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VfB Stuttgart

Kommentar: Der VfB benötigt einen Kulturwandel

Wer sich gefragt hat, was die wahren Hintergründe der Unruhe beim VfB Stuttgart sind, ist vergangene Woche um einiges schlauer geworden. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat aus dem Ermittlungsbericht der mit der Aufklärung betrauten Kanzlei Esecon zitiert – und die Erkenntnisse sind erschreckend. Der Verein steht nach den Enthüllungen am Abgrund.

Bild: dpa
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Nahezu alle Führungskräfte des VfB geraten durch die Enthüllungen zum Datenskandal gewaltig unter Druck. Zehntausende Mitgliederdaten des Fußball-Bundesligisten wurden demnach zwischen 2016 und 2018 an eine PR-Agentur weitergegeben, um subtil für die Ausgliederung zu werben. Im Zentrum stehen laut Spiegel der damalige wie heutige Kommunikationschef Oliver Schraft und Rainer Mutschler, heute Präsidiumsmitglied und damals Projektleiter Ausgliederung. Die Vorstände Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing) haben laut Spiegel zumindest davon gewusst. Präsidiumsmitglied Bernd Gaiser und Vorstandschef Thomas Hitzlsperger wird vorgeworfen, die Ermittlungen behindert zu haben.

Jetzt werden die Ermittlungsergebnisse rechtlich bewertet und interpretiert. Doch das Straf- oder Arbeitsrecht ist in dieser Sache eher zweitrangig. Vielmehr geht es um Moral und Vertrauen. Denn klar ist: Die damals und teilweise noch heute handelnden Personen haben die Mitglieder getäuscht, denen sie verpflichtet sind.

Noch mehr Vorwürfe stehen im Raum

Und nicht nur das. Die Vorwürfe stehen seit Ende September im Raum, als der Kicker den Skandal in einem Bericht öffentlich machte. Die Verantwortlichen hatten also die Chance, sich zu erklären, Transparenz zu schaffen und sich zu entschuldigen. Doch stattdessen: Vertuschungsversuche, Gerede von ehrlicher Aufklärung und der üble Versuch der Diffamierung des Präsidenten Claus Vogt unter der Federführung des Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger. Da wundert es kaum, dass die Zusammenarbeit zwischen Präsident Vogt und den Gremien nicht funktioniert habe, wie es Hitzlsperger in seinem offenen Brief Ende Dezember unterstellte. Vogt soll bei seinem Vorhaben, den Skandal aufzuklären, von Beginn an auf verlorenem Posten gewesen sein. Dieser gnadenlose Kampf gegen den transparenten Umgang mit dem Skandal ist vielleicht schwerwiegender als die Taten an sich.

Bisher hat niemand den Mitgliedern den Respekt erwiesen, von seinem Posten zurückzutreten und sich zu entschuldigen. Unbeirrt wollen Gaiser und Mutschler an der Mitgliederversammlung am 18. März festhalten. Es drohen Satzungsänderungsanträge, Abwahlanträge und völliges Chaos. Abgesehen davon ist die technische Umsetzbarkeit einer digitalen Mitgliederversammlung mit potenziell über 70000 Teilnehmern und mehreren Wahlgängen eine wackelige Angelegenheit. Und Teile des Vereinsbeirats scheinen entschlossen, Vogt nicht zur Wahl vorzuschlagen. Die nächste Eskalationsstufe wäre programmiert. Denn wem außer Vogt sollen die Mitglieder unter dieser Voraussetzung vertrauen? Was würde eine solche Bevormundung rechtfertigen? Vogt mag Fehler gemacht haben, doch was ist ihm in der Sache vorzuwerfen? Hätte er die Aufklärung etwa nicht vorantreiben und sich damit selbst verleugnen sollen?

Der VfB steht – mal wieder – vor einer schwierigen Zeit. Die Unruhen sind der letzte Beweis, dass dieser Verein einen Kulturwandel benötigt. Der Niedergang vom Europapokal-Teilnehmer zum Abstiegskandidaten, der zweimalige Absturz in die Zweite Liga, die zahlreichen Streitereien der vergangenen Jahre und nun der Datenskandal: All das scheint zur DNA des VfB zu gehören. So vergiftet wie heute war die Atmosphäre noch nie. Und eine harmonische Zukunft zwischen den Fans und den bisher beschuldigten Personen scheint ausgeschlossen. Es braucht neue Gesichter, auch wenn das Risiko, mehrere Verantwortungsträger auf einmal auszutauschen, groß ist.

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