Logo

Interview

„Wir haben noch etwas Luft“

Ludwigsburger Florian Bollacher, Vizepräsident des WFV, spricht im Interview über den Amateurfußball und die Coronakrise

Leere Stadien und Fußballplätze: Derzeit ruht der Spielbetrieb, wie hier im Ludwigsburger Ludwig-Jahn-Stadion. Notfalls könnte die Saison über den 30. Juni hinaus verlängert werden. Foto: Baumann
Leere Stadien und Fußballplätze: Derzeit ruht der Spielbetrieb, wie hier im Ludwigsburger Ludwig-Jahn-Stadion. Notfalls könnte die Saison über den 30. Juni hinaus verlängert werden. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Florian Bollacher ist einer von drei Vizepräsidenten des Württembergischen Fußballverbandes. Der 45-jährige Hohenecker spricht im Interview mit unserer Zeitung darüber, wie der promovierte Jurist und Richter am Amtsgericht in Bad Cannstatt mit der Situation umgeht, über das Krisenmanagement des Verbandes und mögliche Folgen der Coronakrise.

350_0900_25375_flrian_bollacher_portrait7.jpg

„Ich hoffe, dass wir ein vernünftiges sportliches Saisonende hinbekommen.“

Florian Bollacher
WFV-Vizepräsident

Wie sieht derzeit das Krisenmanagement beim Verband aus?

Florian Bollacher: Unsere Aufgabe als ehrenamtliche Präsidiumsmitglieder ist es, den Verband zu führen und zu vertreten. Das alltägliche Geschäft und den größten Teil der Krisenbewältigung übernehmen die hauptamtlichen Mitarbeiter. Natürlich stellen sich beim WFV die gleichen Fragen, wie in anderen Unternehmen. Solange kein Fußball gespielt wird, gibt es wie in meinem Zuständigkeitsbereich Sportgerichtsbarkeit weniger zu tun. Derzeit wird alles, was möglich ist, von Zuhause aus erledigt und Stunden abgebaut. Auch Kurzarbeit ist ein Thema.

Inwieweit sind Sie in die Entscheidungsfindung eingebunden?

Ich bekomme Informationen über die derzeitigen Abläufe. Maßgeblich beteiligt ist die Geschäftsführung mit den Abteilungsleitern und dem Präsidenten an der Spitze. Das erweiterte Gremium ist das Präsidium, dem ich angehöre. Wir werden über die wichtigen Schritte informiert und geben die Richtung vor. Über wichtige Entscheidungen stimmt das Präsidium ab.

Wie schwer fällt es Ihnen derzeit, Entscheidungen zu treffen. Es wird wahrscheinlich gewisse Verlierer geben?

Das ist eine außergewöhnliche Situation, die ich und alle anderen noch nie erlebt haben. Ich hoffe, dass sich die Bedingungen so positiv entwickeln, dass wir ein sportliches Saisonende hinbekommen. Das gelingt hoffentlich auch den anderen Mannschaftssportarten. Das liegt allerdings nicht allein an unserem Verband. Da müssen wir abwarten, was die Landesregierung und die Gemeinden vorgeben. Im Moment ist das nicht absehbar.

Sind Sie froh, dass Ihre Entscheidungen Sportfragen betreffen und nicht Menschenleben, wie im Falle von Politikern?

Wir im WFV wissen das einzuordnen. Wir lieben alle den Fußball und der Sport leistet einen großen gesellschaftlichen Beitrag, aber andere Bereiche sind im Moment wesentlich wichtiger als der Amateurfußball. Trotzdem werden wir versuchen, unsere Interessen wahrzunehmen. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Vereinen und Mitarbeitern. An erster Stelle steht das derzeit sicher nicht.

Sie sind es als Richter gewohnt, Entscheidungen zu treffen, die für die Betroffenen enorme Konsequenzen haben. Hilft das?

Bei den Entscheidungen, die man als Richter vor sich hat, gibt es ein Verfahren, an dem man sich orientiert. Für die jetzige Situation gibt es keine Blaupause. Auch im Gericht wirft die Coronakrise neue Fragen auf. Zum Beispiel, ob man zur Anhörung in Pflegeheime oder Psychiatrien geht. Da gibt es keine Patentlösungen. Eine gewisse Hilfe ist es dennoch, wenn man schon Entscheidungen treffen musste, mit denen nicht alle zufrieden sind.

Auch Amateurvereine, die kein Geld für Spieler ausgeben, könnten Probleme bekommen, wenn der Sportheimwirt in Not gerät. Droht ein Vereinssterben?

Ich glaube nicht, dass dies flächendeckend droht, darüber habe ich mich vor einigen Tagen mit unserem Geschäftsführer ausgetauscht und er konnte mich in dieser Hinsicht beruhigen.

Wie könnte der Verband Vereinen helfen, die ins Trudeln geraten?

Es haben uns einige wenige Anfragen von Vereinen nach finanzieller Unterstützung erreicht. Leider dürfen wir als gemeinnützige Organisation keine direkten Zuwendungen leisten und es ist zusätzlich die Frage, ob das der Verband in der Summe überhaupt stemmen könnte. Wir haben die Vereine in einem Rundschreiben auf mögliche Anlaufstellen hingewiesen. Wir als Verband stellen uns in jeder Sitzung die Frage, was wir für unsere Vereine vor Ort tun können. Wir bemühen uns, das Beste für unsere Vereine zu leisten.

Wie kann der Spielbetrieb weitergehen?

Da möchte ich mich zurückhalten. Im Verband werden die Szenarien intensiv durchgespielt. Wir haben den Vereinen versprochen, mit einer 14-tägigen Vorlauffrist zu informieren. Bis dahin wollen wir keine Spekulationen fördern. Klar ist, dass die Saison auch über den 30. Juni verlängert werden kann. Wir haben also noch etwas Luft, um eine Entscheidung zu treffen.

Was ist mit rechtlichen Fragen, die folgen, wenn die Unterbrechung andauert, beispielsweise Wechselregularien?

Da werden wir reagieren, so dass keine Nachteile entstehen. Das hängt davon ab, wann und wie wieder gespielt wird. Ich kann versprechen, dass an alle Vereine gedacht wird. Wir haben gerade erst mit Ordnungsänderungen reagiert und Regularien angepasst – beispielsweise zum Vereinswechselrecht und zur Insolvenz.

Autor: