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„Fair-Play-Gedanke lebt beim Fußball fast nicht mehr“

Seit über 40 Jahren engagieren sich Ralf Kußmaul (rechts) und Klaus Gailing in ihren Vereinen SpVgg Schlößlesfeld 79 und SB Asperg an vorderster Front. Beim Volkssport Nummer eins läuft aus Sicht der beiden Funktionäre schon länger einiges in die falsche Richtung.

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Wenn Sie sich an Ihre Jugendzeit zurückerinnern und auf den Fußball blicken. Was hat sich in den Jahren am stärksten verändert?

Ralf Kußmaul: Die Gesellschaft hat sich prinzipiell verändert. Früher, während meiner Schulzeit, hat man seine Hausaufgaben gemacht und hat dann gekickt. Wir haben im Schlößlesfeld auf einem Parkplatz zwischen den Autos oder auf der Schulwiese gespielt. Es hat damals ja noch keine Handys, Spielkonsolen oder die heutigen Freizeitmöglichkeiten gegeben.

KLAUS GAILING: Ich bin in der Ludwigsburger Weststadt aufgewachsen. Nach der Schule wurde der Ranzen in die Ecke geworfen und dann auf der Straße gekickt. Da waren fast alle dabei. Es gab nur wenige Handballer, Basketball und Tennis war noch ein Fremdwort. Das hat sich später gravierend verändert. Ein bisschen saß der Fußball auch auf dem hohen Ross: Wir sind der Volkssport Nummer eins, das geht immer so weiter.

Stichwort Nachwuchs. Da lief dann mit der Zeit ja auch nicht mehr alles so selbstverständlich und reibungslos.

GAILING: Ich verfolge das schon seit Jahren für den Bezirk Enz-Murr. Da haben über 50 Prozent der Vereine keine A-Jugend mehr. Und bei den anderen 50 Prozent sind 15 Spielgemeinschaften dabei. Und die Entwicklung geht immer schneller in diese Richtung. Noch vor einigen Jahren hatten wir hier im Bezirk 218 aktiv gemeldete Mannschaften. In der neuen Saison sind es nur noch 179. Das wird sich noch beschleunigen. Wann das zum Stillstand kommt, weiß heute noch keiner.

Herr Kußmaul, Sie haben beim Thema Spielgemeinschaften von einem Alarmzeichen gesprochen.

KUßMAUL: Wir haben ja selber versucht, mit 07 Ludwigsburg eine neue Spielgemeinschaft zu bilden. Das hat sich leider zerschlagen. Gott sei dank vielleicht sogar für uns, denn wir sind jetzt wieder vollkommen selbstständig. Erdmannhausen und Steinheim, zwei altein- gesessene Traditionsvereine, haben in der neuen Saison sogar eine Spielgemeinschaft bei den Aktiven. Das muss man sich einmal vorstellen. Das wäre ja früher sicherlich undenkbar gewesen.

Haben Sie als langjährige Funktionäre eine Idee, wie man da gegensteuern kann?

KUßMAUL: Wir haben in Schlößlesfeld jahrelang eine gute Jugendarbeit gehabt. Auch mit Mädchenteams. Bei den Jungs von der F-Jugend bis zur B-Jugend. Aber wenn die Jugendlichen von der B-Jugend in die A-Jugend oder zu den Aktiven hochgehen, haben sie schon ganz andere Interessen. Zudem sind bei uns in einem Umkreis von einem Kilometer drei oder vier weitere Vereine. Für einen kleinen Verein wie Schlößlesfeld ist es schwierig, Jugendarbeit zu betreiben. Die Vereine nehmen sich gegenseitig die Spieler weg. Ich will nicht sagen abgeworben, aber ich habe viele Spieler, die in der Jugend gut waren, verloren. Wir mussten dann jedes Jahr eine Jugendmanschaft abmelden und jetzt haben wir seit Jahren gar kein Nachwuchsteam mehr.

Und das ist im Laufe der Jahre immer schlimmer geworden?

