17. Juni 2012

Kein Euro-Aus für Griechenland - «Bisschen wie 2004»

Warschau (dpa) - Das griechische Euro-Aus ist vorerst abgewendet - zumindest in sportlicher Hinsicht. Nach dem 1:0 (1:0)-Coup über Russland und dem sensationellen Einzug ins EM-Viertelfinale vergaß die von einer Wirtschaftskrise gebeutelte Nation für kurze Zeit ihre Probleme.

Ausgelassen
Die Griechen feierten lange das Erreichen des EM-Viertelfinales. Foto: Radek Pietruszka
dpa

Nur Sekunden nach dem Abpfiff explodierten Feuerwerkskörper am Athener Himmel. «Diese Nacht ist sehr wichtig - nicht nur für die Mannschaft, sondern für alle Griechen. Wir haben ihnen eine Freude gemacht», kommentierte Matchwinner Georgios Karagounis.

Der Stolz ging über den Fußball hinaus. Selbst der portugiesische Trainer der von vielen bereits abgeschriebenen Mannschaft wurde zum glühenden Patrioten. Das Erfolgserlebnis verleitete Fernando Santos zu einem politischen Statement. Mit Verweis auf die jüngste Aufforderung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die von einer Wirtschaftskrise gebeutelte Nation an den Sparabmachungen festhalten soll, erinnerte der Fußball-Lehrer an die glorreiche Historie der Griechen. «Hier ist die Demokratie entstanden. Da ist es schwierig, uns Ratschläge zu geben.»

Einen Tag vor der mit Spannung erwarteten Parlamentswahl, bei der über die Zukunft des Landes in der Eurozone mitentschieden wurde, gab es endlich wieder Grund zum Feiern. Der Treffer von Kapitän Karagounis (45.+2 Minute) sorgte nicht nur im Warschauer Nationalstadion für prächtige Stimmung. «Sieg der nationalen Einheit», titelte «Protathlitis». «Live-Sport» feierte ein Team «aus Stahl und mit einer Superseele». Und auch Santos geriet ins Schwärmen: «Es ist der Charakter der Mannschaft, im richtigen Moment eine fantastische Antwort zu geben. Dieses Ergebnis ist der Lohn für ihre Entschlossenheit.»

Parallelen zum überraschenden EM-Triumph vor acht Jahren in Portugal unter Leitung des deutschen Trainers Otto Rehhagel sind unübersehbar. Damals wie heute behält der krasse Außenseiter in den entscheidenden Momenten die Nerven. Wie schon damals profitiert er von einer wenig zeitgemäßen Defensivstrategie. «So ein bisschen denkt man jetzt schon an 2004», sagte der in Aschaffenburg geborene Außenverteidiger José Holebas (Olympiakos Piräus), «im Fußball ist alles möglich.»

Selbst die Turbodribbler aus Russland, zuvor 16 Mal ungeschlagen und nach famosem Turnierstart als Geheimfavoriten gehandelt, konnten die Abwehr der Griechen um die starken Bundesliga-Profis Sokratis (Bremen) und Kyriakos Papadopoulos (Schalke) nicht überwinden. Mit dem ersten EM-Sieg seit dem Finalerfolg über die Portugiesen 2004 strafte das Santos-Team all jene Kritiker Lügen, die nach dem 1:1 gegen Gastgeber Polen und dem 1:2 gegen Gruppensieger Tschechien bereits Abgesänge angestimmt hatten.

Besonders groß war die Freude bei Karagounis. Schließlich trat der 35 Jahre alte Mittelfeldspieler von Panathinaikos Athen nicht nur als Torschütze, sondern auch als Rekord-Nationalspieler in Erscheinung. Er trug am Samstag zum 120. Mal das Landestrikot und stellte damit die bisherige Bestmarke von Theodoros Zagorakis ein, der das Team vor acht Jahren als Kapitän zum EM-Erfolg geführt hatte. Auch Karagounis war schon damals dabei, empfindet aber die aktuelle Erfolgsstory der Mannschaft ähnlich berauschend: «Ich danke Gott, dass ich das erleben darf.» Im Viertelfinale muss er allerdings wegen einer Gelbsperre zuschauen.

Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Fußball-Tabellen
Sporttabellen Fußball
Handball-Tabellen
Sporttabellen Handball
Anzeige