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Interview

Kessing: „Wir sind doch die letzten Generalisten“

Nach fast 17 Jahren wird Clemens Prokop im Herbst nicht mehr für das Amt des Präsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes kandidieren. Jürgen Kessing soll ihm nachfolgen.

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Breit aufgestellt: Jürgen Kessing möchte im November Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes werden. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Bietigheim-Bissingen. Der Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen wurde von einer Findungskommission des DLV und mit Unterstützung des Präsidenten des Württembergischen Leichtathletik-Verbandes und Sersheimer Bürgermeisters, Jürgen Scholz, für das höchste nationale Leichtathletikamt vorgeschlagen. Der 59-Jährige ist als ehemaliger Mehrkämpfer und Handballer dem Sport seit seiner Jugend verbunden.

Herr Kessing, der jetzige Amtsinhaber Clemens Prokop bezieht seine Verbundenheit zur Leichtathletik auf seine aktive Zeit als Weitspringer. Mit 7,93 Meter wurde er in den 60er Jahren bayrischer Meister. Was prädestiniert Sie für das Amt des DLV-Präsidenten?

Jürgen Kessing: Ich glaube, die sportliche Leistung allein ist nicht die Grundvoraussetzung, dieses Amt bekleiden zu können. Aber auch ich komme aus der Leichtathletik. Ich war Mehrkämpfer und meine Lieblingsdisziplin war der Stabhochsprung. Ich war sogar einmal Rheinland-Pfalz-Meister.

Erinnern Sie sich noch an Ihre beste Höhe?

Das war in den 70er Jahren, es waren zwischen 4,50 Meter und 4,60 Meter, also ganz ordentlich. Auch im Zehnkampf war ich gut aufgestellt. Später hatte ich die höchste Trainerlizenz und war im Olympiastützpunkt Mannheim als Sprungtrainer tätig.

Man kennt Sie als Handballer und ehemaligen Präsidenten des Zweitligisten Dessauer SV. Zudem waren Sie eine Zeit lang als Oberbürgermeister-Kandidat in Stuttgart und als VfB-Präsident im Gespräch. Was reizt Sie so sehr am Amt eines Sportfunktionärs?

Beim VfB Stuttgart bin ich gefragt worden, ob ich mir die Aufgabe vorstellen könne. Aber das wäre hauptamtlich gewesen. Das Amt beim DLV ist ehrenamtlich und das ist eine ganz andere Belastung. Ich denke, dass ich als Bürgermeister sehr breit aufgestellt bin, da ich in dieser Funktion sehr vielfältige Aufgaben habe. Das beginnt mit der Vorbereitung von Beschlüssen und geht bis zur Leitung von Sitzungen und der Repräsentation unserer Gemeinde. Wir Bürgermeister sind doch irgendwie die letzten Generalisten.

Clemens Prokop scheidet auch im Zorn, weil er ständig mit IOC-Präsident Bach aneinandergeraten ist. Wie sehen Sie die Doping-Problematik?

Die ist sicher gegeben. Es gibt in den Kontrollen weltweit nicht die gleichen Maßstäbe. Bei uns ist die Dichte sehr hoch. Doping ist ein Dauerthema, das momentan wieder aufflackert. Wir müssen dringend etwas tun, denn wenn wir nichts tun, haben wir schon verloren. Gerade wir Funktionäre kämpfen um eine gute Zusammenarbeit, denn die Athleten haben Anspruch auf einen sauberen Sport, unabhängig von den Sportarten.

Stichwort Spitzensportreform und Jagd nach Medaillen. Unterstützen Sie die jetzt gefundenen Regeln, nach denen auch talentierte Leichtathleten aus der Förderung fallen könnten?

Die Gefahr dabei ist, dass wir Talenten nicht mehr die Zeit geben, sich entwickeln zu können. Das muss man auch disziplinspezifisch sehen. Aber die Reform bietet eine Basis, auf der wir arbeiten können.

Was halten Sie von neuen Rekordlisten?

Das wird man intensiv diskutieren müssen, es wäre ein Ansatz. Dass heute Frauen über 400 Meter eine Zeit um 47 Sekunden laufen, ist nicht mehr erkennbar, wohl aber, dass es seinerzeit nicht mit rechten Dingen zuging. Insofern hat ein Umdenken seine Berechtigung, aber dafür braucht es eine breite Mehrheit.

Wie wollen Sie den Sport im Kreis weiter fördern?

Da sind zunächst die Vereine gefordert. Das Trainingsangebot ist gut, auch der Olympiastützpunkt Stuttgart hat hoch qualifizierte Trainer. Da kann sicherlich wieder etwas wachsen. Dazu bedarf es aber Unternehmen, die junge Talente fördern. Die Leichtathletik braucht wieder den Stellenwert, der ihr zusteht.

Glauben Sie wirklich, die Doppelbelastung Oberbürgermeister und DLV-Präsident unter einen Hut zu bekommen?

Ich denke, ja. Sonst wäre ich sicher nicht bereit, zur Verfügung zu stehen. Der DLV hat einen sehr guten, professionellen Unterbau, der Präsident muss nicht alles machen. Gemeinsam können wir einiges schaffen.

Es gibt jetzt schon Kritik im Gemeinderat. Bleiben Sie bis 2020 Oberbürgermeister von Bietigheim-Bissingen?

Man muss sehen, woher der Schwanengesang kommt. Ich bin bis 2020 gewählt und ich sehe keinen Grund, das Amt aufzugeben. Wenn es die Gesundheit zulässt, kann ich mir auch eine weitere Periode vorstellen.