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Interview

Interview mit Riesen-Trainer John Patrick - „Hellwach und gesund bleiben“

Die MHP-Riesen Ludwigsburg haben eine formidable Hinrunde hingelegt. Während der Busfahrt zum Spiel gestern Abend gegen Rasta Vechta sprach Trainer John Patrick über die Hinserie mit 16 Siegen aus 17 Spielen in der Basketball-Bundesliga, seine eigene Zukunft in Ludwigsburg und über die Chancen, Star-Spieler Jaleen Smith langfristig zu halten.

Aufwärts mit John Patrick: Der Coach hat die MHP-Riesen in die Erfolgsspur geführt.Foto: Baumann
Aufwärts mit John Patrick: Der Coach hat die MHP-Riesen in die Erfolgsspur geführt. Foto: Baumann

Ludwigsburg. John Patrick ist seit Januar 2013 als Cheftrainer der MHP-Riesen Ludwigsburg tätig. Davor war der 52-jährige Vater von fünf Kindern in Deutschland bereits Trainer in Göttingen und Würzburg. Die Vizemeisterschaft im vergangenen Jahr bedeutete für den zweifachen BBL-Trainer des Jahres und den Trainer des Jahres der Champions League 2018 den größten Erfolg in seiner Trainerlaufbahn.

Herr Patrick, Sie haben die Hinrunde der BBL mit 16 Siegen aus 17 Spielen beendet. Sind Sie manchmal selbst überrascht, wenn Sie an diese Bilanz denken?

Ich bin glücklich darüber, ja, wobei ich gar nicht so oft darüber nachdenke. Selbstverständlich ist es für mich wichtig, ob wir die Spiele gewinnen. Noch interessanter ist für mich im Laufe der Saison aber der Trend. Also ob wir besser oder schlechter werden. Wir sind sehr konzentriert auf den Prozess und nicht auf die Ergebnisse. Aber es ist schön, dass wir jetzt auf dem ersten Platz sind.

Ist nach einer solchen Hinrunde die Meisterschaft das Ziel?

Jede Mannschaft will die Meisterschaft gewinnen. Aber es wäre naiv, vor der Saison zu sagen, man will Meister werden. Mittlerweile sind wir in einer Position, in der es vier bis fünf Teams gibt, die durchaus eine Chance auf den Titel haben könnten. Wir sind allerdings erfolgreich, weil wir keine blöden Ziele stecken. Andere Mannschaften werden neue Spieler holen, eine neue Taktik haben. Wir müssen hellwach und gesund bleiben.

Sie konnten vor der aktuellen Bundesligasaison – im Vergleich zu den vergangenen Spielzeiten – viele Spieler aus der Vorsaison halten. Ist das ein Grund für den Erfolg?

Dadurch, dass wir Jaleen Smith, Jonas Wohlfarth-Bottermann, Lukas Herzog sowie meine Söhne Jacob und Johannes nach dem letzten Jahr halten konnten, haben wir einen starken Kern. Das war wichtig für uns. Wir sind es gewohnt, dass wir als Team mit vergleichsweise geringem Etat fast jedes Jahr unsere Mannschaft verlieren. Wenn wir Erfolg haben, sind die meisten Spieler eben weg.

Wieso ist es so schwer, Spieler länger als eine Saison zu binden?

Teams wie Ulm, Berlin, München und Oldenburg können es sich finanziell leisten, mehrjährige Verträge zu machen. Wir gehören noch nicht zu dieser Gruppe.

Was bedeutet das für Ihre künftige Kaderplanung?

Die Agenten vieler Spieler sehen Ludwigsburg als super Entwicklungsort und Startrampe für eine Spielerkarriere. Es macht mich stolz, dass wir in den letzten Saisons zu einer bekannten Play-off-Mannschaft geworden sind und mehrere Spieler nach oben schicken konnten. Wir haben gezeigt, dass Spieler über uns in die Euroleague und die NBA wechseln oder woanders größere Verträge unterzeichnen.

