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Eishockey

Schwarzer Spieler, weißer Sport: Jalen Smerecks Erfahrungen mit Rassismus im Eishockey

Nach nur fünf Spielen in der Ukraine und einem denkwürdigen Rassismusskandal verließ Jalen Smereck den Verein Donbass Donezk wieder. Der US-Amerikaner, der bei Eishockey-Bundesligist Bietigheim Steelers ein neues Zuhause gefunden hat, hat seine ganze Karriere über rassistische Anfeindungen erlebt. Über einen schwarzen Spieler in einem weißen Sport.

Jalen Smereck bei seinem nächsten Abenteuer – im Trikot der Bietigheim Steelers. Foto: Baumann
Jalen Smereck bei seinem nächsten Abenteuer – im Trikot der Bietigheim Steelers. Foto: Baumann

Bietigheim-Bissingen. Es waren die sportlich üblichen Gründe, die den US-Amerikaner Jalen Smereck zu dem Entschluss brachten, seine Eishockey-Karriere nach Übersee zu verlagern. Das offensive Spiel hier sei ausschlaggebend für seinen Wechsel vom AHL-Team Tucson Roadrunners nach Europa gewesen. Er wolle sich einen Namen machen, erzählt Smereck. Und in der Tat erlangte der 24-jährige Verteidiger aus Detroit zumindest in der Eishockeyszene schnell Berühmtheit, jedoch auf einem Weg, mit dem Smereck so nicht gerechnet hatte – und auf den er gerne verzichtet hätte.

Denn was bei seiner ersten Station in Europa nach nur fünf Spielen im Trikot von Donbass Donezk passierte, bezeichnet Smereck mit ruhigen, aber bestimmten Worten so: „Ich war angewidert. Ich kann es noch nicht glauben“, sagt Smereck per Videotelefonie aus einem Büro bei seinem neuen Arbeitgeber, den Bietigheim Steelers. Infolge einer handelsüblichen Auseinandersetzung auf dem Eis hatte sein Gegenspieler Andrei Denyskin vom HK Kremenchuk das Schälen und Essen einer Banane imitiert. Eine unmissverständliche rassistische Geste gegen Smereck und alle anderen People of Colour. „Ich habe über die Jahre Tausende Worte ertragen müssen. Aber so etwas Beschämendes habe ich noch nicht erlebt“, sagt Smereck.

Doch der Tiefpunkt war für den schwarzen Eishockeyspieler damit noch nicht erreicht. „Jegliche Diskriminierung aufgrund von Rasse, Nationalität, Hautfarbe, Religion oder anderen Gründen ist inakzeptabel“, hatte die Disziplinarkommission in der Ukraine zwar verkündet, jedoch konnte Denyskin seine Sperre für eine lächerliche Geldstrafe von knapp 1700 Euro von 13 auf drei Spiele verkürzen. „Ich war enttäuscht“, sagt Smereck, der darauf mitteilte, „kein weiteres Spiel mehr zu bestreiten, bis Andrei Denyskin gesperrt und aus der Liga ausgeschlossen wird.“ Sogar eine Blitzrückkehr in die USA habe er im Kopf gehabt. „Ich wollte nur da raus. Der erste Impuls war: Komm nach Hause.“

Es war auch der Ruf aus Bietigheim, der Smereck dazu bewegte, doch noch einmal in Europa aufs Eis zu steigen. Beim Bundesligisten aus dem Ellental war Smereck sofort willkommen, wurde nach seinem ersten Spiel im Steelers-Trikot von den Fans gefeiert. „Das hat mir viel bedeutet“, erinnert sich Smereck an den 3:2-Sieg gegen die Iserlohn Roosters. Im Hinterkopf hat der jüngste Sohn eines langjährigen Hockeytrainers die Vorkommnisse aber weiterhin. „Dort scheint aber alles vergessen zu sein, seit ich weg bin“, sagt er über die Situation in der ukrainischen Liga.

