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Analyse: Einzige Konstante der MHP-Riesen steht noch an der Seitenlinie

Ein Abgang von Riesen-Trainer John Patrick steht offenbar bevor und würde eine Zeitenwende für den Basketball in Ludwigsburg einläuten. Doch er wäre auch eine Chance für den erfolgsverwöhnten Verein. Eine Analyse:

John Patrick. Foto: dpa
John Patrick. Foto: dpa

Ludwigsburg. Coach John Patrick denkt über einen Abschied von den MHP-Riesen Ludwigsburg nach – und das ernsthaft. Das ist spätestens klar, seit der Basketball-Bundesligist am Montag die Verhandlungen über ein vorzeitiges Ende des eigentlich bis 2023 laufenden Vertrags mit dem 54 Jahre alten Erfolgstrainer bestätigte. So wird auch am Mittwoch bei der von den Riesen anberaumten Pressekonferenz weniger das anstehende Play-off-Halbfinale bei Alba Berlin am Freitag im Vordergrund stehen, sondern viel eher der Wirbel um eine der prägendsten Personalien der Clubgeschichte. Waren Gerüchte in den vergangenen Jahren, wie etwa um ein mögliches Engagement Patricks als Bundestrainer, noch eher vage und branchenüblich, scheint es nun, als würde die Beziehung von Patrick zu den Riesen wirklich zerbrechen. Ein Wechsel nach Japan gilt mittlerweile als sehr wahrscheinlich.

Bei den Riesen würde damit eine Ära enden. Bevor diese begann, hießen die MHP-Riesen noch Neckar Riesen und blieben kurz nach der Anstellung Patricks nur dank einer Wild Card in der Bundesliga.

Vom Absteiger zur drittstärksten Kraft

Vom sportlichen Absteiger hat Patrick die Riesen zur drittbesten Kraft im deutschen Basketball geformt. 2020 holten sie die Vizemeisterschaft, vergangene Saison die Hauptrundenmeisterschaft, 2018 und 2022 zogen sie ins Final Four der Champions League ein. Ein Titel sprang allerdings nie heraus. Dafür ist auch der Etat der Riesen zu klein, verglichen mit den Größen der Liga aus Berlin und München. Denn um ein Meisterteam zu formen, braucht es mehr als nur ein Jahr. Eine solche Mannschaft benötigt neben einem guten Trainer auch eine herausragende Mischung aus Chemie, Klasse, Erfahrung und vor allem Konstanz.

Womöglich hat auch John Patrick gemerkt, dass eben das in Ludwigsburg kaum umsetzbar ist und er bereits alles erreicht hat, was im Bereich des Möglichen liegt. Denn mit dem Erfolg ging auch Jahr für Jahr ein Aderlass einher. Saison für Saison fällt ein starkes Team auseinander, Starspieler verlassen den Verein hin zu finanzstärkeren Clubs und die Fans sehnen sich nach so etwas wie einer Identifikationsfigur. Die einzige Konstante stand in John Patrick bislang stets an der Seitenlinie.

Es wäre nachvollziehbar, wenn sich der US-Amerikaner, der seit kurzem auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, am Limit wähnt und nun in einem anderen Land etwas aufbauen möchte wie zuletzt in der Barockstadt in seiner Rolle als Trainer und Sportdirektor.

Maximaler Erfolg mit kleinem Budget

In dieser hat er zuletzt in Ludwigsburg aus den vorhandenen Mitteln das Maximale herausgeholt. Es ist fraglich, ob es überhaupt ein Konzept gibt, mit dem das bei den Riesen möglich wäre. „Gefürchtet und stolz drauf“, war in den vergangenen Jahren das Motto der Ludwigsburger, das angesichts des defensivgeprägten und aggressiven Spielstils der Patrick-Truppe keineswegs eine hohle Plattitüde war. Nun können und müssen die Riesen sich, sollte ein neuer Trainer und Sportdirektor kommen, ein neues Image aufbauen.

Damit aber auch nur im Ansatz so viel sportlichen Erfolg zu generieren, wird die große Herausforderung. Denn ein Nachfolger wird an den Leistungen von „JP“ gemessen werden. Und in der MHP-Arena haben sich die Fans mittlerweile an Play-off-Basketball gewöhnt.

Die Gefahr besteht, dass die Riesen wieder ins Mittelfeld abrutschen. Eine Chance liegt aber darin, Fans, die sich nie mit dem defensiv geprägten Stil der Riesen anfreunden konnten, zurückzugewinnen und eine Aufbruchstimmung zu erzeugen.

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