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Khadeen Carrington

Bereit für ein großes Spiel

Von Brooklyn nach Ludwigsburg: Die berüchtigten Freiplätze in New Yorks Straßen haben Riesen-Guard Khadeen Carrington geprägt. Morgen trifft er im BBL-Topspiel auf den FC Bayern – und zeigt sich gewohnt selbstbewusst.

Khadeen Carrington.Foto: Baumann
Khadeen Carrington. Foto: Baumann
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Ludwigsburg. Es gibt Filmklischees, die man auf der Kinoleinwand mehrfach gesehen hat, die sich in Wirklichkeit allerdings nur selten als wahr herausstellen. Man kann – abseits von Hollywood – nämlich sehr wohl bedenkenlos einen Obststand aufstellen, ohne Gefahr zu laufen, dass dieser während einer Verfolgungsjagd von einem Auto über den Haufen gefahren wird. Auch haben Kriminelle und Bösewichte nur selten eine entstellende Narbe im Gesicht. Manche Dinge sind aber tatsächlich so, wie sie auf der Leinwand dargestellt werden.

Das weiß auch Khadeen Carrington, Point Guard des Basketball-Bundesligisten MHP-Riesen Ludwigsburg. „Es ist in New York wirklich genau so wie in den Filmen“, sagt der 24-Jährige über die Basketball-Kultur in den USA. Mit vier Jahren zog der in Trinidad und Tobago geborene Carrington nach Brooklyn, wo er seine ganze Jugend verbrachte. Am Sonntag (15 Uhr/Sport 1) trifft er mit den Riesen im Topspiel der BBL in der seit Wochen und zum sechsten Mal in Folge ausverkauften MHP-Arena auf den FC Bayern München.

„Wo ich aufgewachsen bin, hat definitiv etwas damit zu tun, wie ich heute spiele. Der Streetball in New York ist speziell, dort muss man seinen Mann stehen, kann gegen niemanden zurückstecken“, erzählt Carrington. Man spiele dort den ganzen Tag Basketball – in Parks, Hauseinfahrten, auf Mülleimer. Besonders sei auch der viele Trash Talk auf den Freiplätzen. „Man wirft keinen Freiwurf, ohne dass jemand etwas zu dir sagt. Das ist verrückt.“ Wäre Carrington in einem anderen Ort aufgewachsen, würde der sechstbeste Scorer der Basketball-Bundesliga heute wohl gegen den Ball treten, anstatt ihn mit der von ihm gewohnten Treffsicherheit zu werfen. „Ich bin der erste Basketballer in meiner Familie“, berichtet Carrington. Sein Vater war lange Fußballtrainer in Trinidad und Tobago. Sein Bruder spielte in einer hochklassigen College-Liga Fußball, hat mittlerweile aber die Kickschuhe an den Nagel gehängt. „Er wird alt, müde und auch ein bisschen dick“, scherzt Carrington über den 31-Jährigen. „Jeder sonst um mich herum hat früher Basketball gespielt, gerade meine ganzen Freunde.“ Deshalb habe auch Carrington damit angefangen und sich „in diese Sportart verliebt“.

Nach vier Jahren am College in New Jersey folgte 2018 der Schritt nach Europa. Zunächst zu KK Mornar in Montenegro, dann nach Limburg in Belgien, ehe er vor dieser Saison in die Barockstadt wechselte. „Ich habe gewusst, dass hier der richtige Ort ist, um besser zu werden“, sagt Carrington nach seinen ersten Monaten bei den Riesen. In diesen übertraf das Team seine Erwartungen, steht auf BBL-Platz zwei. „Daran hätte ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht gedacht. Als ich hier her kam, wurden wir um Platz sieben gehandelt. So hat das Team auch mich überrascht.“

Tief stapeln – dafür ist Carrington nicht unbedingt bekannt. Nach Marcos Knights Comeback für die Riesen im Spiel gegen Ratiopharm Ulm sagte er über das scheinbar blinde Verständnis der beiden: „Marcos ist ein sehr guter Spieler. Und sehr gute Spieler spielen sehr gut zusammen.“ Dennoch beschreibt das treffend das Erfolgsrezept der Riesen. Starke, selbstbewusste Spieler, die allerdings den Erfolg des Teams über die eigene Statistik stellen. „Wir haben keine großen Egos im Team. Jeden Tag kann jemand anders groß aufspielen“, sagt Carrington, der häufig von den besten Verteidigern des Gegners gedeckt wird. „Es ist nie eine One-Man-Show, sonst hätten wir häufiger verloren.“

Gerade das macht ihn auch zuversichtlich mit Blick auf das Bayernspiel morgen. „Wir können jederzeit jeden schlagen“, ist sich der 24-Jährige sicher. Dass gefühlt ganz Ludwigsburg dem Spiel entgegenfiebert, ist ihm nicht entgangen. „Gleich als die Partie gegen Frankfurt rum war, haben die Fans von dem Match gegen Bayern gesprochen – und das war vor drei Wochen.“

Seitdem hatten die Ludwigsburger zunächst frei und konnten sich danach auf das Spiel vorbereiten. Das Kontrastprogramm in München sah anders aus. Von Mittwoch bis Sonntag müssen die Bayern wegen der Euroleague gleich drei Mal ran. Carrington kümmert das nicht. „Die Fans warten darauf, die Halle ist ausverkauft. Das wird ein großes Spiel.“

Würde es sich um einen Hollywoodfilm handeln, wäre ein Sieg des Außenseiters Ludwigsburg gegen den haushohen, ungeschlagenen Favoriten aus München wahrscheinlich. Dagegen spricht aber, dass sich Filmklischees eben nur manchmal bestätigen. Das kann aber seine Vorteile haben: „Das Essen hier in Deutschland ist besser, als ich erwartet hatte. Das habe ich auch nur aus Filmen gekannt“, lacht Carrington, der vor seiner Ankunft in Ludwigsburg hauptsächlich typisch-bayerische Küche erwartet hatte.

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