Umso erstaunlicher war, dass Sie im Sommer Jaleen Smith in Ludwigsburg halten konnten. Kann ein Spieler wie er, der wohl der beste Akteur der bisherigen BBL-Saison ist, ein weiteres Jahr gehalten werden?

Vielleicht, wenn etwas mit neuen Geldern von Sponsoren passiert. Aber Jaleen hat mittlerweile Interessenten aus der NBA und von Euroleague-Mannschaften. Er wird bestimmt viel mehr Geld als mit seinem jetzigen Vertrag angeboten bekommen.

Ein großer Markt für neue Spieler sind immer die USA. Barry Brown und Desi Rodriguez, die aus der G-League kamen, haben viel Zeit gebraucht, um Ihr Spielsystem zu verstehen. Spricht das nicht dafür, öfter auf Europa-erfahrene Spieler zu setzen?

Sie spielen ihr Spiel, helfen uns mit ihrem Talent und sind sehr interessante Typen. Aber ich weiß nicht, ob sie sich für den europäischen Basketball wirklich interessieren. Dennoch helfen sie uns und das ist auch ein Teil vom Profisport. Es gibt eben Spieler wie Jaleen Smith, Jonas Wohlfarth-Bottermann oder Jordan Hulls, die in Deutschland und Ludwigsburg wirklich zu Hause sind, und es gibt Spieler, die gut sind, aber nicht so involviert in das, was hier passiert. Es ist immer eine Frage der Mischung. Aber Barry und Desi tun uns gut, sie sind unterhaltsam wie Ernie und Bert aus der Sesamstraße. Sie sind großartige Menschen. Zudem haben wir viele Veteranen und auch sehr junge Spieler, die teamorientiert agieren und für die es zweitrangig ist, ob sie viele Punkte machen oder Spielzeit kriegen.

Ihr Vertrag bei den Riesen läuft nach dieser Saison aus. Werden Sie den Ludwigsburgern erhalten bleiben?

Wenn Alexander Reil (1. Vorsitzender der MHP-Riesen) nächste Woche Zeit hat, werden wir darüber reden, was wir für Pläne haben und wie es weitergehen kann.

Was spricht für einen Verbleib in Ludwigsburg?

Es macht Spaß hier. Wir haben noch viel Potenzial, haben hier etwas aufgebaut. Wenn man mit NBA-Scouts und Leuten in ganz Europa redet, sind wir eine sehr gute Basketball-Marke zurzeit. Es ist etwas Besonderes hier und Ludwigsburg ein besonders schöner Ort.

Sollte die Saison für Sie so erfolgreich weitergehen, stellt sich auch die Frage nach dem internationalen Geschäft in der kommenden Saison. Planen die Riesen wieder mit einer Teilnahme an einem europäischen Turnier?

Es hat immer Spaß gemacht, international zu spielen. Aber jetzt ist es so, dass man zunächst nicht weiß, wie sich Corona entwickelt. Ich verstehe bis heute nicht, warum Eurocup und Champions League überhaupt stattfinden. Außerdem ergibt es für uns als kleinerer Verein keinen Sinn, international zu spielen, wenn weiterhin keine Fans erlaubt sein sollten.

Müssten Sie auch Ihren Kader an das europäische Geschäft anpassen?

Definitiv. In Zukunft bräuchten wir, wenn wir international spielen wollten, zwischen 14 und 17 Spieler zur Verfügung. Wir müssten unter der Woche reisen, hätten weniger Zeit zu regenerieren. Im Fall von München oder Alba ist es ganz normal, gleichzeitig drei bis fünf Verletzte zu haben. Mit unserem Kader mit Lukas Herzog, Yorman Polas Bartolo und „Wobo“ als deutsche Spieler und zudem Jugendspieler wäre das gar nicht möglich. Es muss am Ende finanziell wie auch von der Corona-Situation her Sinn ergeben.

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