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American Football

Football-Camp von NFL-Profi Jakob Johnson: Familientreffen in Ludwigsburg

Beim Football-Camp in Ludwigsburg versammelt Jakob Johnson von den Las Vegas Raiders etliche Größen des US-Sports im Ludwig-Jahn-Stadion. Der Andrang ist riesig und steht für die steigende Begeisterung für eine Sportart, die lange nur ein Nischendasein fristete.

Mit vollem Einsatz und viel Freude dabei: NFL-Profi Jakob Johnson (2. v. l.) hilft auch als Verteidiger aus. Insgesamt nehmen 260 Jugendliche an dem Camp teil. Fotos: Baumann
Mit vollem Einsatz und viel Freude dabei: NFL-Profi Jakob Johnson (2. v. l.) hilft auch als Verteidiger aus. Insgesamt nehmen 260 Jugendliche an dem Camp teil. Fotos: Baumann
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Ludwigsburg. Als Björn Werner den Menschenandrang im Ludwig-Jahn-Stadion sah, erinnerte er sich an seine Football-Anfangszeit in Deutschland. „Sagen wir es so: Wir hatten früher auch Camps, aber kein Schwein hat sich dafür interessiert“, sagte der ehemalige Profi der Nordamerikanischen Football Liga (NFL). In Ludwigsburg war das am Sonntag anders: 260 Nachwuchssportler zwischen elf und 18 Jahren, 80 Helfer und insgesamt rund 1000 Menschen waren zum Jugendcamp der 24/7 American Football School gekommen. Gesicht der Veranstaltung war der Stuttgarter Jakob Johnson. Der Profi des NFL-Teams Las Vegas Raiders stand nicht nur selbst einen Tag als Trainer für die Nachwuchssportler auf dem Platz, sondern hat auch gleich noch einige der bekanntesten Gesichter des deutschen Footballs nach Ludwigsburg geholt.

Björn Werner, David Bada, Chris Ezeala und Marcel Dabo helfen Johnson

„Football ist Familie“, sagte der 30 Jahre alte Werner, der nach seiner NFL-Karriere vielen Deutschen als Gesicht der TV-Übertragungen bei „ran“ bekannt geworden ist, über die Selbstverständlichkeit, sich gegenseitig bei solchen Camps zur Seite zu stehen. „Das ist riesig! Es zeigt, wie zusammengewachsen die Gemeinschaft ist und dass es den Jungs, die gekommen sind, am Herzen liegt“, freute sich Johnson. Neben Werner waren auch die Football-Profis David Bada, Chris Ezeala und Marcel Dabo in Ludwigsburg. Gemeinsam mit Trainern und Spielern des vor einem Jahr gegründeten Football-Teams Stuttgart Surge coachten sie die Jung-Athleten.

Johnson war die Freude am Sport anzumerken. Der Offensivspieler der Raiders schubste Trainings-Dummies über das Feld, gab Tipps, half als Verteidiger aus und warf Pässe in die Hände der Nachwuchssportler. „Er hat ihn!“, schrie er laut über den Ludwigsburger Kunstrasen, als ein junger Receiver einen seiner Würfe artistisch an sich zog.

Football als aufstrebende Sportart

„Das ist etwas, was ich mir immer gewünscht habe. Früher war der Sport in Deutschland leider noch nicht so groß“, schwärmte Chris Ezeala. Der 26-jährige Münchner ist derzeit in der kanadischen Profiliga CFL unter Vertrag, stand 2019 im erweiterten Kader der Baltimore Ravens und hofft auf eine Rückkehr in die NFL.

Tatsächlich gewinnt der Sport in Deutschland immer mehr Aufmerksamkeit. Die Spiele der Ludwigsburg Bulldogs, die das Camp wegen Platzproblemen in Stuttgart kurzerhand und dennoch reibungslos in Ludwigsburg organisierten, gelten zu den bestbesuchten Sportveranstaltungen der Stadt, hinter den Spielen der Bundesliga-Basketballer. Seit 2006 steigen die Mitgliederzahlen im Deutschen Footballverband konstant, aktuell zählt der AFVD 70000 Mitglieder. In diesem Jahr findet in München erstmals ein NFL-Spiel auf deutschem Boden statt.

Stundenlange Anreise der Teilnehmer

„Jetzt das Camp hier zu sehen, wie viele Kids und Familien hier sind, das ist echt sehr cool“, freute sich Johnson. Teilnehmer kamen sogar aus Elmshorn, München, Lübeck oder Berlin in die Barockstadt. Innerhalb kürzester Zeit waren die 65 Euro teuren Plätze für das Camp ausgebucht gewesen. „Man sieht, wie sehr der Sport gewachsen ist und wie viele Kids angefangen haben, Football zu spielen“, so Johnson. Er selbst wolle mit solchen Camps den Nachwuchsspielern ermöglichen, „den Football-Weg zu gehen“.

Wie dieser Weg aussehen kann, darüber wird in der Football-Welt schon länger diskutiert. Johnson ist seit kurzem Teileigentümer der Stuttgart Surge. Das Team in der 2021 gegründeten European League of Football (ELF) genießt die mediale Aufmerksamkeit, um die Vereine wie die Stuttgart Scorpions in der German Football League (GFL) lange und vergebens gekämpft hatten. Kritikpunkt der Scorpions, für die auch Johnson in seiner Jugend spielte, ist die fehlende Jugendarbeit eines Konstrukts wie der Surge, die dennoch Nachwuchsspieler aus anderen Vereinen anwerben, da sie selbst keinen Unterbau mit eigener Jugendarbeit besitzen.

Zu tiefe Gräben?

„Es ist einfach die Umsetzung, die ELF macht das besser“, sagte Ex-ELF-Spieler Ezeala, zudem sei die ELF finanziell besser aufgestellt. Doch auch hier hofft der Münchner, getreu dem von Werner und auch anderen Profis an diesem Nachmittag ausgerufenen Motto „Football ist Familie“, dass die Gräben in Football-Deutschland geschlossen werden. „Wenn jeder versteht, dass Football ein Sport ist und zusammenhält“, so Ezeala, könne man wieder alles in einen Topf werfen.

Bis das soweit sein könnte, liegt viel an den bisherigen deutschen Football-Stars, Pionierarbeit für einen Sport zu betreiben, der bis vor zehn Jahren ein absoluter Nischensport in Deutschland war, seitdem aber immer mehr in die mediale Öffentlichkeit drängt. „Als ich angefangen habe, war der Sport noch unsichtbar“, sagte Johnson. Nun wolle man nicht nur Zuschauer, sondern auch Aktive begeistern. „Unser Ziel ist es, langfristig jedes Jahr zwei bis drei deutsche Spieler zu identifizieren, die wir fördern können und ihnen die Ressourcen geben, um diesen Weg professionell zu gehen“, sagte Johnson, der dafür mit der Up Next International eine Stiftung gegründet hat.

Deutsche NFL-Stars eine Seltenheit

Denn noch sind NFL-Stars aus Deutschland eine Seltenheit. Selbst für Ausnahmespieler wie Ezeala oder den 26 Jahre alte Bada, der im Practice Squad der Washington Commanders um einen Platz im 53-Mann-Kader des NFL-Teams kämpft, ist es jedes Jahr eine große Anstrengung, in der besten Football-Liga der Welt Fuß zu fassen. „Wenn man ihnen die richtigen Ressourcen gibt, kann sogar jemand wie Bada hier den Sprung schaffen“, teilte Johnson lachend im Beisein seines Football-Kumpels eine kleine Spitze aus – wie es innerhalb einer Familie eben so üblich ist.

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