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Doppelinterview

Doppelinterview mit VfB-Fans: „Es lief von allen Seiten unglücklich ab“

In den ersten Wochen des Jahres offenbarte sich beim VfB Stuttgart ein erbitterter Streit innerhalb des Vereins. Was denken die Fans über die Situation beim Fußball-Bundesligisten? Wir haben mit Jens Strobel (28 Jahre) und Erich Hägele (77) gesprochen.

Austausch zweier Fangenerationen: Jens Strobel (links) und Erich Hägele. Fotos: Baumann
Austausch zweier Fangenerationen: Jens Strobel (links) und Erich Hägele. Foto: Baumann
Austausch zweier Fangenerationen: Jens Strobel (links) und Erich Hägele. Fotos: Baumann
Austausch zweier Fangenerationen: Jens Strobel (links) und Erich Hägele. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Alles hat mit dem offenen Brief von Thomas Hitzlsperger begonnen. Was zunächst nach einem Streit zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und Präsident Claus Vogt aussah, entwickelte sich zur größten Vereinskrise des VfB Stuttgart in der ohnehin schon bewegten Geschichte des Fußball-Bundesligisten. Es ging um die Datenaffäre, um die Präsidentschaftskandidatur, den Termin der Mitgliederversammlung und die Abstimmung über die Ausgliederung im Jahre 2017. Am Ende räumten zahlreiche Führungskräfte ihre Posten. Was bleibt, ist ein dramatischer Imageschaden für den Traditionsverein. Unsere Zeitung hat mit zwei Fans gesprochen, die zwar fast 50Jahre Altersunterschied trennen, aber die Verbundenheit zum Club mit dem Brustring eint.

Herr Hägele, Herr Strobel, können Sie sich an Ihr erstes VfB-Spiel erinnern, das Sie live im Stadion gesehen haben?

Erich Hägele: Das war im Jahre 1963, ein 2:0 gegen Hertha BSC.Jens Strobel: Das müsste im Jahr 2000 gewesen sein, eine 2:5-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg. Das hat mich nicht davon abgehalten, weiter ins Stadion zu gehen (lacht). Wobei ich davor schon bei einem Spiel der Amateure gegen Offenbach war.

Was hat sich im Fußball seit den 60er Jahren getan?

Hägele: Insgesamt hat sich der Fußball stark verändert. Es geht in erster Linie ums Geld. Die Fans – und auch ich bezeichne mich als Fan – haben bei dieser Entwicklung verloren. Allerdings habe ich tolle Spiele in dieser Zeit erlebt, großartige Erfolge und auch die Tiefen des Vereins mitgemacht.

Neuerliche Tiefen gab es in den vergangenen Monaten im Streit zwischen Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger. Wie haben die Ereignisse auf Sie gewirkt?

Strobel: Es lief von allen Seiten sehr unglücklich, auch wenn der Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger das mit seinem vorwurfsvollen Brief erst so richtig ins Rollen gebracht hat. Die Vorwürfe gegen Präsident Claus Vogt haben eine starke Unruhe verursacht und den Verein insgesamt geschädigt.

Herr Hägele, haben Sie das auch so empfunden?

Hägele: Der VfB hat deutschlandweit in seinem Ansehen Schaden genommen. Da wurden Werte verletzt. Wir als Mitglieder müssen jetzt unabhängig von Personen analysieren, welche Schlüsse der VfB daraus ziehen soll.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Ereignissen?

Strobel: Viele Dinge sollten in Zukunft erst mal intern geklärt werden, bevor der Streit in der Öffentlichkeit ausgetragen wird. Ich glaube nach wie vor, dass es zwischen Claus Vogt und Thomas Hitzlsperger eine gemeinsame Ebene geben kann.

Hägele: Es gibt ja schon wieder Berichte, dass die Zusammenarbeit nicht richtig funktioniert. Und auch über die Veröffentlichung des Ermittlungsberichtes über die Datenschutzaffäre gab es Streit. Aber das muss ich doch intern klären und erst dann mit einer gemeinsamen Stellungnahme an die Öffentlichkeit gehen.

