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Basketball

Abschied vom Idol einer Generation

Die Sportwelt trauert um Kobe Bryant. Spielweise, Mentalität und Arbeitsethos der verstorbenen NBA-Legende haben eine ganze Basketball-Generation geprägt.

Weltweit ein Star: Kinder spielen auf dem Basketballplatz des „House of Kobe“ nördlich von Manila. Foto: Aaron Favila/dpa
Weltweit ein Star: Kinder spielen auf dem Basketballplatz des „House of Kobe“ nördlich von Manila. Foto: Aaron Favila/dpa
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Ludwigsburg/Los Angeles. Der berühmte US-amerikanische Kommentator Mike Breen begann die Übertragung des NBA-Spiels der New York Knicks gegen die Brooklyn Nets am Sonntagabend mit brüchiger Stimme. „Mir ist heute nicht danach, ein Basketballspiel zu übertragen. Und ich weiß, dass vielen Spielern nicht danach ist, Basketball zu spielen“, sagte der Kommentator, räusperte sich und fügte an: „Es ist ein trauriger, trauriger Tag.“ Kurz zuvor war bekannt geworden, dass NBA-Legende Kobe Bryant im Alter von 41 Jahren bei einem Helikopterabsturz ums Leben gekommen war. Unter den neun Insassen, von denen niemand überlebte, war auch seine 13-jährige Tochter Gianna.

Besonders für die aktuelle Generation an Basketballern war die Nachricht vom Tod Kobe Bryants ein Schock. „Es ist tragisch“, sagt Khadeen Carrington vom Basketball-Bundesligisten MHP-Riesen Ludwigsburg. „Die Generation vor uns hatte Michael Jordan, aber Kobe war unser Jordan. Er war das Idol, die Ikone meiner Generation“, sagt der US-Amerikaner, der als Schüler Bryant bei einer Sponsorenveranstaltung traf. „Er war sehr smart, das ist etwas, was viele nie realisiert haben“, so Carrington.

Mit 18 Jahren gab Bryant sein Debüt für die Los Angeles Lakers, deren Trikot er seine gesamte Karriere über trug. Es folgten fünf Meistertitel, 18 Nominierungen als All Star, eine Auszeichnung als wertvollster Spieler der NBA, zwei olympische Goldmedaillen sowie die mit 81 Punkten zweithöchste Punktzahl, die je ein Spieler in der NBA erreicht hat. „Jeder weiß, wo er war, als Kobe 81 Punkte gemacht hat“, erzählt Riesen-Coach John Patrick. „Ich war damals in Japan.“

„Natürlich war er ein talentierter Spieler“, sagt Riesen-Urgestein David McCray, der ein Jahr nach Bryants NBA-Debüt mit dem Basketball anfing. „Aber was ihn zu einem der Besten aller Zeiten gemacht hat, war seine Mentalität“. Der unbändige Wille, die „Mamba Mentality“, wie Bryant sie nannte, machte ihn zu einem der dominantesten Spieler seiner Generation. Immer wieder tauchen Anekdoten auf, die Bryants Arbeitsethos beschreiben. Auch McCray erinnert sich: „Nachdem er die Meisterschaft gewonnen hat, soll er nur zwei Wochen später wieder um fünf Uhr morgens in der Halle gewesen sein, um zu trainieren. Er war besessen.“

Als sich Bryant 2013 im Alter von 35 Jahren im Spiel gegen die Golden State Warriors die Achillessehne riss, verwandelte er noch zwei Freiwürfe, ehe er sich auswechseln ließ. „Wir lagen zurück, ich musste ausgleichen“, sagte er später. „Er war gefühlt nie schwach und wenn er verletzt war, kam er gleich wieder. Und wenn er ein schlechtes Spiel hatte, war er am nächsten Tag wieder besonders gut“, sagte Bundestrainer Henrik Rödl gegenüber RTL/n-tv.

Auch deshalb gilt Bryant noch heute als Vorbild – nicht nur in den USA. „Jeder Fan oder Spieler hat ihn bewundert. Er war ein internationaler Star“, sagt Riesen-Trainer Patrick über Bryant.

Das Lakers-Idol durchlebte in seiner Karriere dennoch auch Tiefen. 2003 warf ihm eine 19-Jährige vor, ihn vergewaltigt zu haben. Das Verfahren wurde nach einer außergerichtlichen Einigung eingestellt. Sportlich bleibt die Fehde mit Mitspieler Shaquille O‘Neal in Erinnerung, mit dem er sich um die Rolle des Anführers im Lakers-Team stritt. O‘Neal verließ daraufhin im Jahr 2004 das Team, mit dem er zwischen 2000 und 2002 drei Titel in Serie holte. Erst Jahre später waren die Differenzen zwischen den Superstars ausgeräumt. Auf die Nachricht von Bryants Tod reagierte O‘Neal auf Twitter bestürzt: „Es gibt keine Worte, um den Schmerz zu beschreiben, durch den ich gehe.“ Auch in Ludwigsburg fiel es schwer, zum Alltag zurückzukehren. „Ich glaube, keiner hat gestern gut geschlafen. Wir haben als Mannschaft ein Gespräch statt Training gehabt. Viele Profis sind großgeworden mit Kobe als Idol“, berichtet Patrick.

Die letzte große Trophäe sammelte Bryant nach seiner Karriere. 2018 gewann er einen Oscar für den animierten Kurzfilm „Dear Basketball“ über sein Gedicht, das er zu seinem Karriereende in der Players Tribune veröffentlichte. Darin hieß es: „Wir können jeden Moment, den wir noch gemeinsam haben, genießen – das Gute und das Schlechte. Wir haben uns gegenseitig alles gegeben, was wir haben.“ Alles geben – das war auch sein Mantra als Familienvater. „Manchmal gibt es Dinge, die man nicht verpassen kann. Wie das Fußballspiel meiner Tochter. Was wäre, wenn ich ihr erstes Tor verpasse?“, fragte Bryant vor über zehn Jahren im Gespräch mit ESPN-Kolumnist Rick Reilly. Auch aus diesem Grund war Bryant öfter in einem Helikopter unterwegs. Am Sonntag starb er bei einem Helikopterabsturz in der Nähe von LA – auf dem Weg zu einem Basketballspiel seiner Tochter.

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