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Interview
Leichtathletik-Präsident Jürgen Kessing über WM-Auftritt: „Wir sind im Tal der Tränen“

Mit der WM-Bilanz kann Jürgen Kessing bislang nicht zufrieden sein. Foto: Bernd Thissen/dpa
Mit der WM-Bilanz kann Jürgen Kessing bislang nicht zufrieden sein. Foto: Bernd Thissen/dpa
Die deutschen Sportlerinnen und Sportler bleiben bei der Leichtathletik-WM in Eugene (USA) auch am sechsten Wettkampftag weit hinter den Erwartungen zurück. Jürgen Kessing, Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), sieht trotz des Debakels einen Silberstreif am Horizont.

Ludwigsburg. Am Mittwochmorgen war Jürgen Kessing in seiner Unterkunft nahe dem Hayward Field Stadion in Eugene/Oregon noch guter Hoffnung. Am Abend (Ortszeit) wurden aber erneut die Erwartungen des DLV-Präsidenten auf eine erste Medaille für das deutsche Team zerschlagen. Die drei hoch dotierten deutschen Diskuswerferinnen, die das Finale erreicht hatten, konnten nicht an ihre Leistungen anknüpfen. Konstanze Klosterhalfen über 5000 Meter und Hindernisläuferin Gesa Krause sorgten auf der Tartanbahn nicht für beste Stimmung. Zuvor war bereits die Stuttgarterin Marie-Laurence Jungfleisch in der Hochsprungqualifikation gescheitert. Mehrere Athleten hatten im Vorfeld ihre Teilnahme absagen müssen. „Ja, wir sind momentan im Tal der Tränen“, räumt Bietigheim-Bissingens Oberbürgermeister Kessing im Gespräch mit unserer Zeitung ein.

Herr Kessing, die bisherige WM-Bilanz muss – gelinde gesagt – als durchwachsen bezeichnet werden. Vor drei Jahren in Doha gab es immerhin sechs Medaillen für das DLV-Team. Wie erklären Sie dieses Debakel?

Jürgen Kessing: „Das ist in der Tat nicht zufriedenstellend, und es ist auch nicht das, was wir erwartet haben. Jetzt eine Bilanz zu ziehen, ist aber generell schwierig. Wir müssen berücksichtigen, dass in Eugene die weltbesten Athleten antreten. Es gab sehr viele überraschende Ergebnisse. Andererseits stehen wir im Nachwuchs-Ranking sehr gut da und es gibt noch Luft nach oben. Wir sollten abwarten, die guten Leistungen kommen noch.

Im Hochsprung scheiterte Marie-Laurence Jungfleisch in der Qualifikation. Mit der 17-jährigen Kornwestheimerin Johanna Göring hat eine badenwürttembergische Springerin zuletzt als Vize-Europameisterin in Jerusalem überzeugt. Meinen Sie diese Talente?

Ja, wir haben eine sehr gute Jugend. Im U23-, U20 und U18-Bereich tut sich sehr viel. Johanna Göring ist der beste Beweis dafür. Wir sollten noch zwei bis vier Jahre warten.

Haben Sie eigentlich engen Kontakt zu den Athleten?

Ich habe Kontakt zu sehr vielen Athleten, aber auch zu vielen Funktionären. Schließlich ist mein Amt in erster Linie repräsentativ. Durch Corona sind die Begegnungen aber eingeschränkt.

Hinzu kommt, dass die Situation der Sportlerinnen und Sportler hier vor Ort sehr bescheiden ist. Die Teams sind in Gemeinschaftszimmern untergebracht, die Nasszellen sind auf dem Flur. Da hat das Virus natürlich beste Chancen. Eigentlich sind die Unterkünfte einer WM nicht würdig.

Die Sportförderung ist an die Ergebnisse bei internationalen Wettkämpfen gekoppelt. Fürchten Sie nun Konsequenzen?

Wir sind im Tal der Tränen. Aber wir haben junge, tolle Sprinter und Sprinterinnen, wie zum Beispiel die Staffel oder auch Elisa Lechleitner vom LAZ Ludwigsburg. Die Hoffnungen sind groß, aber wir wollen die Athleten nicht unter Druck setzen. Auch im Zehnkampf ist die Konkurrenz sehr stark, doch auch hier haben wir tolle Athleten. Wir sollten die Schlussbilanz erst am letzten Tag ziehen.

Welche Rolle spielt die EM in München, die ja schon in drei Wochen (15. bis 21.August) beginnt?

Tatsächlich wird es in München eine zweite Möglichkeit geben. München wird ein ganz anderes Kaliber. Dort werden statt 192 Ländern nur 48 Nationen vertreten sein. Den Teamgeist spürt man schon hier, und wir hoffen, dass in München der Funke überspringt.

Sie haben sich bereits zum Ausschluss der russischen Athleten von der WM geäußert. Welche Perspektiven sehen Sie?

Es sind ja nicht nur russische, sondern auch belarussische Athleten ausgeschlossen. Auch Funktionäre sind betroffen. Das tut uns sehr leid, aber solange sich nichts ändert und der Krieg nicht aufzuhalten ist, ist das nicht zu ändern. Wir müssen eine friedliche Lösung finden.