Wie sollte der Bericht noch veröffentlicht werden?

Hägele: Den Mitgliedern muss der Bericht zugänglich gemacht werden, ob in der Geschäftsstelle oder in einem anderen großen Raum. Es muss auch alles vollständig aufgeklärt werden. Alle, die damit zu tun hatten, müssen weg, und ich will wissen, was das alles genau gekostet hat.

Strobel: Es muss endlich final aufgeklärt werden, damit es auch keinen Raum für Spekulationen mehr gibt. Die Offenlegung ist in Pandemiezeiten schwierig. Den Bericht frei zugänglich ins Internet zu stellen, halte ich für falsch, wenn man bedenkt, wie soziale Medien funktionieren. Da werden Dinge dann aus dem Zusammenhang gerissen. Man müsste sicherstellen, dass es sich nur an die Mitglieder richtet. Eine Offenlegung auf der Geschäftsstelle halte ich für organisatorisch schwierig. Selbst wenn nur 1000Mitglieder in einen über 100Seiten langen Bericht Einsicht haben wollen, müssten über Monate Termine vereinbart werden.

Wie sind Sie mit der Arbeit von Claus Vogt zufrieden?

Hägele: In den Sachpunkten bin ich von Claus Vogt tief enttäuscht. Mir fehlt eine klare Aussage zur Perspektive der Leichtathletik und zum Damenfußball. Wir sind ein Traditionsverein und es gibt kein Museum. Wir brauchen wie in Dortmund eine Fanabteilung. Das sind für mich Punkte, die nach außen nicht richtig in Angriff genommen sind. Von dem, was von Claus Vogt angekündigt wurde, ist bisher zu wenig umgesetzt worden. In der Datenschutzaffäre hat er sich zwar stark für die Mitglieder eingesetzt, aber das ist eine Selbstverständlichkeit.

Strobel: Die Coronakrise kann zwar nicht für alles als Ausrede gelten, in manchen Punkten spielt sie aber sicher eine Rolle. Zum Beispiel bei der Investorensuche oder beim Aufbau einer Frauenfußball-Abteilung. In Stuttgart war ja die Idee, Kooperationen im Frauenbereich einzugehen. Die Gründe, warum manche Sachen nicht umgesetzt werden konnten, müssen auf der Mitgliederversammlung erklärt werden. Bisher hat die Datenaffäre viel Raum eingenommen. Wo ich Claus Vogt sehr positiv wahrgenommen habe, ist in der Außendarstellung, die er nach Wolfgang Dietrichs Amtszeit wieder in bessere Bahnen gelenkt hat. Bevor es zu der Auseinandersetzung kam, waren auch die Mitglieder, die zuvor gespalten waren, wieder näher beieinander. Diesen Riss hat er gekittet.

Hägele: Claus Vogt hat jetzt auf der Mitgliederversammlung die Chance, zu erklären, wie weit die einzelnen Punkte sind. Und wenn ihn jemand bei seiner Arbeit behindern sollte, muss er auch Ross und Reiter nennen.

Offen und transparent lief beim VfB bisher aber wenig ab.

Strobel: Das Thema Transparenz wird von beiden Seiten hochgehängt. Aber für mich mangelt es an der Umsetzung. Auch Hitzlsperger stellt immer wieder Dinge in den Raum, ohne sie klar zu benennen. Das ist für mich ein unhaltbarer Zustand. Ich erwarte, dass die Sachen, die falsch laufen, auch deutlich erklärt werden.

Hägele: Da bin ich mit Ihnen einig, Herr Strobel. Das muss geändert werden. Das ist schlechte Öffentlichkeitsarbeit, uns Mitglieder so im Stich zu lassen. Da braucht es mehr Ehrlichkeit.

