18. April 2012

In 100 Tagen brennt das olympische Feuer

London (dpa) - Von wegen Vorfreude auf Olympia. 100 Tage sind es nur noch, bis das weltgrößte Sportereignis an der Themse eröffnet wird, aber London murrt. Die Acht-Millionen-Einwohner-Metropole stöhnt schon jetzt unter der Last der Spiele, bevor sie überhaupt losgegangen sind.

100 Tage noch
Die Palastgarde bildet in London die Zahl 100. Quelle: LOCOG London
dpa

Verkehrschaos, Angst vor Anschlägen und Geldverschwendung - das sind die größten Pferdefüße. Die Taxifahrer klagen über zu wenig Arbeit, die U-Bahnfahrer über zuviel. Die Anwohner des Hyde-Parks klagen vor Gericht gegen die Veranstalter, weil es beim Public Viewing im Park etwas lauter werden könnte. Die allermeisten Pubs müssen auch während der Spiele um 23.00 Uhr schließen, weil die Polizei Angst vor Kriminellen hat. «Es ist schwer, jemanden zu finden, der Olympia gut findet», sagt Tim Reder (55) aus dem Ost-Londoner Stadtteil Wanstead, einen Steinwurf vom Olympiapark in Stratford entfernt. «Los jetzt, Großbritannien, hör auf zu Murren», forderte der «Independent»-Kommentator David Randall vor kurzem.

London hat verglichen mit anderen Olympia-Städten einen guten Job gemacht. Alle Sportstätten sind rechtzeitig fertig - und es gibt eine vernünftige Nachnutzungsstrategie. So bekommt etwa ein ehemals völlig heruntergekommener Stadtteil ein völlig neues Gesicht. Doch so sehr sich die Zeitungen und vor allem der übertragende TV-Sender BBC mit stetigen Werbebotschaften auch bemühen: Olympiastimmung will nicht so recht aufkommen. Jonathan Edwards, Dreisprung-Olympiasieger von Sydney im Jahr 2000 und für die Spiele 2012 Repräsentant des Organisationskomitees (LOCOG) für die Athleten, gibt zu: «Wir leben in Europa in harten Zeiten in den vergangenen Jahren. Das drückt auch etwas auf die Vorfreude.» Es klingt ein wenig wie eine Trotzreaktion, wenn er sagt: «Wenn die Spiele losgehen, wird das Land dahinterstehen - auf eine fantastische Art und Weise!»

Einer Umfrage zufolge werden zehn Millionen der gut 60 Millionen Briten gar nicht im Land sein, während das olympische Feuer brennt. Ein Großteil davon gab an, bewusst vor Olympia zu fliehen. Vor allem vor einem Verkehrsinfarkt in London haben viele große Angst. Die Londoner U-Bahn ist die älteste der Welt - viele Züge und Bahnsteige sind nicht mehr zeitgemäß, obwohl in den vergangenen Jahren die Riesensumme von 6,5 Milliarden Pfund in das Netz gepumpt wurde. Die Jubilee-Line, die Hauptlinie von der Innenstadt zum Olympiapark, erhielt ein neues Signalsystem. Seitdem fällt sie regelmäßig aus. LOCOG-Präsident Sebastian Coe ist dennoch optimistisch. «Ich nehme jeden Morgen die U-Bahn. Sie wird das schaffen», sagt er.

Dabei muss die «Tube» die Hauptlast des Verkehrsmolochs London tragen. Die Straßen-Infrastruktur ist noch weit rückständiger. Mehrspurige Ring- und Ausfallstraßen, wie in europäischen Großstädten üblich, sind Mangelware. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) setzte nun auch noch durch, dass den Mitgliedern der olympischen Familie auf einem innerstädtischen Netz von 30 Meilen eigene Fahrspuren zur Verfügung stehen - zulasten von Bus- und Taxifahrern.

40 Prozent der 25 000 «Cabbies» haben schon angekündigt, bei Olympia den Dienst zu verweigern, falls ihnen nicht erlaubt wird, die Nachtzuschläge auch tagsüber verlangen zu dürfen - als Ausgleich für verloren gegangene Fahrten im Stau. Die Organisatoren versuchen auch hier Optimismus zu versprühen: «Wir sind zuversichtlich, dass das System während der Spiele belastbar ist», sagt Mark Evers, bei «Transport for London» für Olympia zuständig.

Doch selbst wenn sich der Olympia-Zuschauer erfolgreich von seinem Hotel zum Stadion gekämpft hat: Das typisch englische Schlangestehen dürfte ihm auch dort nicht erspart werden. Die Olympia-Macher haben große Furcht vor Terroranschlägen. Der Schock, als Terroristen einen Tag nach dem Olympia-Zuschlag am 7. Juli 2005 in der Londoner U-Bahn und in Bussen 52 Menschen getötet hatten, sitzt tief. Schon zweimal ist es Polizisten bei Tests gelungen, Sprengstoff an den Kontrollen vorbei auf die Olympia-Baustelle zu schmuggeln. Dass es beim traditionellen Ruderrennen der Universitäten Oxford und Cambridge am Samstag vor Ostern ein Störenfried schaffte, die Boote anzuhalten, dürfte die Sorgenfalten der Sicherheitschefs nicht kleiner werden lassen.

Scotland Yard beteuert zwar «wir erleben keine Sicherheitsspiele», doch den Londonern fehlt der Glaube. Ein Kriegsschiff macht auf der Themse fest, Eurofighter-Jets stehen einsatzbereit auf einem Fliegerhorst nahe London, und Boden-Luft-Raketen werden startklar gemacht. 23 000 Sicherheitsleute sollen die Spiele sichern, darunter mehr als 13 000 Soldaten. Das sind deutlich mehr, als die britischen Streitkräfte in Afghanistan im Einsatz haben. Organisationschef Sebastian Coe spricht dennoch von einer «Balance». Die Menschen sollen sich «so fühlen, dass sie in einer Stadt in Feierlaune sind und nicht in einem Hochsicherheitstrakt», sagte Coe der dpa.

Die Sicherheit hat auch die Kosten noch weiter nach oben getrieben. Obwohl Regierung und Organisatoren weiter von 9,3 Milliarden Pfund (11,2 Milliarden Euro) an Gesamtkosten ausgehen, glauben Kritiker, dass Olympia für das von der Finanzkrise kräftig geschüttelte Großbritannien deutlich teurer wird. Die Vorsitzende des Rechnungsprüfungsausschusses und Labour-Abgeordnete Margaret Hodge geht inzwischen von Kosten in Höhe von elf Milliarden Pfund für den Steuerzahler aus. Sie kritisiert unter anderem auch teure Werbekampagnen. So sollten für mehr als 400 Millionen Pfund eine Million Briten zum regelmäßigen Sporttreiben ermuntert werden. Die Kampagne lockte jedoch nur rund 110 000 Sportmuffel hinter dem Ofen hervor. Die meisten gehen lieber weiter ins Pub.

Informationen zum Verkehr

BBC zu Sicherheitskosten

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