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Basketball

Ausgeruhte Riesen auf Ulmer Spuren

Die MHP-Riesen Ludwigsburg bewegen sich auf den Spuren der Ulmer Rekordmannschaft aus dem Jahr 2017. Ein Sieg fehlt den Riesen zur Hauptrundenmeisterschaft in der Basketball-Bundesliga. Ähnlich furios fegte vor vier Jahren Ratiopharm Ulm durch die BBL, scheiterte dann aber in den Play-offs an Oldenburg. Einen Grund für Spieler, am Play-off-System im Basketball zu zweifeln, ist das aber nicht. Im Gegenteil.

Bittere Play-off-Geschichte: Per Günther (r.) nach der entscheidenden Niederlage im fünften Spiel gegen Rickey Paulding und die Baskets Oldenburg in Spiel 5 der Halbfinalserie 2017. Foto: Eibner
Bittere Play-off-Geschichte: Per Günther (r.) nach der entscheidenden Niederlage im fünften Spiel gegen Rickey Paulding und die Baskets Oldenburg in Spiel 5 der Halbfinalserie 2017. Foto: Eibner

Ludwigsburg. Seit mehreren Wochen bahnt sich die Hauptrundenmeisterschaft der MHP-Riesen Ludwigsburg in der Basketball-Bundesliga an. Und so konnten sich die verschiedenen BBL-Trainer, die mit ihren Teams in die Ludwigsburger MHP-Arena kamen, nicht nur auf einen unangenehm zu bespielenden Gegner aus Ludwigsburg einstellen, der seit nunmehr 720 Tagen in heimischer Halle unbesiegt ist. Nein, sie konnten sich auch sicher sein, nach der Partie die Frage gestellt zu bekommen, wie sie denn die Titelchancen der Riesen in dieser Spielzeit einschätzten. Zwar können die Riesen mit einem Sieg heute in Bamberg (20.30 Uhr) Platz eins in der Hauptrunde sichern, als Favorit für den BBL-Titel sahen die Gelb-Schwarzen allerdings nur die wenigsten Trainer.

„Ich sehe sie nicht auf einem Level mit den beiden Euroleague Teams“, sagte etwa Bayreuths Trainer Raoul Korner. Seine Einschätzung deckte sich dabei mit der von vielen Coaches: „Ich denke nicht, dass wenn Alba Berlin und Bayern München keine Doppelbelastung haben, Ludwigsburg in einer Serie gewinnen wird.“

Die Riesen wären nicht die erste Mannschaft in der jüngeren BBL-Geschichte, die eine sensationelle Hauptrunde mit derzeit 28 Siegen und nur zwei Niederlagen nicht mit einem Meistertitel krönen würde. 2016/17 stellte Ratiopharm Ulm mit nur zwei Saisonniederlagen einen BBL-Rekord auf, scheiterte dann aber unglücklich im BBL-Halbfinale nach fünf Partien an den Baskets Oldenburg. „Im Rückblick ist das eine riesige Enttäuschung“, erinnert sich Per Günther im Gespräch mit unserer Zeitung noch heute an die Saison. Der Aufbauspieler trägt seit 2008 das orangefarbene Trikot der Ulmer und ist eines der Gesichter der BBL. Einen Groll gegen den Spielmodus, nach dem am Ende einer Hauptrunde nicht die beste Mannschaft als Meister gekürt wird – wie es im Fußball und Handball der Fall ist –, hegt Günther keineswegs. „Eine Basketballmeisterschaft ohne Play-offs wäre am Ende keine Meisterschaft“, sagt er.

Unfair behandelt fühlt sich Günther lediglich vom Schicksal, das seine Mannschaft 2017 ereilt hat. „Es ist so frustrierend, wenn man am Ende der Saison, wenn es um die Wurst geht, 20 bis 30 Prozent schlechter ist als die Monate davor“, verweist Günther auf etliche Verletzungsprobleme, die den Ulmern damals die Titelchancen raubten.

Von solchen Sorgen sind die Riesen weit entfernt. Der Hauptrundentitel ist so gut wie sicher. Sollte das bei den Bambergern, die nach aktuellem Stand auch Ludwigsburgs Gegner in der ersten Play-off-Runde sein werden, nicht gelingen, starten die Riesen zwei Tage später einen neuen Anlauf. Am Sonntag (20.30 Uhr) kommen die Telekom Baskets Bonn in die MHP-Arena.

Trainer John Patrick begann zuletzt schon damit, seine Spieler für die Play-offs zu schonen, verteilt die Spielminuten in den letzten Wochen auf möglichst viele Schultern. „Die Schlagzahl wird unvorstellbar hoch sein“, blickt Günther auf die Play-offs voraus, an denen auch seine derzeit siebtplatzierten Ulmer teilnehmen werden: „Ludwigsburg hat zwei bis drei so tolle Spieler, die aber 35 Minuten pro Spiel spielen. Ich weiß nicht, ob es menschenmöglich ist, das durchzuziehen.“

Jonas Wohlfarth-Bottermann kann die Situation gut einschätzen. Der Center und Co-Kapitän der Riesen war 2016/17 Teil des Ulmer Erfolgsteams und hat bereits den enggetakteten Terminkalender vor Augen. „Das kann eine andere Belastung werden. Da ist es nicht verkehrt, jetzt schon strategisch an die Sache heranzugehen, damit man mit einem möglichst großen Team die Serie bestehen kann“, sagt „Wobo“. Der 31-Jährige blickt eher mit einem lachenden als einem weinenden Auge auf die erfolgreiche Hauptrunde mit den Ulmern zurück. „Es war trotzdem toll, dass man so was erreicht hat“, sagt er über den Ligarekord, der bei den Basketball-begeisterten Ulmer Fans eine Menge Euphorie entfacht hat: „Aber, klar, es war auch ein bisschen bitter am Ende.“ Zweifel am Play-off-System ließ die Niederlage bei ihm nicht aufkommen. „Es kann ja auch umgekehrt ausgehen und eine Cinderella-Story geben, bei der man von Platz acht startet und gewinnt“, sagt der Riese.

Auch unter den Fans gibt es keinen Unmut darüber, dass die Riesen trotz souveräner Hauptrunde noch weit von der Meisterschaft entfernt sind. „Ich bin mit dem Basketball groß geworden, verfolge diesen Sport schon lange und habe selbst gespielt“, sagt Sebastian Lempert, der jahrelang dem Fanclub Dunking Dukes vorstand. „Für mich gehören Play-offs einfach zum Basketball dazu. Es ist das, was diesen Wettbewerb schön macht.“

Der Reiz liegt für Lempert neben der großen Spannung in der Zuspitzung: „Man gewinnt die Meisterschaft im direkten Duell mit dem schärfsten Konkurrenten. Da muss man dann nicht darüber diskutieren, ob man zum Beispiel im November eine kleine Schwächeperiode hatte.“ Für die Endrunde ist er optimistisch: „Es ist auf jeden Fall alles möglich.“

Und auch unter den Trainern der BBL gab es Ausnahmen, die den Riesen einiges zutrauten. Laut Silvano Poropat, Ex-Riesen Trainer und mittlerweile beim Mitteldeutschen BC tätig, nannte Ludwigsburg „den perfekten Underdog“. Noch deutlicher wurde nach dem jüngsten 106:69-Sieg der Riesen gegen die Fraport Skyliners der Frankfurter Trainer Sebastian Gleim: „Ich denke, dass sie ein klarer Kandidat sind, Meister zu werden.“

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