Viele Fans fragen sich auch noch, warum bei der Abstimmung über die Ausgliederung am 30. Juni 2017 etwa 3000 im Stadion anwesende Mitglieder nicht gewählt haben.

Hägele: Ich war immer für die Ausgliederung und auch der Großteil der Mitglieder war dafür. Warum es dann so gelaufen ist bei der Abstimmung, weiß ich nicht. Ich habe auch gesehen, dass Leute nicht abstimmen konnten. Das waren aber Menschen, die ich kannte, die für die Ausgliederung waren. Es muss auch aufhören, dass ständig an der Daimler AG herumkritisiert wird. Dieser Investor hat uns 41,5 Millionen Euro gegeben. Mit manchen Dingen muss man sich einfach abfinden. Wenn Daimler aussteigt, hat der VfB einen großen Schaden.

Strobel: Das ist ein schwieriges Thema. Ich war damals selbst in der Untertürkheimer Kurve und kann bestätigen, dass viele Geräte nicht so funktioniert haben, wie sie hätten funktionieren sollen. Ich kann mich noch gut an die tumultartigen Szenen erinnern. Ich bin davon überzeugt, dass ich selbst bei der Abstimmung über die Ausgliederung keine Stimme abgegeben habe. An der Mehrheit für die Ausgliederung hätte sich wahrscheinlich nichts geändert. Es hätten dafür alle mit Nein stimmen müssen und das ist sehr unwahrscheinlich. Vielleicht wäre es knapper gewesen. Damals sind offensichtlich viele Dinge sehr schlecht gelaufen. Ich halte es für falsch, deshalb jetzt die Ausgliederung an sich infrage zu stellen.

Erwarten Sie als Mitglied in dieser Sache aber eine Aufklärung?

Strobel: Es wäre damals ein Thema gewesen. Vorausgesetzt, es handelt sich nicht um strafrechtliche Vergehen der damals handelnden Personen, sehe ich keinen Nutzen in einer weiteren Aufklärung.

Hägele: Der Präsident und der AG-Vorstand müssen prüfen und sicherstellen, dass hierbei strafrechtlich alles sauber ablief, und dann eine Erklärung abgeben, damit das erledigt ist. Wir müssen in die Zukunft schauen.

Wie muss der VfB der Zukunft aussehen?

Hägele: Ich möchte, dass der VfB einen kontinuierlichen Weg nach oben einschlägt und in der Champions League spielt. Das haben wir Mitglieder einfach verdient. Für die Mitgliederversammlung am 18. Juli wünsche ich mir, dass zwei Kandidaten zur Präsidentenwahl vorgeschlagen werden. Weiter möchte ich, dass der Verein sich gesellschaftlich mehr engagiert und der Breitensport eine größere Rolle spielt. Auch Leichtathletik sollte eine größere Rolle spielen, damit die Stadt ein Leichtathletik-Stadion baut und Stuttgart wieder eine echte Sportstadt ist. Das ist im Moment nicht der Fall. Es gibt nur den Fußball-VfB. Das muss nicht von heute auf morgen geschehen, aber ich will einen Plan sehen.

Strobel: Die Champions League muss nicht unbedingt sein, gerade nach den letzten Jahren würde mir eine klare Ausrichtung im sportlichen Bereich ausreichen, die über mehrere Jahre konstant verfolgt wird und vielleicht auch kleinere Krisen übersteht. Auch im Verein wünsche ich mir eine kontinuierliche Weiterentwicklung. Gerade bei der Leichtathletik gibt es ja schon Fortschritte. Der Verein muss sich auch gesellschaftlich positionieren. Das ist für mich sehr wichtig, um mich mit dem Verein zu identifizieren. Eigentlich sehe ich den VfB mit Hitzlsperger und Vogt auf einem guten Weg. Ich würde mir wünschen, dass ihre Zusammenarbeit funktioniert und wir solche Wochen wie zuletzt zeitnah nicht mehr erleben.

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