Allzu überraschend kommt das nicht. Das weiß auch Martin Hyun. Der gebürtige Krefelder mit koreanischen Wurzeln setzt sich seit Jahren gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung sowie für Gleichberechtigung und Chancengleichheit im Eishockey ein. „Eishockey ist ein weißer Sport, das ist Fakt“, sagt der 42 Jahre alte Hyun, der für die Krefeld Pinguine selbst in der DEL spielte und 2010 den gemeinnützigen Verein „Hockey is Diversity“ gründete. „Jalen musste in einer Welt navigieren, die homogen weiß strukturiert ist, wo Entscheidungen von Weißen gefällt werden und wo auch die Handhabung von Rassismus von Weißen bestimmt wird“, sagt Hyun, der deutliche Kritik am Eishockey-Weltverband äußert: „Auch der 14. IHF-Präsident ist ein alter weißer Mann, es gibt im IHF-Council nur zwei Frauen. Es ist eine Farce, sich internationaler Eishockey-Weltverband zu nennen.“

Vorfälle wie in der Ukraine habe es schon immer gegeben. „Beschimpfungen wie ‚Schlitzauge‘ oder ‚spiel doch auf dem Reisfeld‘, musste ich mir oft anhören – von gegnerischen Mannschaften oder von Teamkollegen selbst.“ Ähnliches berichtet auch Smereck. Seit seiner Jugend habe er in jeder Saison in irgendeiner Form rassistische Anfeindungen erlebt. „Aber keine wurden je ernst genommen“, berichtet er: „Es ist, wie es ist“, sagt er mit beklemmender Selbstverständlichkeit. Wo das herkommt? Seit Smereck ein Kind ist, spielt er Eishockey. Seine ganze Jugend über habe er laut eigener Aussage nie mit einem anderen schwarzen Kind in einer Mannschaft gespielt. „Das Verhältnis war etwa 1 zu 99“, sagt er. Sein Empfinden kommt nah an die Realität heran. Trotz Bemühungen der NHL, Besserung herbeizuführen, sind nur etwa 3 Prozent aller Spieler in der amerikanischen Profiliga schwarz.

Als Devante Smith-Pelly 2018 bei einem NHL-Spiel in Chicago auf der Strafbank saß, riefen ihm weiße Fans „Basketball, Basketball, Basketball“ zu. Die Nachricht: Schwarze Sportler spielen Basketball, kein Eishockey. „Hockey ist ein teurer Sport. Viele Minderheiten können sich das nicht leisten. Es ist günstiger, Basketball, Baseball oder Football zu spielen“, berichtet Smereck.

Das Problem existiert auch in Deutschland. Es gebe kaum sichtbare Vorbilder of Colour, wie Hyun hervorhebt, weder auf dem Eis noch auf den Geschäftsstellen. Die Organigramme der Teams seien wie bei einem DAX-Unternehmen – von weißen Männern geprägt. Auch hierzulande können sich einkommensschwache Familien das Eishockey-Equipment nicht leisten. „Mein Vater hat als Bergmann, meine Mutter als Krankenschwester gearbeitet. Und Schlittschuhe haben schon damals 1000 Mark gekostet“, sagt Hyun.

Neben mehr Diversität in den Gremien fordert Hyun daher auch, dass sich der Sport endlich an den demografischen Wandel anpasst. Mit „Hockey is Diversity“ befindet man sich im Austausch mit Herstellern von Eishockey-Sportartikeln, um darüber zu diskutieren, den Sport weiter zu öffnen. In Kanada habe die Firma Bauer das ganze Equipment für 100 Euro quasi verschenkt, um mit dem „First-Shift-Programm“ Nachwuchsspieler zum Eishockey zu bewegen, berichtet Hyun.

Was solche Entwicklungsschritte extrem bremst – egal in welchem Land –, sind Ereignisse wie die, die Jalen Smereck in der Ukraine widerfahren sind. „Es fängt bei den Kids an. Wenn ein 14-Jähriger so etwas erlebt, drückt ihn das weg vom Spiel“, sagt Smereck, der trotz alledem dem Sport treu geblieben ist. „Ich bin froh, hier zu sein“, sagt er über sein neues Abenteuer in Deutschland. Hier will er sich einen Namen machen. Auf rein sportlichem Weg.

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