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Interview

DOSB-Sportchef Schimmelpfennig: «Mir tun alle Sportler leid»

Für den Vorstand Leistungssport des Deutschen Olympischen Sportbundes, Dirk Schimmelpfennig, wäre die Austragung der Tokio-Spiele eine wichtige Etappe auf dem Weg «in eine neue Normalität». Trotz einer nicht zu erwartenden Chancengleichheit.

Dirk Schimmelpfennig
Dirk Schimmelpfennig, Sportchef des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB). Foto: Arne Dedert/dpa

Frankfurt/Main (dpa) - Der Leistungssportchef des Deutschen Olympischen Sportbundes hat in der anhaltenden Pandemie seine Zuversicht nicht verloren.

«Wir hoffen und glauben, dass sich die Situation in den nächsten Wochen und Monaten verbessern wird und wir im Sommer in Tokio schon wieder andere Rahmenbedingungen haben werden», sagte Dirk Schimmelpfennig im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Für die Athleten sei es «es wichtig, dass die Spiele 2021 in Tokio ausgetragen werden».

Wir haben den zweiten Lockdown wegen der Pandemie nach rapide steigende Infektionszahlen in Europa und der Welt. Wie schätzen Sie die Situation für den deutschen Sport mit Blick auf die Olympischen Spiele 2021 in Tokio ein. Wird Ihnen langsam bange?

Dirk Schimmelpfennig: Wir haben mit dem zweiten Lockdown wieder eine sehr schwierige Phase in unserem Land, in der Welt und eben auch im Sport. Wir hoffen und glauben aber, dass sich die Situation in den nächsten Wochen und Monaten verbessern wird und wir im Sommer in Tokio schon wieder andere Rahmenbedingungen haben werden.
Die Olympischen Spiele sind ein Kräftemessen der besten Athleten. Nun sind die Trainingsbedingungen auf der Welt wegen der Pandemie unterschiedlich. Kann es in Tokio Chancengleichheit geben?

Schimmelpfennig: Das kann man so pauschal noch nicht beantworten. Es gibt Sportler in Deutschland, die sind mit ihrem Trainingsbedingungen zufrieden und entwickeln Leistung. Es fehlt vielen Athleten natürlich an Wettkämpfen. Es ist eine Situation, die für viele Sportler, Trainer und Betreuer ein gutes Stück von der Normalität entfernt ist.

Im Sommer gab es eine reduzierte Zahl von Wettkämpfen. In der Halle wird es angesichts der größeren Infektionsgefahr in geschlossenen Räumen schwieriger werden!

Schimmelpfennig: Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: In den Wettkämpfen bekommt der Athlet die Rückmeldungen über sein Leistungsvermögen, gleichzeitig geben sie Ansporn und Perspektive. Von den Sportlern hören wir in der Tat, dass diese Motivation durch Wettkämpfe fehlt, wenn man ständig nur im Training ohne oder mit nur wenigen Wettkämpfen ist.

Wie sieht es mit den restlichen Olympia-Qualifikationen aus?

Schimmelpfennig: Wir hoffen, dass sie bis zum Ende des zweiten Quartals 2021 umgesetzt werden können. Deshalb ist es wichtig, dass sich das nationale und internationale Wettkampfgeschehen nun in den nächsten Wochen und Monaten wieder verstärkt.

Gibt es einen Zeitpunkt, wann die Qualifikationen vor Olympia abgeschlossen sein müssen?

Schimmelpfennig: Die Qualifikationen müssen Anfang Juli abgeschlossen sein. Die internationalen Verbände sind nun in dieser Pandemie extrem gefordert, Lösungen für die Umsetzung der Qualifikationen zu finden. Das Internationale Olympische Komitee hat mitgeteilt, dass die internationalen Verbände ihre Qualifikationen noch bis Ende dieses Jahres festlegen können. Man sieht aber, dass viele Verbände ihre Ausscheidungen bereits in das zweite Quartal 2021 verschoben haben.

Chancengleichheit hin und her: Müssen die Olympischen Spiele stattfinden, um ein Leuchtturm der Hoffnung für den Sport zu sein?

Schimmelpfennig: Wir haben Athleten, die über Jahre daraufhin trainieren und für die es der Höhepunkt ihrer Karriere sein soll. Für die Athleten - und die sollte man in den Fokus stellen - ist es wichtig, dass die Spiele 2021 in Tokio ausgetragen werden. Für ihre Trainer natürlich auch. Für Athlet und Trainer ist es derzeit schwer, weil Welt- und Europameisterschaften oder andere internationale Wettkämpfe nicht durchgeführt werden können. Die Wettkämpfe, die derzeit unter besonderen Schutzmaßnahmen, oft in isolierten Blasen der Teilnehmer organisiert werden, geben wichtige Hinweise für andere Wettkämpfe im Hinblick auf einen erfolgreichen Umgang mit der Pandemie. Auch und gerade für Multisportevents wie die Olympischen Spiele. Und wenn wir über Wettkampf und Training hinausdenken: In dieser Corona-Pandemie wäre die Austragung der Olympischen Spiele im Sommer 2021 in Tokio eine wichtige Etappe auf dem Weg in eine neue Normalität. Nach der Zeit, die uns zu Abstand und Trennung zwingt, wären die Spiele ein wichtiges Signal für das Verbindende, nicht nur im Sport.

