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Interview

„Mit diesem Team ist alles möglich“

Im Sommer vergangenen Jahres unterschrieb Michael Kraus einen Zweijahresvertrag beim Bundesligaabsteiger SG BBM Bietigheim. Seither zeigt der 128-fache Handball-Nationalspieler seine Klasse in der 2. Liga.

Mit der SG BBM Bietigheim zurück in die Bundesliga? – Routinier Michael Kraus hat ehrgeizige Ziele. Foto: Baumann
Mit der SG BBM Bietigheim zurück in die Bundesliga? – Routinier Michael Kraus hat ehrgeizige Ziele. Foto: Baumann

Bietigheim-Bissingen. Der inzwischen 36-jährige Weltmeister von 2007 hatte schon in der Bundesliga-Rückrunde der Saison 2018/2019 für die SG BBM gespielt und war mit ihr in die 2. Liga abgestiegen. Am Ende fehlte Bietigheim zum Klassenerhalt ein Tor im letzten Spiel.

Herr Kraus, 2007 wurden Sie noch mit der deutschen Nationalmannschaft Weltmeister. Die EM im Januar, bei der Deutschland Fünfter wurde, haben Sie am Fernseher verfolgt. Wie lautet Ihr Fazit?

Michael Kraus: Im Endeffekt wurde versucht, es so zu verkaufen, dass es ordentlich war. Deutschland verliert aber gegen Spanien und Kroatien. Die anderen Spiele sind gegen Gegner, gegen die wir zu jeder Zeit und an jedem Ort gewinnen müssen. Das Team hat die Pflichtaufgaben erfüllt – mehr aber nicht.

Fiebern Sie als ehemaliger Nationalspieler besonders mit bei Länderspielen?

Ich sitze nicht vor dem Fernseher und mache Jubelstürme, wenn wir gewinnen. Ich verfolge aber schon jedes Spiel. Am liebsten bin ich aber selbst auf dem Feld und kann Einfluss nehmen.

So wie bei der SG BBM Bietigheim. Nach einem schwachen Start haben sowohl Sie als auch das Team immer besser in die Saison gefunden. Wie haben Sie die Hinrunde erlebt?

Fehlstart – das ist das Erste, was mir einfällt. Ich hatte direkt eine Verletzung an meinem Quatrizeps, mit der ich versucht habe, mich durchzuschleppen. Nach acht Spielen haben wir eine Linie gefunden, uns an die Liga gewöhnt und alles, was darin anders ist. Dann waren wir in einem Flow und haben richtig guten Handball gespielt.

Die Winterpause kam also für Sie zum falschen Zeitpunkt?

Ganz genau, ich hätte gerne weitergespielt.

Hat man an der Stimmung in der Mannschaft gemerkt, dass es nicht so gut lief?

Natürlich. Wenn man so Ambitionen wie wir hat, als Erstligaabsteiger, ist das ernüchternd und enttäuschend, wenn man auf Platz 10 oder 11 steht.

Was geht einem Spieler dann durch den Kopf?

Man denkt sich: Wir können das doch alle viel besser, und fängt an, sich zu hinterfragen. Wichtig war aber, die Ruhe nicht zu verlieren. Aus dem Tal mussten wir uns rausarbeiten.

Was sind die Unterschiede zwischen zweiter und erster Liga?

In der zweiten Liga ist nicht mehr alles ganz so taktisch wie in der ersten Liga. Gegen uns als Bundesligaabsteiger sind sowieso alle immer bis in die Haarspitzen motiviert. Wenn wir dann ein bisschen nachlassen, verlieren wir die Spiele eben auch in der zweiten Liga. Im Unterbewusstsein haben wir öfter gedacht, es reichen vielleicht auch 85 Prozent, um ein Spiel zu gewinnen. Das ist aber nicht so.

Sind Ihre Gegenspieler auch motivierter, wenn sie gegen Sie spielen?

Ich merke schon, dass die alle motiviert sind, wenn sie gegen Mimi Kraus spielen. Damit muss man umgehen, darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ich bin jetzt auch erfahren genug und weiß, wie das ist.

Sie haben vergangene Saison am letzten Spieltag den Klassenverbleib gegen den VfL Gummersbach in einem dramatischen Spiel verspielt. Wie lange hat Sie das beschäftigt?

Das war noch lange in unseren Köpfen drin. So wie es lief, war es schmerzhaft, aber daran wächst man auch. Wenn nach sechs Wochen aber die neue Saison losgeht, man in Liga zwei antanzen muss, obwohl wir es eigentlich verdient hätten, in der Bundesliga zu spielen, ist das schon schwer. Alles andere wäre gelogen.

Schon beim Abstieg war Hannes Jon Jonsson Ihr Trainer. Wie würden Sie seine Art beschreiben?

Er ist autoritär, kann aber seine Spieler gut lesen. Er lässt sie auch mal an der längeren Leine. Wenn er aber merkt, dass die Richtung nicht mehr stimmt, zieht er die Zügel an. Dann kann er auch sehr, sehr ungemütlich werden. Er hat aber einen modernen Führungsstil, der mir sehr gefällt. Sein Draht zur Mannschaft ist sehr gut, er kommuniziert viel und hat Lust, talentierte Spieler zu entwickeln.

Was kann er überhaupt nicht leiden?

Unehrlichkeit.

Wie zeigt sich das?

Das ist für ihn auch, wenn er Spielern viele Freiräume lässt und er dann merkt, dass Spieler das ausnutzen und beispielsweise beim Pensum oder Fokus nachlassen. Wenn jemand dann seine Leistung nicht bringt, nervt ihn das einfach.

Sie haben in Bietigheim noch einen laufenden Vertrag bis 2021. Werden Sie diesen erfüllen?

Aktuell ist es so, dass ich vom Körper her auf jeden Fall noch ein Jahr spielen kann, vielleicht noch zwei. Das Pendeln zwischen meinem Wohnort Göppingen nagt aber schon an mir. Das ist belastend. Ich habe drei Kinder und meine Frau daheim. Wenn ich in den nächsten Wochen merke, dass meine Familie darunter leidet, werde ich nicht weitermachen.

Haben Sie denn schon Pläne für die Zeit nach der aktiven Karriere?

Ich werde mich im Fitnessbereich selbstständig machen. Ich habe auch schon ein Projekt in die Wege geleitet. So etwas ist aber gleichbedeutend mit sehr viel Aufwand. Ich investiere da viel Zeit hinein. Das nebenher zu stemmen, ist schon hart. Ich will mich aber unabhängig vom Handball machen. Es gibt nicht so viele Jobs als Trainer oder Sportlicher Leiter. Und fünf oder sechs Jahre spiele ich auch nicht mehr.

Eine Trainerkarriere ist keine Option?

Stand jetzt werde ich kein Handballtrainer mehr. Ich habe aber schon zu viel erlebt, als dass ich sage, das werde ich nie machen. Dafür liebe ich die Sportart zu sehr.

Am Samstag steht gegen Konstanz das erste Pflichtspiel des Jahres an. Was ist in dieser Saison noch drin?

Wir haben uns vor der Saison ein Ziel gesetzt. Das war der Aufstieg. Es gibt keinen Grund, davon abzurücken. Schauen Sie sich unseren Kader an. Mit diesem Team ist alles möglich.

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