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TV-Übertragungen

Begeisterung der Fans lebt am Bildschirm

Lange galt es als ausgeschlossen, dass der Profisportbetrieb ohne Zuschauer funktionieren kann. Nun spielen die Ligen der großen Mannschaftssportarten seit Herbst. Können die Vereine den Ausfall durch Staatshilfen, Sponsorengelder, kreative Ideen und TV-Übertragungen kompensieren? Eine Bestandsaufnahme.

Transportieren den Sport ins Wohnzimmer: Streamingdienste und ihre Kamerateams. Foto: dpa
Transportieren den Sport ins Wohnzimmer: Streamingdienste und ihre Kamerateams. Foto: dpa

Ludwigsburg. Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie warnen Profivereine, dass der Spielbetrieb ohne Zuschauer nicht möglich sei. Dennoch sind die Profiligen der großen Mannschaftssportarten im Herbst in die Saison gestartet und laufen seither weitestgehend reibungslos. Zwar ist die finanzielle Lage vieler Clubs angespannt, doch das System mit Staatshilfen und Live-Übertragungen scheint zu funktionieren. Doch wie groß ist überhaupt das Zuschauerinteresse?

Was die Fußball-Bundesliga angeht, sind die Zahlen ähnlich. „In der vergangenen Saison (2019/20) zählten 16 Samstagsspieltage zur Hinrunde (bis 21.12.2019), sie fanden im Schnitt 4,662 Millionen Zuschauer in der Sportschau am Samstag. In der aktuellen Saison waren es 15 Spieltage am Samstag (bis 16.01.2021) mit durchschnittlich 4,680 Millionen Zuschauern“, teilt die ARD auf Anfrage mit.

Anders als gewohnt war in der Saison 2019/20 der Neustart der Fußball-Bundesliga kostenlos auf Sky zu sehen. Die im Free-TV zu sehende Konferenzschaltung am Samstag-Nachmittag war nach Sky-Angaben der „reichweitenstärkste Bundesliga-Samstag der Sendergeschichte“: 3,81 Millionen Zuschauer zog die Live-Übertragung vor den Fernseher.

Indes geht auch während der Corona-pandemie der Trend bei den Einschaltquoten weiter: 2020/21 sehen bislang im Schnitt so viele Zuschauer die Sky-Konferenz am Samstagnachmittag wie nie zuvor (1,93 Millionen), wie der Sender auf Nachfrage mitteilt. Vergangene Saison lag der Wert noch bei 1,91 Millionen, in der Saison 2016/17 sogar nur bei 1,33 Millionen. Ähnlich entwickelten sich auch die Einschaltquoten des VfB Stuttgart in den vergangenen Bundesliga-Saisons. „Von einem Zuschauerrückgang kann bei Sky keine Rede sein, wir verzeichnen seit dem Wiederbeginn im Mai und auch in dieser Spielzeit starke Reichweiten und eine positive Entwicklung. Analog hierzu haben sich auch die Quoten bei den Spielen des VfB Stuttgart entwickelt“, so der Sender weiter.

Zwar gehören Traditionsvereine wie der VfB zu den meistgesehenen im Fernsehen, eine höhere Beteiligung an den TV-Geldern garantiert das allerdings nicht. Die TV-Gelder, von der Saison 2021/22 bis 2024/25 insgesamt 4,4 Milliarden Euro, werden unter den 36 Vereinen der 1. und 2. Bundesliga größtenteils nach dem sportlichen Abschneiden eines Vereins verteilt. Hinzu kommen die wesentlich einflussärmeren Faktoren sportliche Nachhaltigkeit (5 Prozent) und Nachwuchsarbeit (2 Prozent).

Anders sieht das im Eishockey aus. Die Bietigheim Steelers setzen bei der Übertragung ihrer Heimspiele in der Deutschen Eishockey-Liga 2auf den Streaminganbieter SpradeTV. Aufgrund der fehlenden Zuschauereinnahmen wurde der Preis von 6,50 auf 9,90 Euro pro Spiel erhöht. „Klar ist 9,90 Euro ein stolzer Preis, aber wenn das eine Familie zu Hause gemeinsam schaut, ist es weitaus günstiger als ein Hallenbesuch“, sagt Steelers-Geschäftsführer Volker Schoch. Zudem komme ein großer Teil der Einnahmen direkt dem Verein zugute.

