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Ringen

Olympiasiegerin Rotter-Focken war auch schon im Kreis erfolgreich

Vor sechs Jahren war Aline Rotter-Focken gerade zum ersten Mal Weltmeisterin und zu Gast bei einem Turnier in Kirchheim. Unsere Sportredaktion nutzte diese Gelegenheit, um mit der Olympiasiegerin von Tokio zu sprechen und einen Blick auf das Frauenringen zu werfen. Der Bericht aus dem Jahr 2015: Ringen gilt als Männersport, vor allem in Württemberg. In der Kirchheimer Schulsporthalle zeigten nun fast 200 Schülerinnen und Frauen Ringsport auf hohem Niveau. Sogar die amtierende Weltmeisterin war bei den vom KSV Kirchheim organisierten offenen baden-württembergischen Meisterschaften dabei – als Ringerin und als Trainerin.

Vorbild für viele Ringerinnen: Aline Rotter-Focken. Foto: Foto: Aaron Favila/dpa
Vorbild für viele Ringerinnen: Aline Rotter-Focken. Foto: Foto: Aaron Favila/dpa

Kirchheim.. Die 23-jährige Aline Focken fuhr nicht in der Erwartung den Titel zu holen zur Weltmeisterschaft nach Usbekistan. Höchstens eine Medaille hatte sie sich ausgemalt – wenn es gut läuft. Der Tag startete aber eher schlecht. Irgendwie kam sie nicht richtig in Gang, erzählt die Krefelderin: „Ich habe mich anfangs nicht gut gefühlt. Dann lief es immer besser und plötzlich war ich im Finale.“

Dort stand ihr die Japanerin Sara Dosho gegenüber, die als Favoritin galt. Das Duell war eng. Sieben Sekunden vor dem Ende ging Focken mit 5:4 in Führung. Dabei dachte sie im ersten Moment, ihre Gegnerin hätte die Punkte bekommen. „Erst als ich meine Trainer schreien hörte, begriff ich, dass ich in einem WM-Finale vorne liege“, blickt die Studentin zurück. Die restlichen sieben Sekunden bis zum Gong verbrachte sie in Panik: „Ich dachte nur: Aline, renn um dein Leben.“

Und so klappte es viel früher als erwartet mit dem ersten Weltmeistertitel. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich das so jung schaffe“, freut sich Focken auch vier Monate später.

Der Titel hat sie populär gemacht. Und zu einem Vorbild. Eine Rolle, die sie ausfüllt. In Kirchheim sind alle Blicke auf sie gerichtet.Sie betreut einen Teil ihrer zehnköpfigen Jugendgruppe, die sie in ihrer Heimat Krefeld trainiert. Zwischendurch wird die Athletin immer wieder von kleinen Nachwuchsringerinnen um ein Autogramm gebeten. An solche Situationen hat sich Focken noch nicht gewöhnt: „In der Regel vergesse ich meine Autogrammkarten. Ich habe alles noch nicht so richtig realisiert.“

Von einer Trainingsgruppe in einem Verein, wie beim KSV Germania Krefeld, kann Matthias Krohlas nur träumen. Er leitet die Frauen-Talentfördergruppe des Württembergischen Ringerverbandes (WRV). Krohlas versucht früh, ambitionierte Ringerinnen in zentralen Trainingsgruppen im Stützpunkt einzubeziehen: „Mädchen wollen auch unter sich trainieren. Aber das ist in den Vereinen kaum praktikabel.“ Denn oft sind es nur vereinzelt Mädchen, die den Ringsport für sich entdecken. „Am Turnierbetrieb werden es nicht mal 20 sein“, schätzt Krohlas die Zahl aktiver Jugendringerinnen im WRV.

Der deutsche Ringerbund (DRB) vermutet, dass es im ganzen Bundesgebiet etwa 1000 Ringerinnen gibt. Südbaden und Nordrhein-Westfalen seien führend, wie DRB-Generalsekretär Karl-Martin Dittmann sagt. „Die Vereine müssen besser werben“, fordert Landestrainer Krohlas. Denn seiner Meinung nach bietet Ringen dem weiblichen Nachwuchs viele Vorteile: „Es ist gut für die Selbstverteidigung und stärkt das Selbstvertrauen. Man lernt, sich durchzubeißen.“

Aline Focken hat durch den Ringsport ebenfalls gelernt, sich durchzubeißen. Sie wuchs in einer Ringer-Familie auf und ging schon früh auf die Matte. Der Vater, Jugendtrainer des Vereins, nahm sie mit zum Training. Ihre Karriere lief aber nur schleppend an: „Ich habe die ersten Jahre nur auf die Mütze bekommen und fast nur verloren.“ Trotzdem blieb sie dabei. Mit elf Jahren wurde sie belohnt und gewann ihr erstes Turnier.

Auf die Frage, ob sie ab und zu mit Vorurteilen konfrontiert wird, schüttelt sie lächelnd den Kopf: „Natürlich gibt es die, aber die sind erledigt, sobald mich die Menschen kennen lernen. Da hatte ich nie Probleme.“

Beim Wettkampf – den offenen baden-württembergischen Meisterschaften – in Kirchheim folgte ein weiterer ihrer mittlerweile unzähligen Turniersiege. Ihr nächstes großes Ziel hat Focken bereits vor Augen: „Ich will zu Olympia 2016 nach Rio.“ Unterstützt wird die ehrgeizige Sportlerin von ihrer Familie, ihrem Verein und ihrem Freund Jan Rotter, der ebenfalls dem DRB-Kader angehört.

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