KUßMAUL: Ja, ich bekomme keine Jugend mehr zusammen. Ein Spieler sollte doch alleine entscheiden, bei welchem Verein er spielt. Aber nein, da sagt der Jugendleiter: du bekommst bei uns eine Sporttasche, einen Trainingsanzug und sonst noch was. Die großen Vereine werben die guten Spieler immer mehr ab.

GAILING: Die richtige Lösung hat im Moment keiner. Aber auch wenn das ein wenig negativ behaftet ist: Der Weg über Spielgemeinschaften, sowohl bei der Jugend als auch bei den Aktiven, ist in den nächsten Jahren der einzig gangbare Weg. Meine Prognose ist: Es werden dann von den jetzt noch 179 Mannschaften wahrscheinlich keine 100 mehr sein.

Stichwort Schiedsrichter. Auch da gibt es ja offenbar nicht nur ein Nachwuchsproblem.

GAILING: Da tauchen auch wieder gesellschaftliche Probleme auf. Fehlender Respekt der Spieler, keine Erziehung, der Unparteiische wird schnell beleidigt von den Akteuren. Außerdem viel Theater auf dem Platz und leider auch Gewalt. Zudem haben wir im Fußball als Volkssport Nummer eins ein ganz anderes Publikum als beim Handball oder beim Basketball, wo der Fair-Play-Gedanke noch lebt. Beim Fußball ist der fast nicht mehr vorhanden. Das macht keinen Spaß mehr. Es gibt immer wieder diese Extremfälle, das habe ich in den letzten Jahren immer häufiger erlebt.

KUßMAUL: Ich bewundere ja die jungen Schiedsrichter, aber die verlieren dann natürlich auch relativ schnell die Lust.

GAILING: Die Anzahl der Schiedsrichter wird immer kleiner, das ist ein Problem. Wir hatten in der letzten Saison zwei Spielausfälle mangels Schiedsrichter. Das hat es bei Punktspielen noch nie gegeben.

Inwieweit färbt das Verhalten von Fußball-Profis auf dem Platz auf die Amateurligen ab?

KUßMAUL: Das färbt ab, schon in der Jugend. Schwalben, Elfmeter schinden. Rudelbildungen sind ein typisches Beispiel. Das sieht man im Fernsehen. Ein Pfiff, dann sind gleich zehn Spieler beim Schiedsrichter.

Das schlechte Beispiel fängt oben an und wird dann nach unten transportiert?

GAILING: Es gibt Spiele, da würde ich am liebsten wieder gehen. Da wird von der ersten Minute an provoziert. Man lässt sich fallen, es werden Karten gefordert. Und man selbst hat natürlich nie ein Foul begangen. Das geht über 90 Minuten so und macht keinen Spaß mehr. Einsicht gleich null. Da hat sich vieles zum Negativen hin verändert.

Wie attraktiv ist der Fußball überhaupt noch für den Nachwuchs?

GAILING: Ich kenne inzwischen viele Eltern, die mit allen Mitteln versuchen zu verhindern, dass ihr Kind Fußball spielt. Andere tun ihren Nachwuchs nach der E- oder F-Jugend aus dem Fußball raus und bringen ihn zum Beispiel zum Handball oder Basketball. Meiner Meinung nach ist es nicht mehr der Deutschen Sportart Nummer eins. Wenn sie auf die Bolzplätze gehen, sehen sie immer weniger Fußballer, aber immer mehr Basketballer.

KUßMAUL: Das liegt natürlich auch daran, dass in Ludwigsburg Bundesliga gespielt wird. Die Riesen repräsentieren die Stadt natürlich hervorragend. Wenn die Fußball-Bundesliga spielt und gleichzeitig die Riesen, dann schaue ich immer mehr Basketball. Ich sehe in der Stadt bei vielen Häusern Basketball-Körbe hängen. Früher gab es mehr Bolzplätze und Straßen-Fußballer.

GAILING: Es ist einfach ein anderes Publikum. Wir haben beim SB Asperg seit zwei Jahren eine Basketball-Abteilung. Wenn ich mich da mit den Trainern, Zuschauern oder Abteilungsleitern unterhalte, ist es teilweise eine ganz andere Atmosphäre als beim Fußball, wo es oft keinen Spaß mehr macht.

