04. Juni 2012

Löw: «Ein Titelgewinn ist immer das i-Tüpfelchen»

Frankfurt/Main (dpa) - Mit dem Bezug des EM-Quartiers in Danzig beginnt für Bundestrainer Joachim Löw die Endphase der Vorbereitung der deutschen Nationalmannschaft auf die Fußball-Europameisterschaft.

Finaltraum
Bundestrainer Joachim Löw will das «i-Tüpfelchen» ereichen. Foto: Andreas Gebert
dpa

«Wir freuen uns, wenn wir uns jetzt mit den Besten messen können», sagt Löw im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Mit einem Titelgewinn könnten die Spieler «Fußballgeschichte schreiben und sich unsterblich machen», betont der 52-Jährige, der persönlich sagt: «Ich würde mich freuen, wenn ich am 1. Juli in Kiew wäre und beteiligt wäre am großen Finale.»

Sie haben vor der WM 2010 gesagt, die Spiele bei den großen Turnieren gäben Ihnen den Kick. Wie sehr sehnen Sie den EM-Start herbei?

Löw: «Ich habe manchmal das Problem, dass ich mit den Spielern bei Länderspielen nur ein paar Tage arbeiten kann. Man hat viele Ideen im Kopf, will Dinge im Training und in Sitzungen angehen, aber die Zeit ist oft zu knapp. Vor einem Turnier ist das entspannter. Ich kann einen methodischen Aufbau machen. Und wir freuen uns, wenn wir uns jetzt mit den Besten messen können. Das sind die besonderen Spiele, die man herbeisehnt.»

Erstmals findet ein großes Turnier in Osteuropa statt. Was erwarten Sie von der EM in Polen und der Ukraine?

Löw: «Man erlebt es erst, wenn man unmittelbar vor Ort ist. 2010 in Südafrika wusste auch niemand so richtig, was uns erwartet. Ich glaube, dass sich die Bevölkerung in Polen und der Ukraine riesig auf die EM freut und eine gute Stimmung herrschen wird.»

Das erste Turnierspiel gilt als wegweisend. Ist alles auf den 9. Juni ausgerichtet?

Löw: «Vieles. In der Vorbereitung war alles darauf ausgerichtet, die Basis für mehrere Wochen zu legen. Jetzt, in der letzten Woche, wird nur noch über Portugal gesprochen. Wir Trainer denken natürlich über dieses Spiel hinaus, aber die Spieler sollen sich ausschließlich auf den EM-Auftakt konzentrieren. Das Training wird von der Belastung ganz darauf abgestimmt.»

Sie planen sehr akribisch und analytisch. Verlassen Sie sich dennoch bei manchen Entscheidungen im letzten Moment auf Ihr Bauchgefühl?

Löw: «Es gibt schon die eine oder andere Bauchentscheidung. Ich sehe ja, dass manche Spieler auf einem ähnlichen Niveau sind. Dann ist es schwierig, rationale Entscheidungen zu treffen. Da verlasse ich mich, wenn es etwa um die Aufstellung geht, aufs Bauchgefühl, nachdem ich vieles abgewogen und analysiert habe.»

Der Generation Klose, Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker, Podolski fehlt noch ein internationaler Titel. Ist das die Voraussetzung, um von großen Spielern sprechen zu können?

Löw: «Sagen wir es so: Ein Titel würde ihnen gut zu Gesicht stehen. Die Spieler sind ehrgeizig. Sie sind zwei-, dreimal knapp gescheitert. Aber die Spieler erkennen auch, dass ihre Entwicklung trotz allem sehr gut ist, dass sie mittlerweile gegen Mannschaften wie die Niederlande oder Brasilien guten Fußball zeigen können. Und wenn ein Podolski, ein Schweinsteiger, ein Lahm mit 27, 28 Jahren fast 100 Länderspiele haben, ist das grundsätzlich ein Riesenerfolg.»

Trotzdem: Bleibt man erst als Welt- oder Europameister in Erinnerung?

Löw: «Ein Titelgewinn ist immer das i-Tüpfelchen. Damit kann man Fußballgeschichte schreiben und sich unsterblich machen. Von den Europameistern 1996 oder 1972 redet man auch heute noch. Es wäre eine tolle Belohnung für diese Spieler.»

Miroslav Klose könnte sich unsterblich machen, wenn er Gerd Müllers Rekord von 68 Länderspieltreffern knackt. Fünf fehlen ihm noch. Trauen Sie Klose den Rekord zu?

Löw: «Das wird er schaffen.»

Bei der EM?

Löw: «Es wäre schön, wenn er bei der EM auf fünf Tore käme. Das wäre gut für unser Team. Er wirkt ja wie ein 25-Jähriger. Er ist schnell. Er ist beweglich. Er ist fußballerisch stark. Von daher tut uns so ein Spieler wie Klose schon wahnsinnig gut, vielleicht auch noch für die Zukunft nach dem Turnier.»

Es ist die letzte EM-Endrunde mit 16 Mannschaften. 2016 in Frankreich werden 24 Nationen teilnehmen. Begrüßen Sie diese Ausweitung?

Löw: «Ich sehe es eher skeptisch. Die Qualifikation wird abgewertet, sie wird nicht mehr so schwierig sein. Man muss sich fragen, ob es das Niveau in der Vorrunde des EM-Turniers ab 2016 verwässern wird. Diesmal sind in unserer Gruppe alle vier Nationen in den Top Ten der Weltrangliste. Die Qualität ist gewaltig. Sie ist bei der EM in der Anfangsphase des Turniers noch stärker als bei der WM. Das ist bisher das Spannende an einer EM. Bei 24 Mannschaften wird es Paarungen geben, die weniger interessant sind. Die kleinen Nationen freuen sich trotzdem über die Erweiterung. Aber für die Qualität halte ich es eher für bedenklich. 16 Mannschaften waren bislang eine gute Zahl.»

Was haben Sie am 1. Juli in Ihrem Terminkalender stehen?

Löw: «Mein Terminkalender ist völlig leer zwischen Anfang Juli und 15. Juli. Da habe ich überhaupt nichts eingetragen, weil ja alles offen ist. Aber ich würde mich freuen, wenn ich am 1. Juli in Kiew wäre und beteiligt wäre am großen Finale.»

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