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Interview

„Spieler haben Energie und wollen loslegen“

Nach einer enttäuschenden Saison stehen die MHP-Riesen Ludwigsburg vor einem Neustart. „Zurück in die Zukunft“ lautet dabei die Devise von Trainer John Patrick. Der 51-Jährige will wieder Ganzfeldverteidigung in Reinkultur spielen, wie er im LKZ-Interview berichtet.

John Patrick will mit jungen und athletischen Spielern die MHP-Riesen Ludwigsburg zurück in die Erfolgsspur führen. Foto: Baumann
John Patrick will mit jungen und athletischen Spielern die MHP-Riesen Ludwigsburg zurück in die Erfolgsspur führen. Foto: Baumann

Ludwigsburg. John Patrick freut sich auf die neue Bundesligasaison. In einem Burger-Restaurant unterhalb der Geschäftsstelle sitzt der Coach und spricht hoffnungsvoll über die elf neuen Basketballer im Kader der MHP-Riesen. Jünger und athletischer soll das Team sein., das er morgen zum Trainingsauftakt bittet. Mit einer strikten Rückkehr zur aggressiven Ganzfeldverteidigung will Patrick die Play-offs erreichen und sich für den internationalen Wettbewerb qualifizieren.

Herr Patrick, in der vergangenen Saison hat Ludwigsburg die Erwartungen nicht erfüllt. Die Play-off-Teilnahme wurde genauso verfehlt wie die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb. Lag das an der großen Fluktuation innerhalb des Teams?

Wir waren mit den Spielern, die wir hatten, nicht ganz zufrieden. Es war schon in der Vorbereitung auf die Saison klar, dass es andere Spielertalente waren als im Vorjahr mit Thomas Walkup, Dwayne Evans oder Justin Sears. In Anbetracht der vielen Anpassungen, die wir deshalb machen mussten, haben wir uns ganz gut verkauft. Das klingt ironisch, aber es gibt Beispiele von Teams, die mit ähnlichen Problemen abgestiegen sind. Wir haben immerhin fast die Play-offs erreicht. Aber natürlich bin ich enttäuscht. Es war dennoch interessant zu sehen, wie man eine fähige Mannschaft bauen kann, ohne den für mich typischen Basketball zu spielen. Ich habe viel gelernt. Es war keine schlechte Saison, aber die Erwartung ist hier natürlich trotz des kleinen Etats, in die Play-offs zu kommen.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?

Wir haben früher begonnen, uns umzuschauen und andere Schwerpunkte gesetzt: jünger, athletischer. Wir wollen nicht wieder dieselben Probleme haben. Teilweise sind die Spieler schon hier und man merkt: Der Enthusiasmus ist ein ganz anderer. Die jungen Spieler haben große Augen und wollen loslegen. Die haben Energie und machen freiwillig Laufübungen. Das wäre im vergangenen Jahr nicht passiert. Wir gehen sozusagen zurück in die Zukunft.

Auf dem Papier wirkt der Kader homogener als im Vorjahr. Ist das so?

Das wissen wir noch nicht. Aber die selbstkritische Analyse hat ergeben, dass wir zu viele Spieler hatten, die nicht optimal in unseren Spielstil gepasst haben. Wir haben nun gezielt Spieler verpflichtet, die es gewohnt sind, die Linie hoch und runter zu rennen. Das wollen die Zuschauer sehen. Spieler wie Thomas Wimbush, Tanner Leissner oder Jehyve Floyd können richtig viel laufen. Wir müssen aber abwarten, bis die medizinischen Checks vorbei sind. Dann können wir zusammen trainieren.

Sie waren über den Sommer in den USA. Was haben Sie dort genau verfolgt?

Dort gibt es die NBA-Summer-League und sogenannte Agentencamps. Mein Assistent Josh King war fast den ganzen Sommer über dort und hat mit drei von unseren Spielern trainiert. Josh und ich waren gemeinsam in Las Vegas. Bei diesen Agentencams spielen Akteure vor, das ist wie ein Fleischmarkt, es ist schlimm. Tausende von Spielern. Aber es ist auch sehr spannend.

Gehen Sie zur Summer League schon mit einem bestimmten Plan, wen Sie beobachten möchten?

Ja, absolut. Wir haben eine Datenbank von Spielern, die interessant für uns sind. Wir sammeln Namen und sehen, wie Leute in anderen Ligen performen. Khadeen Carrington haben wir bereits sehr früh verpflichtet. Das war gut so, denn seine Leistungen in der Summer League waren sehr gut. Wir haben ihn weiter beobachtet. Es war interessant zu sehen, wie viele Teams an ihm dran waren.

Wie kommen diese Spieler in Ihr Blickfeld? Der Markt ist riesig.

Zum einen über persönliche Kontakte. Du musst den Leuten vertrauen können, wenn sie dir einen Spieler empfehlen. Josh King hat als College-Coach gearbeitet, ich komme aus einem guten Programm (Stanford University, Anmerkung der Redaktion). Jairus Lyles war auf derselben High School wie ich und fünf seiner ehemaligen Kameraden spielen mittlerweile in der NBA. Wir kennen viele Leute und es gibt da viele Verbindungen.

Sie setzten auf US-amerikanische Spieler. Was schätzen Sie an diesen Spielern?

Ich fordere von den Spielern, dass sie eine Rolle spielen, gut verteidigen und für die Mannschaft spielen. Es ist in Europa anders als in der NBA oder G-League in Amerika, wo es um Unterhaltung geht. Es ist immer gefährlich, Spieler zu holen, die fest an dieses amerikanische System glauben. Wir brauchen Spieler, die offen sind für das europäische System. Das war etwas, was ich letztes Jahr gelernt habe: Wenn es die Spieler nicht lernen wollen, kannst du das nicht ändern. Dann muss man Anpassungen machen. Deswegen habe ich dieses Jahr Leute geholt, die Ganzfeldverteidigung spielen können.

Wie sieht es in Ludwigsburg mit der eigenen Jugendarbeit aus?

Ich bin auch für die sportliche Leitung der Jugendteams zuständig. Das ist wichtig für mich. In den letzten drei, vier Jahren haben wir uns stark verbessert. Ross Jorgusen macht einen super Job mit der JBBL-Mannschaft. Und unsere NBBL-Mannschaft ist vielleicht sogar der Favorit auf die Meisterschaft in diesem Jahr. Wir haben hier ein seriöses Jugendprogramm. Die Jungs verstehen mehr und mehr, dass sie viel investieren müssen, um oben zu spielen.

Und die Infrastruktur?

Wir sind froh über die Einrichtungen am Bildungscampus West. Ich glaube nicht, dass es in Deutschland einen besseren Ort für Jugendbasketball gibt. Wir haben hier alles.

Ist der Sprung in die BBL von der Regionalliga nicht zu hoch?

Gefährlich ist die Hobbysportkultur dort. Es hilft den jungen Spielern wenig, dauerhaft in unteren Ligen zu spielen. Dort haben sie Hobbysportler neben sich und lernen schlechte Gewohnheiten. Wichtig ist, dass die jungen Spieler lernen, wie man als Profi arbeitet und dass sie so schnell wie möglich mit Erwachsenen trainieren. Man konnte das mit Quirin Emanga sehen. Es ist wichtig, dass unsere jungen Spieler viel Individualtraining mit den Profis machen. Dann können sie sich entscheiden, ob sie selbst auch Profi werden wollen, denn in diesem Fall man muss auf sehr viel verzichten.

Die Riesen spielen in der kommenden Saison nicht international. Was hat das für Folgen?

Es war nicht mein Wunsch, ich hatte gehofft, dass wir international spielen können. Wir sind eine international bekannte Mannschaft und viele schauen auf Ludwigsburg. Aber vielleicht kann es ein Vorteil sein, dass wir nicht dabei sind. Wir sind frischer, letzte Saison hatten wir viele Spiele, auf die wir uns nur einen Tag oder sogar nur einen halben Tag vorbereiten konnten.

Die BBL hat dieses Jahr nur 17 Teams. Ist das in Ihren Augen ein Problem?

Nein, es ist eine lange Saison. Wenn man sieht, dass Bayern München und Alba Berlin 34 Spiele in der Euro League spielen plus Liga, plus Pokal – das ist unmenschlich. Auch was wir in den vergangenen zwei Jahren gemacht haben, ist medizinisch nicht schlau gewesen und für die Spieler nicht gesund. Früher gab es insgesamt viel weniger Spiele.

32 Ligaspiele plus Pokal reichen aus?

Ja, aber natürlich ist es immer attraktiver international zu spielen. Wir haben einige Spieler bei dem Versuch, sie für uns zu verpflichten, verloren, weil sie die Antwort bekamen, dass wir nicht international spielen. Es ist teilweise nur deshalb gescheitert. Bevor aber ein falscher Eindruck entsteht: Wir sind sehr glücklich mit den Spielern, die wir jetzt haben.

Das Ziel für die kommende Saison lautet also Qualifikation für den internationalen Wettbewerb?

Wir wollen uns sportlich qualifizieren und wir wollen auch in die Play-offs. Die Play-offs sind für unsere Organisation immer das Ziel. Aber das werde ich nicht den Spielern sagen. Für die Mannschaft ist das Ganze ein Prozess und dabei geht es erst einmal darum, den Klassenverbleib zu sichern.

Wenn das gelingt, wäre es dann nicht auch erstrebenswert, einige Spieler länger in Ludwigsburg zu halten?

Das ist alles eine Frage des Geldes. Ich wollte unbedingt mehrere Spieler mit Zweijahresverträgen, aber die Agenten machen da nicht mit. Die meisten Spieler müssen eben in ihrer begrenzten Zeit als Profi so viel Geld verdienen, wie möglich. Die Differenz zwischen dem, was wir zahlen können und was die europäischen Top-Klubs bezahlen, ist ein Vielfaches.

Ihr Vertrag läuft bis 2021. Ist Ludwigsburg ein Standort, an dem Sie auch weiterhin Ihre berufliche Zukunft sehen?

Es ist hier eine gute Basis und wir haben viele neue Leute, mit neuer Energie in der Geschäftsstelle. Für mich persönlich ist Ludwigsburg etwas Besonderes. Es ist eine super Stadt. Wir haben hier noch viel Potenzial.

Reizt es Sie nicht, noch einmal im Ausland eine neue Herausforderung anzunehmen?

Ich habe im Ausland trainiert und habe wie jeder Coach Angebote bekommen. Aber ich möchte hier in Ludwigsburg sein. Deshalb habe ich schon dreimal verlängert. Meine Kinder und meine Frau sind hier Zuhause. Es ist schön, bei dieser familiären Atmosphäre in die Sporthalle zu kommen. Ich kenne mittlerweile viele Leute und das schätze ich sehr.

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