„Aktuell liegen wir bei 892 Zuschauern im Durchschnitt. Wir wollen konstant über 1000 sein, je mehr, desto besser“, berichtet Schoch. Das seien in etwa doppelt so viele TV-Zuschauer wie vor der Pandemie, als noch Live-Publikum zugelassen war. In der Vorsaison lag der Besucherschnitt der EgeTrans-Arena bei 2769 Zuschauern pro Heimspiel. Die DEL2 insgesamt registrierte eine Verdoppelung der Sprade-TV-Buchungen auf 160000. „Die Liga geht davon aus, dass circa 500000 Personen die bisherigen Spiele vor dem Fernseher oder Laptop verfolgt haben“, heißt es in einer Mitteilung zur Halbzeit der Hauptrunde. In der vergangenen Hauptrunde lag die Gesamtzuschauerzahl bei 1039189.

Die Übertragung organisieren die Steelers selbst. „Axel Becker hat da die Federführung. Ich bin wirklich dankbar, mit wie viel Engagement er das macht“, betont Schoch. Doch das reicht nicht aus, die Steelers haben weitere Aktionen gestartet, wie den Verkauf virtueller Tickets zuletzt beim Derby gegen Heilbronn oder das Aufstellen von Pappfans gegen eine Gebühr von 39 Euro.

Die SG BBM Bietigheim in der 2. Handball-Bundesliga greift für die Liveübertragungen auf Sportdeutschland.tv auf einen Dienstleister zurück. Das Oberriexinger Unternehmen Sportcam24 stellt die technische Durchführung sicher, zudem hat die SG BBM einen professionellen Kommentator angeworben. Ex-Spieler Julius Emrich und Sportdirektor Jochen Zürn gaben schon den Experten. „Wir haben Geld investiert, um das vernünftig mit verschiedenen Kameraperspektiven zu übertragen“, betont SG-Geschäftsführer Bastian Spahlinger.

Für Zuschauer ist der Stream kostenlos, entsprechend groß ist die Resonanz. „Wir haben im Durchschnitt etwa 3500 Zuschauer, das sind rund 2000 Zuschauer mehr als in der Vorsaison. Das hat sich schon gut transportiert“, berichtet Spahlinger. 2000 Zuschauer entspricht ziemlich genau dem Besucherdurchschnitt der SG BBM. Bis zum Saisonabbruch lag dieser in der vergangenen Saison bei 2059.

„Wir sind im Moment zufrieden damit, wie es läuft. Aber natürlich ersetzt es nicht das Liveerlebnis vor Ort“, sagt Spahliner – und schon gar nicht die Einnahmen. „Für uns ist es mit Kosten verbunden, aber es ist wichtig, so viele Leute wie möglich zu erreichen. Die TV-Erlöse, die wir bekommen, werden eingesetzt, um die Übertragung gut zu gestalten.“ Zudem bekommen die Bietigheimer aus der Sky-Übertragung der Bundesliga einen Solidaritätsbetrag im „mittleren bis niedrigen sechsstelligen Bereich“. „Die TV-Gelder in der Handball-Bundesliga werden im Übrigen komplett gleichmäßig verteilt“, betont Spahlinger.

Ebenfalls positiv ausgewirkt hat sich die Coronapandemie auf die Einschaltquoten beim TV-Sender Magentasport, der unter anderem die Rechte für die Basketball-Bundesliga, Die Deutsche Eishockeyliga und die 3. Fußballliga besitzt. „Die Pandemie hat sich dahingehend ausgewirkt, dass mehr Leute die Angebote nutzen. Das bezieht sich aber nicht nur auf Magentasport, sondern auch auf Netflix und Amazon“, teilt der Sender auf Nachfrage mit.

Auch in der Basketball-Bundesliga, in der die MHP-Riesen Ludwigsburg derzeit auf dem ersten Tabellenrang liegen, schlägt sich dieser Trend nieder. Ohne konkrete Zahlen zu nennen, sagt Pressesprecher Frank Domagala von der Deutschen Telekom, zu der Magentasport gehört: „Die Entwicklung beim Basketballangebot zeigt, dass es richtig war zu investieren. Es ist sicher auch in weiten Teilen der Pandemie geschuldet und dass man nicht in die Halle gehen kann.“ Ein großer Faktor sei dabei auch das BBLFinalturnier 2020 in München gewesen. „Die Übertragung hat eindeutig mehr Leute vor den Fernseher getrieben – was auch logisch ist“, so Domagala über das Turnier, bei dem die Ludwigsburger Basketballer die Vizemeisterschaft holten.

Direkt profitieren können die Riesen davon allerdings nicht. Nach Informationen des Fachmagazins BIG bringt der bis 2023 geltende Kontrakt den Bundesligisten etwas mehr als vier Millionen Euro pro Spielzeit. Jeder Verein erhält demnach rund 250000 Euro.

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