Auch ohne Zuschauer?

Schimmelpfennig: Im Zweifelsfall auch ohne Zuschauer. Das IOC und das Organisationskomitee in Tokio gehen zumindest von der Möglichkeit stark reduzierter Zuschauerzahlen aus.

Die Winterspiele in Peking sind weiter weg, aber ein vorolympischer Winter, eingeschränkt durch die Pandemie, dürfte auch Probleme aufwerfen. Wird es dennoch einfacher für die Wintersportler in den Loipen und an den Hängen werden?

Schimmelpfennig: Nein, es ist für die Wintersportarten nicht einfacher. Auch für Peking wird schon überlegt, ob die Qualifikationswettbewerbe noch mal ein Stück verschoben werden. Der DOSB wird die Nominierungskriterien auch im Wintersport an die Qualifikationen der Internationalen Verbände anpassen. Ob im ersten Quartal 2021, also ein Jahr vor den Spielen, die Testevents wie geplant ausgetragen werden können, ist derzeit mehr als fraglich. Zudem ist auch für den Wintersport die Ausrichtung von internationalen Wettkämpfen mit wenig oder keinen Zuschauern sehr herausfordernd.

Zahlreiche Sportveranstaltungen und Titelkämpfe wie EM und WM sind abgesagt oder verlegt worden. Was hat das für Folgen für Tokio?

Schimmelpfennig: Das ist für Athleten und Trainer in ihrem Leistungsaufbau eine große Beeinträchtigung. Eine Problematik, die wir auch im Hinblick auf die Sommerspiele in Tokio haben. Für die Spitzenverbände sind die ausfallenden Sportgroßveranstaltungen sehr problematisch, nicht nur, aber vor allem auch wirtschaftlich. Insgesamt halt eine außergewöhnlich schwierige Lage, die wir in diesem Jahr erleben. Auch im neuen Jahr sind diese Schwierigkeiten wohl noch einige Zeit gegeben.

Wie beurteilen sie die Maßnahmen und Überlegungen des IOC, um die Spiele in Tokio und Peking austragen zu können?

Schimmelpfennig: Das IOC und das Organisationskomitee haben einen Plan mit Gegenmaßnahmen und Einschränkungen, um die Spiele in Tokio auszutragen. Und das bedeutet für uns, dass auch die Spiele in Peking ausgetragen werden sollen. Wir denken, dass mit den Konzepten und den Überlegungen der Organisationskomitees und des IOC die Olympischen Spiele umsetzbar sind. Wir alle, Athleten, Betreuer, Medien und Zuschauer werden sehr flexibel sein müssen, um die Spiele in Tokio und Peking unter Einschränkungen austragen zu können. Es werden sicher Spiele, wie es sie noch nie gab.

Macht es angesichts der besonderen Situation Sinn, Medaillen- und Leistungsprognosen für Tokio zu geben?

Schimmelpfennig: Wir sind im Leistungssport und die Athleten haben sich über Jahre auf die Olympischen Spiele vorbereitet - zuletzt unter sehr erschwerten Bedingungen. Wir wollen auch unter diesen Rahmenbedingungen bei den Olympischen Spielen leistungsstark und erfolgreich sein. Ob uns das gelingt, muss sich zeigen. Wir konzentrieren uns deshalb auf die Entwicklung der eigenen Leistungsstärke, um uns für Tokio zu qualifizieren und dort mit dem bestmöglichen Leistungsvermögen anzutreten. Dort werden wir erleben, wie konkurrenzfähig wir sind. Nach den Spielen werden wir wieder alles detailliert auswerten. Heute ist der falsche Zeitpunkt - auch aus Unkenntnis zur weltweiten Konkurrenzsituation im nächsten Sommer -, um sich Gedanken um Leistungs- und Medaillenprognosen zu machen.

Tun Ihnen die Sportler leid, auch die, die durch die Corona-Krise die Tokio-Spiele nicht mehr erleben werden?

Schimmelpfennig: Leider gibt es Sportler, die die Spiele durch die einjährige Verschiebung nicht erleben können. Insgesamt tun mir aber alle Sportler auf allen Leistungsniveaus leid, denn alle mussten sich einschränken und auf vieles verzichten. Den Athleten kommt in dieser besonders schwierigen Zeit aber ihre große Leidenschaft für den Sport und die Fähigkeit, sich auf Widrigkeiten einzustellen, zugute. So bekommen wir von vielen Sportlern und Trainern die Rückmeldung, dass es in dieser Zeit, in der optimale Rahmenbedingungen nicht gegeben sein können, wichtig ist, die bestmöglichen Lösungen zur Vorbereitung auf die Spiele in Tokio und Peking zu suchen und zu finden.

ZUR PERSON: Dirk Schimmelpfennig (58) ist seit März 2015 Vorstand Leistungssport des DOSB. Zuvor war er beim Deutschen-Tischtennis-Bund in verschiedenen Führungspositionen.

© dpa-infocom, dpa:201119-99-395420/3

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Kurzporträt Dirk Schimmelpfennig