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SVK: Traditionsverein contra Spaßgesellschaft

Mit einem Festakt im Kulturzentrum K ist der SV Salamander Kornwestheim in sein Jubiläumsjahr gestartet – Festredner Jürgen Kessing

Gastredner in Kornwestheim: Jürgen Kessing.Foto: Oliver Bürkle
Gastredner in Kornwestheim: Jürgen Kessing. Foto: Oliver Bürkle

Kornwestheim. Die Wurzeln des SV Salamander Kornwestheim reichen bis ins Jahr 1894 zurück. Zahlreiche Gäste waren der Einsladung ins Kulturzentrum K gefolgt, um die 125-jährige Geschichte Revue passieren zu lassen, aber auch, um den Blick in die Zukunft zu richten.

Welche Bedeutung ein Traditionsverein in der heutigen Zeit hat und vor welchen Herausforderungen er steht, damit hat sich Jürgen Kessing, Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes und Oberbürgermeister der Stadt Bietigheim-Bissingen, in seinem Festvortrag beschäftigt. Auch wenn er durchaus nachdenkliche Töne anschlug, so bescheinigte er dem SV Salamander Kornwestheim mit seinem Präsidenten Gerhard Bahmann an der Spitze sich mit der Kindersportschule (Kis), dem Funsportzentrum und hauptamtlichen Trainern auf dem „goldrichtigen Weg“ zu befinden.

Rund 7000 Mitglieder gehören dem Verein an, der über 20 verschiedene Abteilungen verfügt. Im Jahr 2006 sind der Fußballverein, der Turnverein und die Eisenbahnersportgemeinschaft zum SV Salamander Kornwestheim fusioniert. „Viele Vereinsfusionen scheitern an der Eitelkeit der Beteiligten“, gab Kessing zu bedenken, der an die Erfolge des SV in Handball, Fußball, Leichtathletik und Eishockey erinnerte.

Mit dem Bau des Funsportzentrums inklusive Kletterhalle habe der Verein Maßstäbe gesetzt. „Heute gehört der SV Salamander zu den größten Mehrspartenvereinen im Land“, so der Festredner. Doch welche Bedeutung hat ein Verein in der heutigen Zeit? Was früher üblich war, nämlich dass sich ganze Familien in und für einen Verein engagieren, sei heute eher die Ausnahme. Die Ehre, die mit dem Ehrenamt verbunden ist, habe dagegen kaum noch anziehende Wirkung. Viele Menschen würden sich nur engagieren, wenn sie persönlich einen Nutzen davon hätten. Fitnessstudios und E-Sport mit Computerspielen seien zur Konkurrenz des Vereinssports geworden. Zu einer festen Zeit an einem festen Ort zu trainieren sei angesichts der Flexibilisierung der Arbeitswelt kaum mehr zu vereinbaren. „Mehr wollen, aber wenig dafür tun, das ist der Trend in der Spaßgesellschaft“, so Kessing. Hätten die Kinder vor zehn, 15 Jahren Pilot, Feuerwehrmann oder Arzt als ihren Traumberuf genannt, laute heute immer häufiger die Antwort „Superstar“. Der Leistungsgedanke werde heute ebenso wenig vermittelt wie der Umgang mit Niederlagen und Frust. „Die Kinder lernen, Anstrengung zu vermeiden und verrammeln sich von innen in ihrer Komfortzone. Die Spaßgesellschaft könnte zum Totengräber der Vereine werden“, gab Kessing zu bedenken. Denn diese Tendenz erschwert es den Vereinen, sportlichen Nachwuchs zu gewinnen und zu fördern. Befinde sich jedoch der Spitzensport im Sinkflug, werde sich das auch negativ auf den Breitensport auswirken.

Viele Menschen treiben heute jenseits der Vereine Sport, ob im privaten Rahmen oder im Fitnessstudio. Wer trotzdem Mitglied in einem Verein sei, habe einen hohen Anspruch, oftmals ohne einen angemessenen Preis für die erbrachte Leistung zu zahlen. „Vereine müssen die gesellschaftliche Herausforderung annehmen“, appellierte der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes an seine Zuhörer.

Professionalisierung ist für ihn die Lösung. Kessing richtete den Blick in den hohen Norden nach Island mit seinen 330 000 Einwohnern. Dort gibt es ein dichtes Netz an Angeboten und einen hohen Anteil an hauptamtlichen Trainern. Einige seien morgens Zahnarzt und nachmittags Trainer. „Nicht das Anfangen wird belohnt, sondern das Durchhalten“, nannte Kessing einen weiteren Aspekt. Traditionsvereine haben seiner Meinung nach eine Zukunft, weil man zwar Erfolge, nicht aber Tradition oder Identifikation einkaufen könne.

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