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Schiedsrichtermangel

Dem Fußball droht der letzte Pfiff

Auch im Bezirk Enz/Murr fehlen massiv Unparteiische – „Wir kämpfen jedes Wochenende, die Spiele zu besetzen“

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Im Bezirk Enz/Murr drohen aufgrund von Schiedsrichtermangel in Zukunft Spielabsagen. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Wenn sich beim Fußball zwei Mannschaften gegenüberstehen, dann braucht es nicht nur elf Spieler pro Team und einen Ball. Es braucht einen neutralen Beobachter – einen Schiedsrichter –, der die Partie leitet. Für die Vereine ist es selbstverständlich, dass dieser für die Begegnungen bereitsteht. Doch was ist, wenn es plötzlich nicht mehr genügend Unparteiische gibt? Nicht nur die Schiedsrichtergruppe (SRG) Ludwigsburg schlägt Alarm.

„Wir müssen jedes Wochenende kämpfen, die Spiele besetzen zu können“, klagt Schiedsrichterobmann Daniel Mössinger. „Die Situation verschlechtert sich von Jahr zu Jahr. Aber niemand unternimmt wirklich etwas.“ Im gesamten Bezirk Enz/Murr betreffen 60 Vereine die SRG Ludwigsburg rund um Mössinger und seinen Stellvertreter Wolfgang Scheidt. Den Rechnungen zufolge, dass ein Verein ab der C-Jugend aufwärts für jede Mannschaft einen Schiedsrichter stellen muss, müssten ihnen 245 Unparteiische zur Verfügung stehen. Doch die Realität sieht anders aus: In der Saison 2016/2017 gab es gerade einmal 143 Schiedsrichter.

Um den Spielbetrieb zu sichern, müssten auch im Kreis Ludwigsburg häufiger Jugendspiele ohne einen angesetzten Schiedsrichter stattfinden, damit dieser bei den Aktiven eingesetzt werden kann. Hin und wieder müsse auch auf benachbarte Schiedsrichtergruppen zurückgegriffen werden, um keine Partien absagen zu müssen, berichtet der Obmann.

Lediglich drei der 60 Vereine, die die SRG Ludwigsburg betreffen, haben in der Saison 2016/2017 mehr Schiedsrichter gestellt als vorgeschrieben: Der FSV 08 Bissingen, TuS Freiberg und Drita Kosova Kornwestheim. 46 von 60 Vereinen erfüllten ihr Soll nicht. „Die Vereine bezahlen lieber Strafen, als Schiedsrichter zu stellen“, sagt Scheidt. Die Strafgebühren für diese 46 Vereine beliefen sich in der angesprochenen Spielzeit auf insgesamt 20 401 Euro. „Die Strafen, die mit Geld zu begleichen sind, interessieren die Vereine nicht“, erklärt Scheidt. Vorschläge, wie Punktabzug oder ein Aufstiegsverbot für die 1. Mannschaft, seien vonseiten des Württembergischen Fußballverbandes allerdings abgelehnt worden.

Hinzu kommt, dass der Strafenkatalog nicht gerade nachvollziehbar ist. Laut Scheidt müsse beispielsweise ein Verein, der einen Schiri stellen muss, dies aber nicht tut, 406 Euro zahlen. Ein anderer Verein, der 17 Unparteiische stellen müsste, aber nur zwei hat – ihm fehlen 15 zum Soll – bezahlt 886 Euro. „Das versteht doch wirklich kein Mensch“, beschreibt Scheidt diese Maßnahmen.

Die Gründe für den Schiedsrichtermangel sieht Mössinger unter anderem in den Beschimpfungen, Bedrohungen und Übergriffen auf die Referees. Der Fair- Play-Gedanke werde bei vielen Trainern, Betreuern oder auch Zuschauern einfach ausgeblendet, sobald das Spiel läuft. Dies sei nicht nur kreisweit ein Problem, sondern betreffe deutschlandweit fast alle Bezirke.

Damit es in Zukunft nicht vermehrt zu Spielabsagen kommt, fordern Mössinger und Scheidt vor allem ein Umdenken in den Vereinen. „Die Trainer sind dafür zuständig, Spieler, Zuschauer und sich selbst unter Kontrolle zu halten“, meint Mössinger. Bei Jugendspielen seien es auch immer häufiger Eltern, die die meist noch jungen Schiedsrichter verbal attackieren. „Viele hören dann nach zwei oder drei Spielen wieder auf, weil sie die Lust verlieren“, fügt Scheidt hinzu. Doch nicht nur der Nachwuchs wird vermisst: „Zwischen 27 und 35 Jahren hat man eigentlich das perfekte Alter für diesen Job. Doch auch diese Leute fehlen uns“, sagt der Obmann.

Darüber hinaus würden Werbeaktionen, die die SRG initiiert, häufig auf wenig Resonanz stoßen. Mit sogenannten Neulingskursen möchte die Gruppe Interessierten das Schiedsrichterwesen näher- bringen. „Wir haben die Vereine angeschrieben“, sagt Mössinger. „Doch wir erhalten häufig nicht einmal eine Rückmeldung.“ Auch angebotene Crashkurse für Zwölf- bis 14-Jährige finden bei den Vereinen kaum Beachtung. „Wir haben das Thema auf dem Staffeltag angesprochen“, sagt der Obmann. „Doch viele haben das nicht an ihre Mitglieder weitergetragen.“