer nun «auch neue Chancen».

Der einstige Bundestrainer Berti Vogts denkt ähnlich. «Ich hoffe, dass Michael dem deutschen Fußball erhalten bleibt - als Manager oder Trainer. Das traue ich ihm zu. Es wäre schade, wenn der deutsche Fußball ihn verliert. Er hat Großes für ihn geleistet», sagte er. Weltverbands-Präsident Joseph Blatter twitterte: «Ich habe gerade von Michael Ballacks Rücktritt nach einer glänzenden Karriere gehört. Alles Gute für die zweite Halbzeit!»

Seit seinem Bundesliga-Abschied hat sich der ehemalige Spielmacher mit seinen beruflichen Plänen zurückgehalten. Während der EM in Polen und der Ukraine sammelte er als Experte des US-Sportsenders ESPN erste journalistische Erfahrungen. Für das ZDF stand er beim Supercup-Spiel im August in Monaco als Experte vor der TV-Kamera. Erstmal ist Ballack nun aber Privatier.

Über die Stationen Chemnitzer FC, den 1. FC Kaiserslautern und Bayer Leverkusen stieg Ballack zu einem Superstar des deutschen Fußballs auf. Nach seiner Meisterschaft mit Kaiserslautern wurde er während seiner Zeit bei Bayern München noch dreimal deutscher Meister und dreimal Pokalsieger. Mit dem FC Chelsea gewann er zudem den englischen Titel, verpasste aber im Champions League-Finale 2008 erneut den ganz großen Wurf.

2002 hatte er bereits mit Leverkusen ein Endspiel in der Königsklasse, damals gegen Real Madrid, verloren. Seine Rückkehr 2010 in die Bundesliga zu Leverkusen wurde nach Verletzungsproblemen zu einem großen Missverständnis und Schlusspunkt einer wechselhaften Karriere.

Den Makel des Unvollendeten muss Ballack hinnehmen. Dies belegen Reaktionen von Sportgrößen - die über manche Floskel aus dem Fußball-Kosmos hinausgehen. «Der Abschied hat mich geschmerzt, wie das gelaufen ist», sagte der frühere Handball-Bundestrainer Heiner Brand. «Er hat uns tollen Fußball beschert. Ich sehe ihn als großen Fußballer. Das sollte als bestimmender Eindruck bleiben», meinte Gewichtheber-Olympiasieger Matthias Steiner.

In der Nationalmannschaft war Ballack viele Jahre unumstrittener «Big Boss». Er bestritt 98 Länderspiele, wurde Vize-Weltmeister 2002, Vize-Europameister 2008 und WM-Dritter 2006. Von 2004 bis zum unrühmlichen Ende seiner Auswahl-Karriere war er Kapitän der DFB-Elf. Am 3. März 2010 absolvierte Ballack beim 0:1 gegen Argentinien sein letztes Länderspiel.

Die WM 2010 hatte Ballack wegen einer schweren Fußverletzung nach einem Foul von Kevin-Prince Boateng verpasst. Danach war er von Löw nicht mehr berücksichtigt worden. «Auch wenn wir nicht immer einer Meinung waren, sind wir uns stets mit gegenseitiger Wertschätzung begegnet, wie es sich unter Sportlern gehört», meinte Bierhoff in der Stunde des endgültigen Abschieds.

«Das Einzige, was ich hätte machen können, wäre vielleicht konsequenter zu mir gewesen zu sein und eher zurückzutreten», hatte der gebürtige Görlitzer zu seinem unfreiwilligen Abschied im DFB-Team gesagt. Das vom DFB angebotene Abschiedsspiel im Sommer 2011 hatte er ausgeschlagen. Es seien «beide Seiten nicht ganz unschuldig», an der damaligen Situation gewesen, so Ballack vor ein paar Monaten.

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