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Interview

Geprägt durch die Ditzinger Jahre

Mario Estasi ist vom Co-Trainer auf den Chefcoachposten gerückt. Im Interview spricht der 45-Jährige nach dem Umbruch im Team über die Chancen und Risiken mit dem SGV Freiberg in der stark besetzten Fußball-Oberliga.

Kein Hütchenaufsteller: Mario Estasi hat seine eigenen Ideen. Foto: Baumann
Kein Hütchenaufsteller: Mario Estasi hat seine eigenen Ideen. Foto: Baumann

Freiberg. Mario Estasi ist seit Beginn der Vorbereitung Cheftrainer beim Fußball-Oberligisten SGV Freiberg. Der schwäbische Italiener, wie er sich selbst nennt, will mit Freiberg oben mitspielen. Dabei trifft er auf seinen Vorgänger Ramon Gehrmann, der die Stuttgarter Kickers übernommen hat. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der Coach über seine neue Rolle und die Ambitionen am Wasen.

Ist das die stärkste fünfte Liga aller Zeiten?

Mario Estasi: Es ist die stärkste Oberliga der vergangenen Jahre. Einfach weil der VfB Stuttgart.II und die Kickers mit dabei sind. Es gibt zehn Vereine, die ein ähnliches Niveau haben. Von dem her wird das eine superspannende Saison.

Freiberg will seit Jahren in die Regionalliga. Wie groß ist da für sie als Trainer der Druck?

Der Verein ist superambitioniert und in der Oberliga wahrscheinlich einer der Topclubs. Man muss immer die Kickers und den VfB.II ausschließen, die arbeiten unter Profibedingungen. Es ist schwierig, sich mit solchen Vereinen zu messen. Wir müssen da eben etwas mehr machen. Letztes Jahr hatten wir mehr Druck. Da hatten wir eine starke Mannschaft und waren nicht ohne Grund Herbstmeister. Wir haben das leider verspielt. Im Vergleich zum Vorjahr gab es nun einige Veränderungen.

Sehen Sie ihre Mannschaft auf Augenhöhe mit den beiden Teams aus Stuttgart?

Das kann man jetzt noch nicht sagen. Wir haben innerhalb des Kaders noch ein, zwei Positionen zu vergeben. Es kommt auch darauf an, wie es mit Verletzungen läuft. Wir sind ein neues Trainerteam mit einer fast neuen Mannschaft. Mit Marcel Sökler und Maxi Rohr haben wir zwei Leistungsträger verloren und mit Thomas Gentner, Marco Pischorn und Sven Schimmel viel Erfahrung. Unsere Mannschaft hat ein Durchschnittsalter von 22 Jahren. Das ist der Weg, den Freiberg in den nächsten zwei Jahren gehen will. Wir haben aber auch Verstärkungen dazu geholt. Unser Ziel ist es, besser abzuschneiden als im Vorjahr.

Zwei Mal ist Freiberg in den vergangenen zehn Jahren überraschend in die Verbandsliga abgestiegen. Sehen Sie da keine Gefahr?

Da sehe ich keine Gefahr. Ich war ja letztes Jahr auch schon da. Es ist ein weicher Übergang. Die Liga ist sehr attraktiv und nicht einfach. Man muss eben top vorbereitet sein und darf nicht blauäugig in die Runde gehen. Sonst kann es gerade mit einer jungen Mannschaft schnell in die andere Richtung gehen. Da ist es wichtig, dass die erfahrenen Spieler das ein Stück weit vorleben.

Wie wird die Mannschaft sich spielerisch und taktisch verändern im Vergleich zum Vorjahr.

Das fußballerische Element soll beibehalten werden, aber der Fokus liegt auf der Defensivarbeit. Dadurch, dass ich früher selbst Innenverteidiger gespielt habe, ist das ein Hauptaugenmerk von mir. Hauptthema war die letzten Jahre, dass Freiberg superattraktiven Fußball gespielt hat, aber sehr, sehr viele Gegentore bekam. Da müssen wir einen guten Mittelweg finden.

Wie sah Ihre Rolle unter Ramon Gehrmann aus?