KUßMAUL: Wir waren auch kurz davor, eine Basketball-Abteilung zu gründen. Das hat sich dann aber zerschlagen. Diese Gedanken gibt es nicht nur hier bei uns, sondern auch in anderen Vereinen.

Das Thema Gewalt im Amateur-Fußball lässt sich auch nicht wegdiskutieren, oder?

KUßMAUL: In Stuttgart gibt es in den unteren Klassen ja fast jedes Wochenende einen Spielabbruch. Und bei uns wird es auch Jahr für Jahr schlimmer. Und was mir auch auffällt, es sind viele ausländische Vereine beteiligt, oft untereinander. Kann man jetzt natürlich hinterfragen, warum ist das so.

GAILING: Früher gab es das so gar nicht. Die negative Entwicklung fing erst 1995 an, als die ausländischen Vereine am deutschen Spielbetrieb teilnahmen. Vorher spielten diese in ihren eigenen Ligen. Viele haben damals gesagt: das ist nicht gut für die Entwicklung. Das ist keine Integration, sondern Isolation. Der Württembergische Fußballverband hat sich auch lange gegen diese Entwicklung gesträubt und war meines Wissens nach der letzte Landesverband in Deutschland, der diese Reform durchgeführt hat.

KUßMAUL: Man sieht das ja bei der Jugend, wenn man sich zum Beispiel Ludwigsburger Vereine anschaut. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind die Nachwuchsteams mit ausländischen Spielern verschiedener Herkunft besetzt. Und wenn die nicht da wären, hätte der Verein auch keine A-Jugend. Das muss man klar sagen.

GAILING: Integration ist ein großes Wort. Bei uns ist sie ebenfalls mit viel Arbeit ganz gut gelungen. Bei unserer Gründung 1979 war dies aber erst mal Jahrzehnte kein Thema. Von den ersten 26 Spielern der Gründungself waren 25 Deutsche und einer Jugoslawe. So war es damals. Heute im Jahr 2020 hat sich das komplett gedreht. Die Mannschaft der letzten Saison bestand vor dem Corona-Abbruch aus 20 Spielern mit der Herkunft aus zehn Nationen von drei Kontinenten. Außer den vier Flüchtlingen, eine weitere Integrationsaufgabe, waren aber fast alle in Deutschland geboren. Der Anteil deutscher Spieler lag bei 20 Prozent. Nebenbei gesagt haben wir in der Kreisliga B mit dieser Multikulti-Truppe die letzten zwei Jahren Platz eins der Fair-PlayTabelle belegt. Uns war es wichtig zu zeigen, dass es auch fair zugehen kann und wir daran mit der Mannschaft arbeiten. Das schließt sportlichen Erfolg nicht aus. Da lagen di Fehler bei uns in letzter Zeit woanders.

KUßMAUL: Es hängt natürlich auch viel von der Mentalität der Spieler ab. Ich sage ganz offen. Wir haben derzeit zwischen 70 und 80 Prozent ausländische Spieler und die deutschen sind in der Minderzahl. Aber es funktioniert. Es hängt eben vom Trainer, Spielleiter und Vorstand ab, wie diese Mannschaft geführt wird. Das ist mit viel Arbeit verbunden im Hintergrund, die keiner sieht.

Sie beide sind jetzt seit über 40 Jahren in diesem Geschäft. Bei allem Frust, den sie erlebt haben, haben Sie sicher auch Spaß an dieser Tätigkeit, sonst wären Sie nicht so lange dabei. Was investieren Sie an Zeit in dieses Hobby, kann man das beziffern?

KUßMAUL: Das grenzt schon an einen Halbtagsjob.

GAILING: Bei mir ist immer mehr dazuekommen. Das ist auch zu viel im Moment. Mit 70 will ich irgendwann auch mal aufhören, auch um anderen Platz zu machen. Ich führe die Männer- und Damenfußball-Abteilung sowie die Basketball-Abteilung beim SB Asperg. Ich denke auch, dass das an einen Halbtagsjob herankommt.

KUßMAUL: Und Leute fürs Ehrenamt zu gewinnen, wird sowieso immer schwerer. Ich sage aber immer: Jeder ist ersetzbar, aber es muss erst mal ein Nachfolger gefunden werden.

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