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Basketball

Riesen nutzen Niners-Tiefschlaf

Die MHP-Riesen haben die Niners Chemnitz mit 96:60 besiegt. Nach der Partie tobte Gästetrainer Rodrigo Pastore – jedoch nicht wegen der Leistung seines Teams.

Nur teilweise umkämpft: Malte Ziegenhagen (links) kämpft mit Desi Rodriguez (rechts) und weiteren Spielern um den Ball. Foto: Baumann
Nur teilweise umkämpft: Malte Ziegenhagen (links) kämpft mit Desi Rodriguez (rechts) und weiteren Spielern um den Ball. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Dreieinhalb Minuten kann man für viele produktive Dinge nutzen. Das Aufwärmen eines Mikrowellengerichts zum Beispiel lässt sich in solchen 210 Sekunden bestens bewerkstelligen. Oder die abendliche Zahnpflege vor dem Schlafengehen. Den Niners Chemnitz reichten dagegen gestern Abend dreieinhalb Zeigerumdrehungen, um ein ganzes BBL-Spiel herzuschenken. Durch einen unerklärlichen Tiefschlaf zum Ende des zweiten Viertels warfen sie ihre gute Ausgangslage gegen die Riesen über Bord, ließen einen 0:19-Lauf zu und unterlagen am Ende mit 60:96. Es war der 20. Sieg im 21. Saisonspiel der Ludwigsburger, die in der heimischen MHP-Arena seit nunmehr 667 Tagen keine BBL-Partie verloren haben.

Dabei hatte der Aufsteiger aus Chemnitz von Beginn an gut mitgehalten – so verrückt das bei einem Halbzeitstand von 61:36 für die Riesen letztlich klingen mag. Erst als Trainersohn Jacob Patrick begann, mit stoischer Ruhe seine Drei-Punkte-Würfe zu versenken, zogen die Riesen erstmals auf 19:10 davon. 15 Punkte bei fünf von sieben Versuchen aus der Distanz steuerte der gerade einmal 17-Jährige in der ersten Hälfte bei.

Doch die Niners gaben nicht klein bei, obwohl dem Aufsteiger wegen coronabedingter Quarantäne gleich vier Spieler fehlten und sie erst zwei Tage zuvor in einen normalen Trainingsbetrieb zurückgekehrt waren. Ohne Marcus Thornton, Isaiah Mike, Jan Niklas Wimberg und Virgil Matthews hielten die verbleibenden zehn Chemnitzer das Spiel lange offen.

Die Gelb-Schwarzen taten sich sichtlich schwer und mussten ihre Punkte hart erarbeiten. In den ersten 17 Minuten war Jamel McLean mit sieben Punkten der zweitbeste Riesenwerfer – und markierte all seine Punkte von der Freiwurflinie.

Nicht ahnend, was ihm und seiner Mannschaft noch blühen sollte, wurde Rodrigo Pastore Mitte des zweiten Durchgangs erstmals laut, als die Riesen nach zwei Offensivrebounds in Serie durch Patrick auf 34:25 davonzogen. „Zwei Mal!“, schrie Pastore seinen Flügelspieler Luis Figge in der folgenden Auszeit an und ärgerte sich über die zugelassenen Rebounds. Es war nur ein Vorgeschmack auf das, was nach dem Spiel folgen sollte.

Zunächst kämpften sich Figge und Co. aber heran, verkürzten gar auf 36:42, womit das Spiel wieder offen war. Anstatt daraus neuen Mut zu schöpfen, folgte jedoch der Einbruch: Vier Dreier schweißten Jordan Hulls, Yorman Polas Bartolo und Jaleen Smith in Serie durch die Reuse. Chemnitz warf teilweise völlig unmotiviert die Bälle in die Hände der Riesen. Nutznießer davon war vor allem Polas Bartolo, der mit einfachen Fastbreak-Punkten auf 61:36 erhöhte und in besagten dreieinhalb Minuten sein Punktekonto von fünf auf 17 Punkte schraubte. 36 Zähler legten die Riesen im zweiten Viertel auf – so viele wie Chemnitz in der gesamten ersten Hälfte zusammen. „Diese vier Minuten sind das einzige, was ich an diesem Spiel bereue“, sagte Pastore nach der Partie.

Seinem Team machte der Coach angesichts der schwierigen Coronalage aber keinen Vorwurf, sondern wetterte gegen die Liga. „Das ist unglaublich“, sagte er nach der Partie. Seine Mannschaft hatte erst am Sonntag wieder mit Kontakttraining anfangen dürfen. „Was uns widerfahren ist, wünsche ich niemandem. Das ist frustrierend“, sagte er in einem für ihn untypischen Gefühlsausbruch. „Ich glaube nicht, dass mit wichtigeren Teams in der Liga so umgegangen worden wäre.“

Die Partie war also schon zur Halbzeit entschieden. Smith und Tremmell Darden ließen den Lauf viertelübergreifend sogar auf 24:0 anwachsen, ehe Terrell Harris die Niners-Durststrecke mit einem Distanzwurf zum 39:66 beendete. „Weiterkämpfen“, feuerte Harris seine Teamkollegen während einer Auszeit seines Trainers Pastore an – da lagen die Gäste bereits mit 47:73 zurück. Trotz der aussichtslosen Lage hielt Harris mit seinen Teamkollegen Wort. Die Niners spielten engagiert weiter, wenngleich das Spiel vor sich hin plätscherte. Erst im Schlussviertel resignierten die Gäste endgültig und kamen nur noch auf sieben weitere Zähler.

So nutzte Riesen-Coach John Patrick die Partie, um seinen Spielern vor dem wichtigen Auswärtsderby am Sonntag beim Tabellenfünften Hakro Merlins Crailsheim nicht zu viel Spielzeit aufzubrummen. Sein Pendant Pastore war dagegen bedient. „Ich bin einfach froh, dass sich niemand verletzt hat“, sah er etwas Positives an der über 400 Kilometer langen Auswärtsreise.

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