Ich war nicht der typische Co-Trainer. Wir waren ja in der Verbandsliga Kollegen, als ich Cheftrainer beim SV Böblingen war. Entsprechend groß war untereinander der Respekt. Wir haben uns im taktischen Bereich ausgetauscht, ich war nicht der Hütchenaufsteller. Ramon und ich haben auf einer Ebene diskutiert.

Was hat sich nun als Cheftrainer verändert? Mussten Sie erst mal ein Exempel statuieren, um sich Respekt zu verschaffen?

Nein, gar nicht. Ich habe durch meinen Beruf sehr viel mit Menschen zu tun und war bereits fast zehn Jahre lang Cheftrainer. Ich bemerke da jetzt keine andere Rolle. Es ist, als wäre ich immer Cheftrainer gewesen. Letztes Jahr war es eben etwas entspannter, weil ich eher in der Beobachterrolle war und bei Entscheidungen nicht im Vordergrund stand.

Sie arbeiten hier nicht mit Profis. Welche Erwartungen haben Sie an die Spieler?

Der Verein hat eine klare Linie. Wir sind nach dem VfB und den Kickers die dritte Macht im Großraum Stuttgart, was die Jugend angeht. Die U.17 spielt in der Oberliga, die U.19 in der Oberliga. Diese Mannschaften trainieren viermal pro Woche. Da ist es Grundvoraussetzung, dass wir im Aktivenbereich auch viermal pro Woche trainieren, auch wenn wir in der Oberliga einer der Wenigen sind, die das machen.

Gibt es keine Überschneidungen mit den beruflichen Verpflichtungen der Spieler?

Man weiß als Spieler, worauf man sich einlässt. So ist es für mich als Trainer ja auch. Für die Spieler, die wir kontaktiert haben, ist das. ganz klar. Es gibt keinen Urlaub während der Punktrunde. Wenn ein Spieler Prüfungen in der Ausbildung oder im Studium hat, geht das natürlich vor. Aber alles andere wird dem Oberliga-Fußball untergeordnet.

Und das funktioniert?

Die Spieler, bei denen wir merken, dass es Probleme geben könnte, sprechen wir offen an, sonst tut man sich keinen Gefallen. Diesen Fall haben wir bei uns aber nicht. Das war mir wichtig, die Mannschaft so entsprechend zusammenzustellen.

Wie wichtig ist es, dass es in der Mannschaft mit der beruflichen Balance der einzelnen Spieler passt?

Das ist ganz, ganz wichtig. Es würde anders nicht funktionieren. Dazu sind wir zu ambitioniert.

Sie waren selbst Spieler. Wie hat sich der Fußball seither verändert?

Wenn ich mir das hier anschaue, wird heute in der fünften Liga ein höherer Aufwand betrieben, als damals zu meiner Zeit in der dritten Liga. Vielleicht nicht in Ditzingen, aber in Kirchheim/Teck haben wir zum Beispiel nur dreimal in der Woche trainiert, als wir Meister in der Oberliga wurden.

Welche Mitspieler haben Sie am meisten beeinflusst?

Sicher die Mitspieler in Ditzingen. Da habe ich mit Leuten wie Guido Streichsbier, Marcus Sorg, Andi Bross oder Ralf Becker gespielt. Das waren Menschen, die mich mit ihrer Professionalität geprägt haben. Wenn ich mir überlege, wie sich Marcus Sorg vor den Spielen immer warm gemacht hat und fokussiert war. Da wusste ich damals schon, dass er mal ganz oben trainieren wird. Dass er sogar Co-Trainer der Nationalmannschaft wird, war natürlich nicht abzusehen. Auch bei Guido Streichsbier war das so, der jetzt die deutsche U 19 trainiert.

Zur Person: Mario Estasi

Mario Estasi (45) ist im Leinfelden-Echterdinger Stadtteil Musberg aufgewachsen und begann dort mit dem Fußball. Er spielte als Aktiver mehrere Jahre in der Regionalliga und der Oberliga für den VfL Kirchheim/Teck und die TSF Ditzingen. Über den VfR Heilbronn wechselte er zum SV Böblingen. Dort übernahm er noch als Spieler das Traineramt und führte den Club in die Verbandsliga. Der A-Lizenzinhaber arbeitet als Vertriebsingenieur bei einem Tübinger Werkzeughersteller, ist verheiratet und hat zwei Kinder. (jai)

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