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Lange Turnanzüge

Turnerinnen der KSV Hoheneck setzen mit Ganzkörperanzügen ein cooles Zeichen

Die Turnerinnen der KSV Hoheneck werden am 22. Mai in der Hohenecker Kugelberghalle in der 3. Liga mit neuen Turnanzügen starten. Das kommt einer Revolution in der Welt der Turnerinnen gleich. Das umstrittene Thema wird in den Sozialen Netzwerken diskutiert, die KSV-Turnerinnen selbst sind begeistert.

Fühlen sich in den neuen Anzügen wohl (v.l.): Mona Ziegler, Valentina Herbst, Carolin Knoch, Alexandra Hei, Amy Fischer, Lara und Maren Kauderer, Joana Lamatsch.Foto: Georg Hrivatakis.
Fühlen sich in den neuen Anzügen wohl (v.l.): Mona Ziegler, Valentina Herbst, Carolin Knoch, Alexandra Hei, Amy Fischer, Lara und Maren Kauderer, Joana Lamatsch.Foto: Georg Hrivatakis.
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Ludwigsburg. Die Turnerinnen der KSV Hoheneck haben neue Turnanzüge. Das wäre eigentlich keinen Artikel in der Zeitung wert – da es sich um lange Turnanzüge handelt, allerdings schon. Vergangen Donnerstagabend veröffentlichte der Verein auf Instagram Bilder und Videos in den neuen Einteilern. „Ich bin froh, dass es nach dieser monatelangen Vorarbeit raus ist. Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden“, berichtet Trainerin Uta Ziegler und erzählt von zahlreichen Reaktionen. Wie präsent das Thema ist, zeigen auch die Zahlen auf dem Sozialen Netzwerk TikTok: Erst am Freitag gepostet, hat das Video in den neuen Anzügen Stand Dienstagmittag über 180000 Aufrufe und über 12000 Likes.

Um die Größe der Thematik zu verstehen, muss etwas ausgeholt werden: Jahrzehnte lang turnten Frauen und Mädchen in kurzen Turnanzügen, ohne dass die Beine verdeckt sind, vergleichbar mit einem Badeanzug. Bis die Frauen des deutschen Nationalteams im vergangenen Jahr bei der Europameisterschaft in Basel erstmals in langen Anzügen starteten. Das wiederholten sie regelkonform bei vielen internationalen Wettkämpfen, unter anderem den Olympischen Spielen, und sorgten für ein gewaltiges Medienecho – sogar die New York Times berichtete.

Nachahmerinnen gab es bisher nirgends auf der Welt. Spätestens am 22. Mai wird sich das aber ändern, wenn in der Hohenecker Kugelberghalle die KSV-Turnerinnen in der 3. Liga starten. „Wir wollten das erste Team in der Deutschen Turnliga sein, das mit den langen Anzügen antritt“, erklärt Trainerin Uta Ziegler. Gerätturnen beinhaltet gerade bei den Frauen viele Elemente, bei denen die Beine gespreizt sind. „Kein Mensch möchte zwischen die Beine fotografiert werden“, erklärt KSV-Turnerin Carolin Knoch einen Teil des Problems. Nationalturnerin Kim Bui, die bei der EM und Olympia Teil der Anzugsrevolution war, nennt ein weiteres Argument für die langen Anzüge: „Untenrum kann nichts verrutschen. Bei den kurzen Anzügen muss man alles gut festkleben, dass nicht eine Pobacke plötzlich frei ist“, und ergänzt im Gespräch mit unserer Zeitung: „In den langen Anzügen ist das viel entspannter und am Ende zählt die Leistung und nicht, ob wir kurz oder lang anhaben, sondern wir die Wahl haben, wie wir uns wohler fühlen.“

Begeistert von den neuen Anzügen

Amy Fischer, mit 18 Jahren eine der jüngeren KSV-Turnerinnen, ist begeistert von den neuen Anzügen: „Es ist total angenehm und ist wie eine zweite Haut. Jetzt unseren Vorbildern nachzueifern und ein Zeichen zu setzen ist cool“. Umgewöhnen mussten sich die Hoheneckerinnen nicht, nach dem ersten Training „in lang“ waren alle begeistert.

Der Weg dahin war lange: Die ehemalige Bundestrainerin Ulla Koch, die bei besagter EM die Turnerinnen betreute, sah vergangenen Herbst auf Facebook einen Zeitungsartikel. Darin beklagte das KSV-Team die Hindernisse zur Anschaffung von langen Anzügen und Koch stellte den Kontakt zur Schneider Stefanie Kusemann, die die Anzüge des Nationalteams näht, her. Denn bisher gibt es keine Anzüge in Massenproduktion aus dem Katalog. Dementsprechend teuer sind die Anzüge, die KSV zahlte pro Stück über 200 Euro. Ohne erste Sponsorenzuschüsse im Herbst wäre das nicht möglich gewesen.

Spendenaktion hilft KSV-Turnerinnen

„Ich fand den Anspruch klasse, unseren Weg mitzugehen und war aber traurig, dass es für Vereine so schwer ist“, erklärt Koch, mittlerweile Vizepräsidentin Olympischer Spitzensport beim Deutschen Turner-Bund. Sie will bei der Premiere am 22. Mai live vor Ort sein, um dort die „wunderschönen“ Anzüge beim ersten Einsatz zu sehen. Ein wichtiger Punkt für Koch ist es, dass die langen Turnanzüge „keine Modeerscheinung sein sollen, sondern ein Zeichen, dass die Turnerinnen sich wohl fühlen“.

Erstmal sind nur Anzüge für das erste Team in der dritten Liga und das zweite Team in der Oberliga genäht. Die KSV möchte alle Teams mit den neuen Anzügen ausstatten, durch eine Spendenaktion der VR-Bank Ludwigsburg sind schon über 9000 Euro zusammengekommen. Vermutlich werden die Turnerinnen vom Serienmeister MTV Stuttgart am 21. Mai schon in „lang“ turnen. „Die Entscheidung der Stuttgarterinnen ist kurzfristig und hat mich erst total getroffen, weil ich dachte wir sind die Ersten. Grundsätzlich geht es um die Sache, wir wollen das Thema voranbringen, das machen wir“, so Trainerin Ziegler. Die KSV-Turnerinnen Knoch und Fischer sind sich einig, dass sie auch in Zukunft mal wieder in „kurz“ turnen wollen. „Es sollte einfach normal werden, das jede turnen kann, wie sie möchte“, erklärt Routinierin Knoch und Fischer ergänzt: „Es geht hauptsächlich darum, dass wir Turnerinnen uns wohlfühlen“.

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