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Interview

„Habe gezeigt, dass ich es draufhabe“

Brian Ankersen, Interimstrainer der SG BBM Bietigheim, blickt vor seinem letzten Spiel als SG-Coach gegen Aufsteiger HSV Hamburg heute auf eine turbulente Saison zurück.

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Foto: Baumann

Bietigheim-Bissingen. Im März übernahm Brian Ankersen überraschend den Cheftrainerposten von Hannes Jón Jónsson beim Handball-Zweitligisten SG BBM Bietigheim. Mit einer beeindruckenden Serie bewahrte der 32 Jahre alte Ankersen die ursprünglich als Aufstiegskandidat gehandelten Bietigheimer vor dem Abstiegskampf. Vor dem letzten Saisonspiel heute gegen den HSV Hamburg (18 Uhr/Viadukthalle) spricht der Däne Ankersen, der bis zu seinem neunten Lebensjahr in Wiesbaden lebte und dessen Lebensgefährtin Emily Sando Torhüterin bei den Bietigheimer Bundesliga-Frauen ist, über seinen Sprung ins kalte Wasser, Motivationsprobleme und erklärt, wieso er nicht Teil des kommenden Trainerteams um Iker Romero sein wird.

Herr Ankersen, als Sie die SG BBM im März übernommen haben, sagten Sie, sie hätten nichts zu verlieren. Was haben Sie in den letzten Monaten gewonnen?

Brian Ankersen: Auf jeden Fall viel Selbstvertrauen. Ich hatte von Anfang an meine Ideen und meine Philosophie. Die letzten Monate haben mich darin bestätigt. Ich habe viel gelernt, auch wie man in gewissen Situationen mit Menschen umgeht. Es hat mir gezeigt, dass ich mich auf dem Niveau beweisen kann. Ich hatte zuvor, als wegen der Pandemie keine Spiele stattfanden, täglich zwei oder drei alte Handballspiele aus verschiedenen Ligen angeschaut, Webinare besucht, Bücher gelesen und zweimal am Tag trainiert, um einfach so gut wie möglich auf solch eine Chance vorbereitet zu sein. Die jüngsten Ergebnisse bestätigen, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Glück gehört dazu, aber Glück haben oft die, die hart dafür arbeiten.

Sie haben die Mannschaft nicht weit entfernt von der Abstiegszone übernommen. Kurz darauf haben Sie von zehn Spielen nur eins verloren. Wie zufrieden sind Sie mit der Saison?

Sehr zufrieden. Es ist überraschend gut gelaufen. Es war mein erster Cheftrainerposten im aktiven Profibereich. Ich hatte mir schon zugetraut, dass ich das draufhätte. Dass es zu solch einer Serie von Siegen gekommen ist, macht mich glücklich.

Wie können Sie sich erklären, dass diese starke Mannschaft, bevor Sie als Trainer kamen, so weit abrutschen konnte?

Wie viele andere Mannschaften hatte das Team Pech mit Corona. Es war aber auch die erste Mannschaft, die knapp vier Wochen in Quarantäne musste. Ich habe mit den Spielern gesprochen: Dass man so viele Nachholspiele machen musste und deshalb zwischenzeitlich Letzter in der Tabelle war, war mental sehr schwierig für sie. Sie kamen einfach nie in einen Rhythmus und wurden immer wieder ausgebremst. Irgendwann haben sich Hannes und die Mannschaft festgebohrt in ihrer Entwicklung, da musste neue Energie rein.

Hätten Sie mit einer so erfolgreichen Entwicklung gerechnet?

Nein. Ich wusste, dass das Potenzial groß ist. Aber dass wir das in so kurzer zeit umsetzen können, daran hatte ich große Zweifel. Die Jungs haben das aber super angenommen. Nach den ersten zwei Wochen war ich überzeugt, dass wir etwas richtig Gutes reißen können.

Der Großteil des Teams bleibt zusammen – wie schätzen Sie die Chancen für diese Mannschaft ein, im nächsten Jahr um den Aufstieg mitzuspielen?

Das wird richtig schwierig, weil vier Mannschaften aus der ersten Liga herunterkommen. Wenn sie aber einen guten Start in die Saison hinlegen, was die letzten zwei Jahre verpasst wurde, traue ich ihnen alles zu. Sie haben das drauf.

Wie sieht es mit Ihrer weiteren Planung aus – wen werden Sie im nächsten Jahr trainieren?

Vom Herzen her würde ich schon gerne noch einmal selbst Handball spielen. Man muss aber darauf schauen, was das Vernünftigste ist – auch für meine Zukunft. Ich bin weiterhin Trainer bei den Mädels hier in Bietigheim (2. Frauenmannschaft und A-Jugend). Aber ich habe natürlich auch große Ziele. Ich bin offen für Gespräche, noch jung, habe aber gerade gezeigt, dass ich es draufhabe. Ich bin zuversichtlich, dass noch irgendwann etwas Größeres kommen wird. Aber das Gesamtpaket muss stimmen. Emily hat noch einen Einjahresvertrag hier und mir macht es Spaß, mit den Mädels zu arbeiten. Außerdem wohnen wir nur zwei Minuten von der Halle entfernt. Ich bin offen – mal sehen, was da noch kommt.

Eine Rolle im Trainerteam von Iker Romero in der ersten SG-Herrenmannschaft wäre also keine Option?

Iker hat von Anfang an mit Sebastià Salvat seinen Co-Trainer mit dabei. Wir haben darüber gesprochen, wie ich das Team unterstützen kann, aber Teil des Trainerteams zu werden, ist unwahrscheinlich. Nicht, weil ich mich nicht verstehe mit Iker, aber vom Cheftrainer zum dritten Trainer zu werden, wäre eine schwierige Situation für die Mannschaft und auch für mich.

In welcher Liga trauen Sie sich zu, als Spieler noch einmal anzugreifen?

Das würde Zweit- oder Drittliga-Niveau sein, denke ich.

Auch als Spielertrainer?

Das könnte eine Möglichkeit sein.

In den vergangenen Wochen ging es – auch wegen der starken Serie Ihres Teams – weder um den Auf- noch um den Abstieg. War es schwer, das Team zu motivieren?

Definitiv. Ich habe da schon kurz vor dem Hamm-Spiel gespürt, dass es eine saulange Saison ist. Normalerweise wäre jetzt schon Urlaub. Alle wissen, dass ein neuer Trainer kommen wird, der sicher auch eine harte Vorbereitung machen wird. Jetzt bei der Hitze Vollgas zu geben, ist nicht leicht. Für mich ist es einfach. Ich will Vollgas geben, aber die Spieler haben fast ein Jahr ohne längere Pause gespielt und trainiert. Da ist es nicht leicht, die Motivation oben zu halten.

Ähnliches gilt wohl auch für das Spiel gegen den Aufsteiger HSV Hamburg – wäre Ihnen lieber gewesen, der HSV hätte den Aufstieg erst im Auswärtsspiel bei Ihnen perfekt machen können?

Ich hätte es schon super gefunden, wenn es für die noch um etwas gegangen wäre. Dann hätten wir ein richtig heißes Spiel, das wäre schön für die Zuschauer und für uns gewesen. Aber ich hatte auch damit gerechnet, dass sie es unter der Woche gegen Hamm fixmachen.

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