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Analyse

Wider die Show-Mentalität

Wie kaum ein anderer Basketballtrainer kann John Patrick die Vorrunden-Pleite der deutschen Nationalmannschaft in Shenzen mit den Niederlagen gegen Frankreich und Dominikanische Republik einschätzen. Der Coach der MHP-Riesen Ludwigsburg kennt sowohl das amerikanische NBA-, als auch das europäische und asiatische Fiba-Spielsystem – und nur das ist bei den Titelkämpfen in China maßgeblich.

Patrick, bekannt für seine extrem defensivorientierte Spielweise mit aggressivster Verteidigung, misst weniger dem Ranking der Nationen im Weltbasketball, als vielmehr der Mentalität und dem internen Gefüge der Mannschaften höchste Bedeutung zu.

„Jeder kann jeden schlagen“, sagt er und verweist auf das Spiel des Topfavoriten USA, der sich im zweiten Gruppenspiel gegen die Türkei erst in der Verlängerung (93:92) durchsetzte und noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen ist. „Meiner Meinung nach ist die USA kein Favorit auf den Titel“, sagt Patrick. Selbst aus dem US-Staat Maryland stammend, räumt er europäischen Teams wie Litauen, Spanien oder Serbien von der Spielanlage her deutlich höheres Potenzial und damit ernsthafte Titelchancen ein. „Die NBA ist Entertainment, diese Folklore wird gegen bestens ausgebildete europäische Basketballer nicht weit führen“, ist Patrick überzeugt.

Auf der Suche nach der Ursache für das Debakel der deutschen Mannschaft setzt der 51-Jährige genau an diesem Punkt den Hebel an. „Vielleicht ist es ja ein Handicap, dass viele deutsche Spieler in der NBA zu Hause sind. Einige waren einfach nicht bereit, vielleicht spielte auch die Arroganz eine Rolle“, vermutet er.

So sehr das bisherige Auftreten enttäuscht haben mag, Patrick und auch andere Basketball-Experten wie der frühere Bundestrainer Dirk Bauermann sehen durchaus die Chance auf eine Weiterentwicklung. Von außen frage man sich, „warum spielen die nicht physischer? Warum ist da nicht mehr Feuer? Das hat entweder den Grund, dass eine Mannschaft es zu wenig will, oder zu viel will und unter der Last der Aufgabe verkrampft“, sagt Bauermann, „und nur das zweite kann der Fall gewesen sein.“

Noch sind drei WM-Spiele zu absolvieren. Wenn es Bundestrainer Henrik Rödl gelingt, seine Spieler auf den Teamspirit zu fokussieren, ist zumindest noch die Chance, den Sprung zu einem der Qualifikationsturniere für Olympia zu schaffen, gegeben. Das sieht auch Patrick, der die Qualität der Nationalmannschaft schätzt und durchaus „Mitgefühl“ mit Rödl hegt, so. „Ich weiß, wie hart gearbeitet wurde, und Spieler wie Danilo Barthel aus der BBL oder auch Johannes Voigtmann haben ihre Aufgaben gut erfüllt“, bilanziert der MHP-Riesen-Coach, „aber wenn gewisse Spieler ihrem Ego-Zock folgen und nicht bereit sind, der Strategie zu folgen, alles zu geben, kannst Du als Trainer nichts dagegen tun.“

Für Alexander Reil, den Präsidenten der MHP-Riesen und der Basketball-Bundesliga, gibt es zwei Möglichkeiten, wie es zu dem Debakel kommen konnte. „Entweder der Trainer hatte keinen Plan, oder die Mannschaft hat ihn nicht umgesetzt“, sieht er den Bundestrainer durchaus in der Verantwortung, ohne die Spieler entschuldigen zu wollen. Reil: „Man hatte den Eindruck, die spielten so, als wenn die WM erst nach der Vorrunde beginnt.“

Negative Folgen für die BBL, die in diesem Jahr mit 17 Teams startet und am Ende nur einen Absteiger haben wird, sieht aber weder Reil noch Patrick. Im Gegenteil: „Die WM wird aufzeigen, welch große Bedeutung der europäische Basketball hat und damit auch Folgen für die BBL“, so Patrick, der überzeugt ist, dass Vereine wie Alba Berlin oder FC Bayern in Europa eine noch größere Beachtung finden werden.

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